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"Heimat Straße":Öffentliches Armutszeugnis

Wohnungslose Roma zeigen in einer Ausstellung ihre akute Not im reichen München auf

Seit 22 Jahren lebt Pembe Penka in München, mehr als 15 davon war sie wohnungslos. Jetzt ist sie eine von denen, die es gut haben. Sie lebt in einer Unterkunft des Jobcenters, das Zimmer teilt sie sich mit zwei anderen Menschen. Unzufrieden ist sie deshalb nicht. Sie erinnert sich lebhaft daran, wie es früher war, als sie von Wänden und einer Küche träumte. Träume, die Menschen wie Pembe Penka und andere Wohnungslose mit Hilfe von Einwegkameras festgehalten haben. Das Sozialnetzwerk Regsam zeigt ihre Bilder unter dem Titel "Heimat Straße" in seiner Reihe "Aktiv gegen Armut".

Heimat Straße

Viel Warten und Hoffen.

(Foto: Privat)

Weil sie nicht mehr zur Arbeit gehen darf, steht Penka mit einer Freundin vor einem Laden an der Landwehrstraße, der syrische Süßigkeiten verkauft. Es ist leicht, sie hier anzutreffen: An dieser Ecke der Münchner Innenstadt stehen eigentlich immer sogenannte "Tagelöhner". In München gehören sie fast alle zu der türkischsprachigen Roma-Minderheit Bulgariens. Auch Penka stammt ursprünglich aus Bulgarien, ihre Familie lebt in Pasardschik. Vor kurzem war sie dort auf Besuch, dafür hat sie bei ihrem Arbeitgeber Urlaub eingereicht. Der sollte sogar bezahlt werden, ein echter Volltreffer. Viele bulgarische Migrantinnen und Migranten in Deutschland können nur schwarz arbeiten, nur selten werden sie offiziell angestellt. So sparen sich die Arbeitgeber nicht nur Sozialabgaben, sondern nehmen den Mitarbeitern auch fast jede Möglichkeit, sich und ihre Rechte zu vertreten.

Heimat Straße

Bilder einer Ausstellung, in der wohnungslose Arbeitsmigranten mit einer Einwegkamera ihre Lebensverhältnisse dokumentiert haben: Jobsuche an der Landwehrstraße.

(Foto: Privat)

Als die Münchnerin von dem Familienbesuch in der alten Heimat zurückkehrt, ist ihr Job weg. Auch das versprochene Urlaubsgeld hat sie bis heute nicht erhalten, viel dagegen unternehmen kann sie nicht.

In Bulgarien ist es für Angehörige der türkischsprachigen Minderheit schwer, eine Arbeitsstelle zu finden. Behörden wie auch potenzielle Arbeitgeber hegen Vorurteile. Um eine Perspektive zu haben, verlassen viele Roma Bulgarien als sogenannte Arbeitsmigranten Richtung Deutschland, vor allem München. Arbeiten dürfen sie aber auch hier selten, täglich hoffen sie auf den Bürgersteigen an der Landwehrstraße auf einen Kurzzeitjob. Pembe Penka will nicht mehr hinnehmen, dass ihr Arbeitnehmerrechte verwehrt werden. "Sie behandeln uns nicht wie Menschen. Wie mit Tieren gehen sie mit uns um, das müssen die Leute erfahren", erklärt sie. Die Leute erfahren es tatsächlich. In der Performance "Tagasyl" führen Penka und ihre Freunde durch die Stadt. Sie nehmen alle, die sich darauf einlassen möchten, mit zu den Stationen ihres täglichen Lebens. Eine solche Station ist die "Schiller 25". Hier, bei der "Migrationsberatung Wohnungsloser" an der Ecke Schillerstraße/Landwehrstraße, müssen sich wohnungslose Arbeitsmigranten jede Woche einen Wohnberechtigungsschein ausstellen lassen, wenn sie in der Bayernkaserne schlafen wollen.

Heimat Straße

Der meist beengte Schlafplatz im Versteck.

(Foto: Privat)

Die frühere militärische Liegenschaft an der Heidemannstraße ist provisorisches Zuhause für viele, die sonst draußen schlafen müssten. Bisher nur in den frostigen Nächten von November bis April, doch genau das könnte sich dank "Tagasyl" jetzt ändern. Eine der Spazierenden auf der ersten Tour im Mai 2018 ist Münchens Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD). Mit der Armut der bulgarischen Roma hat sie sich schon zuvor beschäftigt. Die akute Not in ihrer Stadt zu erleben, schockiert die Politikerin dennoch. Eine so wohlhabende Stadt wie München dürfe nicht wegschauen, wenn es um die Ärmsten gehe, sagt die Sozialdemokratin bei der Vernissage zu "Heimat Straße" am Dienstag.

Für "Tagasyl" statten die Künstler Karnik Gregorian und Bülent Kullkcu die Tagelöhner mit Einwegkameras aus. Damit dokumentieren die Erzählenden ihren Alltag, bebildern sich selbst. Sie wollen nicht mehr von anderen beschrieben werden. In der Ausstellung fordern sie ein, was sie brauchen. Die Möglichkeit, dauerhaft in der Bayernkaserne unterzukommen, beispielsweise. Mit einem Wohnsitz, den sie bei Jobbewerbungen angeben könnten, stiegen auch ihre Chancen auf eine Anstellung. Analog, auf Abzügen von Einwegkameras, starten diese Forderungen ihre Reise. Am Ende sind sie wieder analog: auf dem Ausdruck zweier Anträge, eingereicht von CSU und SPD. Sie möchten eine Möglichkeit finden, die Bayernkaserne das ganze Jahr über für Wohnungslose zu öffnen.

Zu sehen sind die Bilder im Foyer der Benediktinerabtei St. Bonifaz, Karlstraße 34, die Performance am 5. und 8. November, 19 Uhr, startet bei der Arbeiterwohlfahrt an der Sonnenstraße 12a.