Die Nachricht ließ das Schlimmste befürchten: Als die Münchner Polizei am Nachmittag des 10. Juni 2020 alarmiert wurde, hieß es, in der Ungererstraße sei ein schwarzer Kleintransporter in eine Menschengruppe gefahren. Mehrere Personen seien verletzt. Spekulationen über einen Terroranschlag machten die Runde. Die Polizei leitete eine Großfahndung ein. Gegen 20 Uhr wurde der Kleintransporter vom Typ Mercedes Vito im Stadtteil Am Hart gefunden. Wie sich herausstellte, gehörte er der Verlobten von Nedim C., einem Mitglied des Charters „Munich Area“ der Hells Angels. Nedim C. war verschwunden. Erst Ende vergangenen Jahres tauchte der inzwischen 39-Jährige wieder auf, stellte sich am Münchner Flughafen der Polizei und kam in Untersuchungshaft.
Seit diesem Mittwoch muss sich Nedim C. vor der 10. Strafkammer am Landgericht München I verantworten. Laut Anklage saß er am Steuer des Kleintransporters und soll zwei Männer umgefahren haben. Sie überlebten. Der Verteidiger des 39-Jährigen, Rechtsanwalt Andreas Schwarzer, sagte, dass sein Mandant dazu zunächst keine Angaben machen werde. Lediglich eine Schlägerei mit einem Kassierer im Juni 2019 in einem Schnellimbiss in der Triebstraße räumte C. über seinen zweiten Verteidiger, Rechtsanwalt Mathias Grasel, ein.
Neben Nedim C. auf der Anklagebank sitzen Mustafa U., ein 35 Jahre alter, muskulöser und kahlköpfiger Schlosser, sowie der breitschultrige, groß gewachsene Valonis K. Der 33-Jährige ist Lagerist. Sie sind ebenso wie Nedim C. wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt und sollen bei der mutmaßlichen Tat in der Ungererstraße mitgemacht haben. Die beiden befinden sich auf freiem Fuß, auch sie machten keine Angaben zum Prozessauftakt. Mustafa U. und Valonis K. waren zur Tatzeit sogenannte „Prospects“, also Anwärter auf eine Vollmitgliedschaft beim Münchner Charter der Hells Angels. Nedim C. hatte die Stellung eines „Sergeant at Arms“ inne und war für die Disziplin im Club zuständig.
Der „Angriff“ in der Ungererstraße, wie es in der Anklage der Staatsanwaltschaft heißt, sei „vor dem Hintergrund langjähriger Streitereien“ zwischen den mutmaßlichen Tätern und deren Opfer zu sehen. Beide Gruppierungen seien seit Langem verfeindet. Auslöser für die Tat in der Ungererstraße sei gewesen, dass ein Mitglied der gegnerischen Gruppierung die Verlobte von Nedim C. an jenem 10. Juni 2020 angeblich beleidigt und bedroht hatte. Nedim C. und die beiden Prospects sollen deshalb beschlossen haben, dem vermeintlichen Übeltäter eine Abreibung zu verpassen.
Die mutmaßlichen Opfer flüchteten in eine Apotheke
Im Laufe des Nachmittags jenes 10. Juni sollen C. und seine mutmaßlichen Komplizen erfahren haben, dass sich der Mann, der die Verlobte des „Sergeant at Arms“ beleidigt habe, mit anderen Männern in einem Lokal in der Ungererstraße aufhält. Daraufhin sollen die drei Angeklagten und womöglich weitere Mitglieder der Hells Angels mit mehreren Fahrzeugen dorthin gefahren sein. Als der Mann, der die Verlobte beleidigt und bedroht haben soll, mit einem Begleiter das Lokal verließ, soll Nedim C. mit einer Machete in der Hand auf ihn zugestürmt sein. Unterstützt worden sein soll er dabei von mindestens zwei weiteren Personen – eine davon mit einer Schusswaffe.
Die mutmaßlichen Opfer flüchteten in eine Apotheke. Ein weiterer Begleiter der beiden Männer, der die Angreifer nicht rechtzeitig bemerkt habe, sei von den Hells Angels brutal niedergeschlagen und schwer verletzt worden. Nedim C. und seine Begleiter seien daraufhin verschwunden. Als dieser sah, dass die zwei Männer die Apotheke verließen, soll er sie mit dem Kleintransporter mit Tempo 20 angefahren haben. Anschließend sollen die Männer von C., den Prospects und weiteren noch unbekannten Tätern verprügelt worden sein. Der Mann, der die Verlobte des 39-Jährigen beleidigt haben soll, erhielt zudem einen Stich mit einem spitzen Gegenstand in den Rücken.
Ein Urteil in dem Prozess wird für Mitte Juli erwartet.

