Theater:Hitlers Nachhall

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Heldenplatz Kammerspiele

"Heldenplatz" mit neuem Akt: Für seine Inszenierung an den Kammerspielen hat Regisseur Falk Richter Thomas Bernhards Stück um die Gegenwart ergänzt. Hier die Schauspielerinnen Katharina Bach und Annette Paulmann.

(Foto: Denis Kuhnert)

Falk Richter inszeniert an den Münchner Kammerspielen Thomas Bernhards "Heldenplatz". Das Stück löste 1988 in Wien einen Theaterskandal aus.

Von Egbert Tholl, München

Der erste Gedanke: Ist doch verwunderlich, dass Falk Richter nun an den Münchner Kammerspielen Thomas Bernhards "Heldenplatz" inszeniert (Premiere ist diesen Samstag im Schauspielhaus). Verwunderlich deshalb, weil Falk Richter selbst Stücke schreibt und diese und viele andere inszeniert und dabei stets viel Wert darauf legt, dass die Aufführungen, die dabei herauskommen, passgenau im Diskurs des Moments stehen. Wie passt da Bernhards Stück, mit dem der Uraufführungsregisseur Claus Peymann 1988 am Wiener Burgtheater den Österreichern um die Ohren haute, in was für einem verrotteten, antisemitischen, revanchistischen, kleingeistigen, engstirnigen, verbohrten, korrupten und überhaupt insgesamt widerwärtigen Staat sie lebten?

Am Ende des einstündigen Gesprächs mit dem wundervoll freundlichen Falk Richter weiß man, warum er's macht. Da sei zunächst einmal die Sprache, die ihn fasziniere, die schier endlosen Monologe, dieses Hineinbohren in ein Thema, die klare Haltung und die radikale Auseinandersetzung mit politischer Realität. Die sah 1988 in Österreich so aus: Kurt Waldheim war 1986 zum Bundespräsidenten gewählt worden, obwohl der Jüdische Weltkongress schon vor der Wahl Dokumente vorgelegt hatte, die eine profunde Nazi-Vergangenheit Waldheims belegten. Nun, die Österreicher wählten ihn wohl grad aus Trotz, hatten in der Folge einen international isolierten Präsidenten. Teile des Materials gegen Waldheim werden, so Richter, auch in der Aufführung eine Rolle spielen. Wie auch Aufnahmen aus dem Jahr 1938.

Hier jubelten 1938 die Österreicher in Massen Hitler zu

Der Heldenplatz liegt neben der Hofburg im Zentrum Wiens und ist deshalb berühmt, weil hier am 15. März 1938 die Österreicher in Massen Hitler zujubelten und den "Anschluss" ihres Landes an Nazideutschland feierten. Im Stück springt 50 Jahre später der Professor Josef Schuster aus dem Fenster seiner am Heldenplatz gelegenen Wohnung, seine Witwe hört immer noch das Jubelgeschrei von 1938, hat es in der Wohnung nie ausgehalten. Die Schusters, eine jüdische Familie, waren vor Hitler nach Oxford geflohen, nun kehrten sie zurück, weil der Wiener Bürgermeister Josef Schuster wieder auf dessen alten Lehrstuhl einsetzen wollte.

Neben der Witwe gibt es noch den Bruder des Verstorbenen, Robert, ebenfalls Professor und bei Bernhard Sprachrohr der elaboriertesten Suaden gegen die österreichischen Verhältnisse. Es gibt die beiden Töchter Anna und Olga, von denen eine sich eine eher beschwichtigende Haltung anerzogen hat, obwohl sie auf den Straßen Wiens als Jüdin bespuckt wird. Es gibt noch einen Sohn, Kollegen aus dem Uni-Bereich, ein Hausmädchen und Frau Zittel, die nicht nur den ersten Akt mit Alltagspalaver und einem Psychogramm der Familie beherrscht, sondern auch als Wirtschafterin des Verstorbenen diesem zu Lebzeiten wohl näher stand als die eigene Frau. Der erste und der dritte Akt spielen in der Wohnung, der zweite spielt im Volksgarten.

