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Helfen mit Bildern:Der Blick fürs Wesentliche

Mit vollem Einsatz in der Kletterwand: Für die Initiative "Heute ein Engel" arbeitet Alessandro Podo ehrenamtlich als Fotograf

Von Katharina Federl

Macht ihr mal. Ich geh' einfach dahin, wo ihr seid", sagt Alessandro Podo mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. Er positioniert sich so hinter Klettertrainerin Verena Freymann, dass er mit seiner Kamera festhalten kann, wie der neunjährige Julius dem letzten Klettergriff immer näherkommt. "Ich will die Kinder in ihrem Alltag sehen, echt und ungestellt", sagt er, bevor er sich probeweise auf den Boden legt, in die Hocke geht, ein paar Schritte nach hinten tritt und dann wieder nach vorne. Auf der Suche nach dem perfekten unperfekten Bild.

Heute ist Alessandro Podo ein Engel. Ein dunkel gekleideter Engel mit Turnschuhen und einem Drei-Tage-Bart. Dazu geworden ist er durch das Stiftungsprojekt "Gute Tat". Im Rahmen der Initiative "Heute ein Engel" vermittelt die Stiftung engagierte und talentierte Menschen an gemeinnützige Organisationen und Projekte. Dabei können die Helfer den Zeitrahmen ihres Engagements frei auswählen, indem sie online aus einer täglich aktualisierten Übersicht ein passendes Projekt heraussuchen.

Zum dritten Mal ist Alessandro Podo schon für das inklusive Projekt "Bayerns beste Gipfelstürmer" als ehrenamtlicher Fotograf im Einsatz. Seit Herbst 2014 bietet das Projekt Kletterkurse für Kinder und Jugendliche mit körperlichen und geistigen Behinderungen, lebensverkürzenden Krankheiten und sozialen Benachteiligungen an. "Wir setzen uns für die ein, die am Rande unserer Gesellschaft stehen", erklärt Ulrike Dietrich, die das Projekt in Kooperation mit der Friedl-Eder-Schule ins Leben gerufen hat und seither leitet.

kletterhalle Kirchheim

Möglichst natürlich will Alessandro Podo die Kinder beim Gipfelsturm fotografieren.

(Foto: Catherina Hess)

Um ein Projekt wie dieses zu stemmen, braucht es freiwillige Helfer wie Alessandro Podo. Vor etwa sieben Jahren ist er auf dem Tollwood-Festival in München auf den Werbestand der Stiftung "Gute Tat" aufmerksam geworden. Dort konnte man sich mit einem Pappmaché-Engel fotografieren lassen, allerdings nur mit einer Kompaktkamera. "Das könnte man doch auch mit einer gescheiten Kamera machen", merkte Podo eher spaßhaft an, woraus sich dann ein Gespräch entwickelte. Am Ende füllte er ein Formular aus, wenig später engagierte er sich bei einer Vernissage erstmals als ehrenamtlicher Fotograf.

Seine Leidenschaft für die Fotografie entdeckte Podo mit 21 Jahren. "Meine damalige Freundin hatte zwei Kinder, und ich fand es immer schade, dass es nur verwackelte Handybilder von ihnen gibt", erzählt der gebürtige Münchner. Auf einem Sommerfest fotografierte er die Kinder dann mit seiner ersten eigenen Kamera, einer Nikon 7100, und merkte schnell: "Offenbar habe ich ein Auge dafür." Beim Fotografieren geht es Alessandro Podo um das Festhalten von Momenten. "Ich will mich auch in zehn Jahren noch an einen bestimmten Tag erinnern können", sagt er.

Hauptberuflich arbeitet der 29-Jährige als Netzwerkbetreuer im Leibniz-Rechenzentrum in Garching. Vor sechs Jahren meldete er außerdem ein Kleingewerbe an, um die Fotografie zu seinem Nebenjob zu machen. Seitdem wird er oft für Hochzeiten und Familienfotos in und um München gebucht. Etwa zwei Monate pro Jahr widmet er seiner ehrenamtlichen Tätigkeit.

Was treibt einen jungen Menschen an, so viel Zeit für eine Tätigkeit aufzubringen, für die er nicht bezahlt wird? "Ich bin zwar nicht reich, aber ich habe genug Geld zum Leben. Deshalb will ich benachteiligten Menschen ein kleines Stück von meinem Glück abgeben", erklärt der 29-Jährige. "Außerdem glaube ich daran, dass alles, was man gibt, irgendwann zu einem zurückkommt." Und schließlich lerne er durch die projektbezogene Arbeit viele interessante Persönlichkeiten kennen, die er "sonst vermutlich nie getroffen" hätte.

kletterhalle Kirchheim

Alessandro Podo hat seine Leidenschaft für die Fotografie entdeckt.

(Foto: Catherina Hess)

Die Arbeit mit den Kindern der Friedl-Eder-Schule gibt Alessandro Podo vor allem eines: Zeit und Gelegenheit, seine eigenen Denkmuster infrage zu stellen. "Ich hatte nie wirklich Berührungspunkte mit behinderten Menschen. Sie taten mir irgendwie immer leid und ich wusste anfangs nicht genau, wie ich mit ihnen umgehen soll", gibt er zu. Durch sein ehrenamtliches Engagement habe sich das geändert: "Ich habe mich immer öfter gefragt: Warum denke ich so? Das sind doch auch nur ganz normale Menschen wie du und ich."

"Hallo, ich bin der Alessandro", sagt er zu Julius, der mittlerweile wieder auf festem Boden angekommen ist, und gratuliert ihm mit einem High Five zum Klettererfolg. Julius trägt über beiden Ohren ein Cochlea-Implantat, eine Hörprothese, die die Funktion der beschädigten Teile seines Innenohrs übernimmt. "Hallo, ich war ganz oben!", antwortet der Neunjährige stolz.

© SZ vom 21.01.2020
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