Herbert Grönemeyer wirkt aufgeblasen auf dem Cover seines aktuellen Albums „Unplugged – von allem anders“. Dabei tritt er, einer der allergrößten deutschen Pop-Musiker, meistens eher bodennah und besonnen auf. Aber hier fläzt er ganz stylish und mit Riesen-Schuhsohle voraus auf einer – natürlich aufgeblasenen – Flugzeugnotrutsche. Auf der anderen Seite des Albums der Stöpsel eventuell eines Schlauchbootes, mit dem man die Luft ablassen könnte. Dazu kann man jetzt allerhand herumspinnen, vielleicht sogar einen Faden zu seinem größten Schauspiel-Einsatz im berühmten Unterseeboot 96 im Film „Das Boot“, das am Ende ja auch sank. Aber die eigentliche Frage ist: Was, wenn man diesem hier recht geschwollen grinsenden Musiker, den Stöpsel zieht?
Das ist nun auch nichts Neues. Vor gut 30 Jahren war Grönemeyer der erste nicht-englischsprachige Musiker, den das Pop-Fernsehen MTV nach Neil Young, Nirvana, Eric Clapton und so weiter zu seiner legendären „Unplugged“-Reihe einlud. Ritterschlag, logisch. Und er lieferte in dem Konzert 1994 im Studio Babelsberg alles abgespeckt und verschmitzt, was man von ihm liebte: „Männer“, „Alkohol“, „Chaos“. Es war auch die Basis dafür, dass der ruhmreiche Bochumer nach London zog und in Deutschland fast nur noch in Rock-Stadien zu erleben war, 2002 gipfelnd im Volks-Album „Mensch“.
Lange her. Grönemeyer bevorzugt schon länger eher die intimeren 15 000er-Hallen, ist Pop-Eminenz und Wohltäter in diversen Initiativen, aktuell „Fondament“ (gegen Armut) oder „Fairshare-Music“ (gegen arme Künstler). Aber auch musikalisch hat sich viel getan: Es gibt weniger Paraden-Hits freilich, aber umso interessantere Nummern, wie auf dem jüngsten Studioalbum „Das ist los“. Diese 30-jährige musikalische Entwicklung seit „Unplugged“ reflektiert Grönemeyer nun auf „Unplugged 2“ und der zugehörigen Tour „mittendrin – akustisch“ am 14. Februar in der Münchner Olympiahalle.
Diesmal hat er es ohne MTV gemacht, aber nach den alten Spielregeln: nur Naturinstrumente. Und, das hat seiner Meinung nach noch keiner gemacht: mit menschlichen Stimmen en masse, das habe ihn interessiert. Und so lud er sich den Rundfunkchor Berlin ein. Der Klassik-Chor fragte recht nett, ob sie sich „an ihm orientieren“ oder „lieber gerade“ singen solle. Der Nuschel-Sänger meinte: „Die sollen schön gerade singen, die sollen sich nicht meiner annehmen. Die sollen nicht zu sehr auf mich hören, dass macht meine Band auch nicht.“

Zusammen, auch mit Klassik-Instrumentalisten, tasteten Sie sich mehr als ein Jahr lang an das Herz von 23 Stücken heran: „Mensch“, „Mut“, „Demo (Letzter Tag)“, „Zeit, dass sich was dreht“, „Doppelherz / İkı Gönlüm“ und sein neues Liebeslied „Flieg“ – alle reduziert, aber eben auch ganz schön aufgeblasen und „Turmhoch“. Auf Tournee soll das genauso rüberkommen, „reduziert, aber eben doch nicht reduziert“ – mittendrin auf einer Mittelbühne in besonders intimer Atmosphäre.
Wer allerdings den guten alten dampfenden, rockenden „Herby“ erleben will, der kann sich jetzt schon um Tickets für den 29. oder 30. Mai 2027 bemühen. Wer aber gerade schon noch mehr Unplugged-Magie möchte, der findet Anfang Februar in München noch weitere akustische Höhepunkte im feinen Rahmen: Keglmaier & Kuthan, eine singende Bratschistin und ein Skateboard fahrender Zitherspieler, fabrizieren bei den Fraunhofer Volksmusiktagen „folkloristischen Minimalismus“ (6. Februar). Der Talkmaster und bayerische Liedermacher Werner Schmidbauer, der mit seinen Freunden Pippo Polina und Martin Kälberer schon in der Arena di Verona spielte, spielt bei den „Singer-Songwriter-Tagen“ im Wolf-Ferrari-Haus in Ottobrunn sein neues Weltenretter-Solo „Mia San Oans“ (6. Februar).
Anarcho-Liedermacher-Held Götz Widmann kommt mal wieder ins Backstage (6.), Günther Sigl ohne seine Spider Murphy Gang unter anderem in die Pasinger Fabrik (8.) und Wolfgang Niedecken ohne BAP (mit denen er im Herbst noch in der Olympiahalle spielt), in das als „Dings“ zwischengenutzte Sendlinger-Tor-Kino (5. und 6.). Auch Joel Gibb hat man schon im Stadion gesehen: mit seinen Hidden Cameras beim Abschiedsspiel von Mehmet Scholl. Jetzt spielt der bestens mit München verbandelte Kanadier diesen hinreißenden Queer-Folk-Rock solo im Ampere – seine neuen Electro-Dance-Tracks sollten da nicht stören (10.).