Obwohl es sich angesichts der jüngeren Vorgänge um einen jugendlichen Ex-Kanzler und dessen Entourage anböte, will Falk Richter garantiert kein Stück über Österreich machen - "Heldenplatz" hat in Deutschland keine nennenswerte Aufführungsgeschichte. Die Entscheidung für das Stück liege auch viel länger zurück als das Bekanntwerden der Eskapaden des Herrn Kurz. Schon bevor die Intendantin Barbara Mundel 2020 die Kammerspiele übernahm, war klar, dass sie "Heldenplatz" auf dem Spielplan sehen wollte; Falk Richter sagte ihr die Inszenierung gerne zu. Richter ist Teil der künstlerischen Leitung, oder, wie er es nennt, Teil der "Corona-Verwaltung"; er habe nicht das Gefühl, ein Theater mitzuleiten, wo doch gerade diese feste Verbindung mit einem Haus für ihn so etwas wie Heimat sei.

Aber Theater muss sein, und "Heldenplatz" erst recht. Auslöser war für Falk Richter die Frage, wie Angehörige einer gefährdeten gesellschaftlichen Minderheit damit umgehen, dass die Situation kippt, und sie abermals gefährdet sind. Oder, verknappt gesagt: Bleibt man als Jude in Halle, nachdem ein Neonazi dort mordete und ein Massaker in der Synagoge anrichten wollte? Bernhard wurde nach der Premiere vorgeworfen, er bediene sich, um seine Themen zu verhandeln, als Nichtjude einer jüdischen Familie, die er auch noch durchaus mit Farben malt, die aus der Palette antisemitischer Klischees stammen - intellektuelle, überheblich, wohlhabend.

Falk Richter

Bleibt man, wenn die Situation kippt? Eine der Fragen, die Falk Richter an das Bernhard-Stück stellt.

(Foto: Tobias Kruse)

Zeitliche Verschiebungen: 1938, 1988, 2021

Falk Richter versteht den Vorwurf, aber viel wichtiger sei, dass alle Figuren Menschen seien, die von der Politik direkt betroffen sind, wenn man sie nicht schützt. Oder wenn ein Klima entsteht, in dem Revanchismus und Antisemitismus wieder in der Bürgerschicht salonfähig werden, Polizeibeamte Adressen gefährdeter Menschen weitergeben und Geschichte vom Erinnern an Gräuel gesäubert wird wie damals versuchsweise die Biografie Waldheims. "Wir diskutieren das Stück auf der Grundlage dessen, was gerade in Deutschland passiert." Es gebe zeitliche Verschiebungen, 1938, 1988, 2021, und für die Gegenwart fügte Richter einen Akt hinzu, schob ihn, in Absprache mit dem Suhrkamp-Verlag, zwischen Bernhards Akte zwei und drei, führt als Überschreibung Bernhardscher Themen vor allem die hier nun stark verjüngten Uni-Kollegen in die bundesdeutsche Gegenwart. Auf eines darf man gespannt sein: Thomas Bernhard zerfetzt in seinem Stück auch einen Großteil der österreichischen Presse, hier ist nun die deutsche im Fokus. Offenbar auch diese Zeitung, die Sie gerade lesen.

Selbst einen solchen Akt zu erfinden, ist für Falk Richter nichts Ungewöhnliches, er ist Autor und Regisseur gleichermaßen. Einerseits fühle er sich wohl, wenn er, allein mit sich, schreibe, andererseits liebt er das Reden, das Diskutieren, die Auseinandersetzung am Theater, in den Proben, wenn die Texte durch die Schauspielenden zu wachsen beginnen. Da kann es auch mal vorkommen, dass Schauspielende seine eigenen, Richters Texte gegen den Regisseur Richter verteidigen, an Stellen, die er schon streichen wollte. Er denke beim Inszenieren eigener Texte nicht, er erarbeite gerade ein literarisches Meisterwerk von diesem Autor Falk Richter.

Als 1988 die Uraufführung nach fünf Stunden endete, bejubelten die Zuschauer im Parkett Claus Peymann und das Ensemble, von den Rängen indes schallten Rufe wie "Peymann raus!" und "Österreich lebe!", eine Nationalflagge wurde über die Brüstung gehängt. C. Bernd Sucher berichtete damals in dieser Zeitung, Peymann selbst lachte dazu übermütig. "Die Provokation ist gelungen, der Coup saß."

Heldenplatz, nach Thomas Bernhard - in einer Fassung mit neuen Texten von Falk Richter, Kammerspiele, Samstag, 4. Dez., 19 Uhr, Karten unter www.muenchner-kammerspiele.de.

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