Hendlsprechstunde auf dem Oktoberfest:Alles über das Huhn

Erst suchten Künstler ein Wiesn-Hotel für ein Huhn, jetzt lädt Ammer-Festwirt Josef Schmidbauer zur Hendlsprechstunde aufs Oktoberfest - allerdings werden dort keine Hendl beraten, sondern deren Vertilger, die Wiesn-Besucher.

Franz Kotteder

Was das Thema "Hendl" angeht, wundert einen ja kaum noch was. Ein paar Künstler haben zum Beispiel am Sonntag unter dem Motto "Ein Wiesn-Hotel für ein Huhn" ein Zimmer im Hotel Haydn für das Huhn Calimera gemietet, damit endlich auch mal ein lebendes Hendl auf die Wiesn kommt. Künstler halt! Und vor dem Ammer-Festzelt gibt es jetzt wochentags um 14 Uhr eine "Hendlsprechstunde".

Die hält der Wirt Josef Schmidbauer persönlich ab, und zur Premiere kamen gestern immerhin sechs Ratsuchende. Die Bezeichnung "Hendlsprechstunde" ist ein wenig missverständlich, denn hier werden keine Hendl beraten, sondern deren Vertilger, also Wiesn-Besucher. Der Ammer ist seit 126 Jahren mit einem Zelt auf dem Oktoberfest vertreten und als Hühnerbrater weithin bekannt. Seit 1999 aber hat er ein Alleinstellungsmerkmal unter all den Hendlbratereien: Er ist der einzige, der ausschließlich Bio-Hendl verkauft.

Die sind um einiges teurer als die herkömmlichen, 11,50 Euro zahlt man für ein halbes im Straßenverkauf, und natürlich kommt schon bei der ersten Sprechstunde die Frage: Warum so viel, wo doch das ganze Hendl in der Grillstation vor dem Baumarkt nur 2,99 Euro kostet? Und was ist da anders als bei den Industriezüchtern vom Schlage Wiesenhof?

Konventionell gezüchtete Hendl haben im Schnitt nach 30 Tagen die Schlachtreife erreicht, sagt Schmidbauer, Bio-Hühner dürfen länger leben, nämlich 80 Tage. Allein durchs Futter kommen sie den Bauern schon wesentlich teurer. Dann die Haltung: nicht in der Halle, sondern im Freien, praktisch keine Medikamente und erst recht keine Antibiotika, die den Tieren sonst oft einfach mal so verabreicht werden, damit sie gar nicht erst krank werden können. Und dann kommen die Bio-Hendl meistens aus der Region, also aus Bayern, ab und zu auch aus Baden-Württemberg und Österreich. Da sind natürlich auch die Personalkosten höher als in Polen.

Und der Vorteil für den Verbraucher? "Durch die längere Freilandhaltung bilden die Hühner weniger Fett und mehr Muskeln aus", sagt Schmidbauer, "das Fleisch schmeckt viel besser und ist auch nahrhafter." Das, sagt er, sei damals auch sein Antrieb gewesen, auf Bio-Ware umzusteigen: "Wir sagten uns, es kann doch nicht sein, dass unser Hauptprodukt eigentlich nach nix mehr schmeckt!" Da pflichtet ihm ein Sprechstundenbesucher bei: "Lieber etwas weniger Fleisch essen als so ein billiges Graffl!" Dass Hotel-Huhn Calimera diesem Argument etwas abgewinnen kann, darf man aber wohl trotzdem bezweifeln.

© SZ vom 20.09.2011
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