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Forschung in München:Helmholtz-Zentrum in Geldnot

Helmholtz-Zentrum München eröffnet "Bio Repository", 2018

Das Münchner Helmholtz-Zentrum mit Sitz in Neuherberg nennt sich Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt.

(Foto: Florian Peljak)

Wegen wirtschaftlicher Probleme sollen mehrere hundert Stellen im Forschungszentrum abgebaut werden. Der Betriebsrat sieht Fehler bei der Geschäftsführung, bei den Mitarbeitern herrschen Verunsicherung und Wut.

Von Gudrun Passarge

Das Helmholtz-Zentrum München ist in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Mitarbeiter berichten, bei einer Informationsveranstaltung sei von Stellenabbau und Umstrukturierungen die Rede gewesen. So soll die Zahl der Mitarbeiter von 2600 auf circa 2300 reduziert werden. Nun hat sich auch der Betriebsrat in einem Newsletter an die Mitarbeiter gewandt und zur "finanziellen Schieflage des Zentrums" Stellung genommen, illustriert mit einer Zeichnung, die einen Geier auf dem Arm eines Mannes zeigt mit der Unterschrift "Keiner will's gewesen sein". Der Betriebsrat kritisiert in seinem Brief ein "Wachstum ohne Gegenfinanzierung". Betriebsbedingte Kündigungen seien nach Auskunft der Geschäftsleitung nicht geplant, schreibt der Betriebsrat, "angesichts der Vielzahl an befristeten Stellen nur ein kleiner Trost".

Das Münchner Helmholtz-Zentrum mit Sitz in Neuherberg nennt sich Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, seine Schwerpunkte sind Forschungen in den Bereichen Diabetes, Allergien und chronische Lungenerkrankungen. Unter dem neuen Namen firmiert es seit 2008, vorher war das Zentrum als Gesellschaft für Strahlenforschung bekannt. Das Forschungszentrum ist eine GmbH, Gesellschafter sind zu 90 Prozent der Bund, vertreten durch das Bundesforschungsministerium und zu zehn Prozent das Land Bayern mit dem Finanzministerium. Das Münchner Zentrum ist der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren angeschlossen. Dort sind 19 naturwissenschaftlich-technische und medizinisch-biologische Forschungszentren in Deutschland zusammengeschlossen. Das Münchner Zentrum listet 48 Institute auf, einige auch mit Sitz in anderen Städten wie Leipzig, Tübingen oder Augsburg. Das Jahresvolumen wird auf 308 Millionen Euro für 2018 beziffert.

Bei der Informationsveranstaltung, so berichten Mitarbeiter, sei ein Defizit von mindestens zehn Prozent des Budgets genannt worden. Es sei von einem Einstellungsstopp gesprochen worden, die Anzahl der Mitarbeiter solle reduziert werden. Außerdem werde das Zentrum umstrukturiert mit einer Stärkung der Gesundheitsthemen. Auch die Geschäftsführung, so die Mitarbeiter, habe betont, sie sei von dem Defizit überrascht worden. Als einer der Gründe wurde angegeben, man sei zu schnell expandiert. Der Betriebsrat greift diesen Punkt in seinem Newsletter auf. Noch bei den Betriebsratswahlen im April 2018 seien 2200 Beschäftigte wahlberechtigt gewesen, jetzt sei von 2600 Mitarbeitern die Rede, ein Wachstum von etwa 400 Stellen in gut einem Jahr. Dieser massive Stellenzuwachs und "die anscheinend fehlende Gegenfinanzierung scheint die Geschäftsführung zu überraschen: Innerhalb eines Zeitraums von wenigen Wochen sind wir, um nicht in die Insolvenz zu rutschen, von hohen (wie hoch?) zusätzlichen Geldern des Zuwendungsgebers abhängig geworden".

Die Geschäftsleitung nimmt auf Anfrage zu Details keine Stellung, spricht jedoch von einem strategischen Umbauprozess, der gewährleisten soll, das Zentrum langfristig "noch besser in der internationalen Spitzenforschung zu positionieren". Die Zahl der Mitarbeiter sei durch die Neuorientierung insgesamt gestiegen, "auch weil sich der gleichzeitig geplante Abbau langsamer entwickelt hat, als dies abzusehen war". Hinzu kämen noch Schwankungen im Drittmittelbereich, Investitionen in zukunftsorientierte Projekte und Steuernachzahlungen. Diese Mehrkosten müssten durch Einsparungen jetzt und in den kommenden Jahren kompensiert werden, heißt es. Die Geschäftsleitung spricht von einem "klugen Maßnahmenkatalog", um die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit zu erhalten und zukunftsweisende Projekte zum Erfolg zu führen bei ausgeglichenem Haushalt.

Konkret genannt werden verzögerte Neurekrutierungen, restriktiver Umgang mit Verlängerungen von Arbeitsverträgen in einigen Bereichen, und es werde notwendig sein, "dass einige Institutsleitungen im Zuge von geplanten Ruhestandseintritten nicht nachbesetzt werden". Außerdem werde "die übliche Fluktuation" zum Abbau genutzt. Im übrigen läuft gerade eine Sonderprüfung, die der Aufsichtsrat beschlossen hat. Ende September werden die Ergebnisse erwartet, schreibt das Bundesforschungsministerium. Auf dieser Grundlage würden die Geschäftsführung und der Aufsichtsrat dann alle notwendigen Maßnahmen beschließen.

Viele Mitarbeiter sind verunsichert, manche auch wütend. Sie wissen nicht, ob ihre Verträge noch verlängert werden. "Was nun bevorsteht ist ein Personalabbau von mehreren Hundert Mitarbeitern in den nächsten vier Jahren", schreibt der Betriebsrat. Den Mitarbeitern, "die nicht das Glück haben in auserwählten Instituten angestellt zu sein", rät er, sich spätestens drei Monate vor dem Auslaufen eines Vertrags arbeitslos zu melden. Der Betriebsrat selbst werde "alternative Sanierungskonzepte" prüfen. Sobald konkrete Maßnahmen bekannt seien, werde eine Betriebsversammlung einberufen.

© SZ vom 09.08.2019/tah
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