Hélène Grimaud in München:Jugendlich durchs Spätwerk

Hélène Grimaud beweist mit ihrem Abend voller letzter Kompositionen, wie gut die Isarphilharmonie als Klavier-Konzertsaal klingt.

Von Michael Stallknecht, München

Zwei einsame Scheinwerfer erhellen den Flügel auf der Bühne der Isarphilharmonie - das richtige Licht für einen Klavierabend, der nur späte, letzte, tiefe Kompositionen enthält. Aber auch für Hélène Grimaud, die gern aus der Stimmung, dem poetischen Moment heraus spielt. Beim Beginn mit Ludwig van Beethovens Opus 109, einer seiner letzten Klaviersonaten, führt das nicht allzu weit. Die vertrackte Form lässt sich nicht über pauschale Lautstärkenkontraste knacken, im häufig nebelnden Pedal versinken fugierte Passagen vollends.

Deutlich näher liegt Grimaud die Melancholie in den Drei Intermezzi op. 117 von Johannes Brahms. Das ausgiebige Rubato betont das Mürbe, sich innerlich Auflösende im Spätwerk, sorgt bei den Sieben Fantasien op. 116 nach der Pause auch für das Kapriziöse, für Gegensätze zwischen den Stimmungen, die Brahms hier zum Zyklus gezwungen hat. Auch wenn Schnelleres weiterhin undurchsichtig bleibt, Grimaud zudem die seltsame Angewohnheit hat, beide Hände häufig nicht zu synchronisieren. Es verstärkt, freiwillig oder unfreiwillig, das Übergewicht des Melodischen, das dem alten Brahms eine naive, jugendsehnsuchtsvolle Frische gibt.

Bruchlos - warum? - schließt Grimaud danach die berühmte d-Moll-Chaconne von Johann Sebastian Bach für Violine solo an, die in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni der Pianistin alles abverlangt, sie damit auch zu formaler Stringenz zwingt. Jedenfalls reißt der Tastenrausch das Publikum in der ausverkauften Isarphilharmonie zu Jubelstürmen hin.

Dass es nicht viele Pianisten gibt, die diesen Raum allein füllen können, gehört wohl - neben den Ansprüchen der Münchner Orchester - zu den Gründen, warum hier relativ selten Klavierabende stattfinden. Dass ist schade, denn einem Flügel kommt die klare Klangprojektion zugute, während sie ganze Orchester knallig klingen lässt. Sollte es also in München in grauer Zukunft endlich mal wieder genug große Säle geben, könnte man die Isarphilharmonie als Kammermusiksaal bewahren. Und bis dahin wenigstens mittels intimerer Beleuchtung für einen klareren Fokus sorgen.

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