Süddeutsche Zeitung

Hegemann in München:"Ich verrenne mich, ich muss aufhören"

Lesezeit: 3 min

Mit einem irrwitzigen Auftritt bewirbt sich Skandalautorin Helene Hegemann in München um einen Buchpreis - und klagt über eine "barbarische Maschinerie".

M. König

Das Original kommt vor der Kopie, so auch in diesem Fall. Vor gut zwei Wochen wurde in München das Buch des Berliner Bloggers Airen gelesen, und zwar in der Niederlassung, einer Szene-Kneipe im Glockenbachviertel. Der mit Airen befreundete Blogger Deef Pirmasens gab Szenen aus Strobo zum Besten.

Nun ist Helene Hegemann in München zu Gast, im weniger szenigen Literaturhaus. Hier werden an diesem Abend die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden. Hegemanns Roman Axolotl Roadkill liegt im Foyer zum Verkauf aus, ein dicker Stapel, viel dicker als jene der anderen Autoren Jan Faktor, Georg Klein, Lutz Seiler und Anne Weber. Die sind allesamt renommierte Schriftsteller, durchschnittlich 34 Jahre älter als Hegemann und auch in der Kategorie Belletristik preisverdächtig.

Strobo gibt es an diesem Abend nicht zu kaufen, es ist dennoch allgegenwärtig: Strobo ist das Original, Axolotl Roadkill die Kopie. Das ist übertrieben, aber frappierend waren sie schon, die Ähnlichkeiten, die der Münchner Blogger Pirmasens zwischen Airens Roman und dem später publizierten Hegemann-Debüt festgestellt hatte. Seitdem tobt die Plagiatsdebatte - und ist das Fräuleinwunder Hegemann so beliebt wie Guido Westerwelle bei Hartz-IV-Empfängern. Aber auch so bekannt.

Das gefällt nicht jedem in den großzügigen Räumen des Münchner Literaturhauses, einige der Gäste möchten lieber nicht über Hegemanns Nominierung sprechen. "Ich habe zwei Kinder in dem Alter", sagt einer ihrer Mitbewerber und blickt vielsagend drein. Über den prall gefüllten Saal wird er dennoch froh gewesen sein.

Es ist ein bisschen so, als hätten Placido Domingo und José Carreras die Jungs von Tokio Hotel zur Seite gestellt bekommen - und alle teilen sich die Einnahmen.

Ein wenig respektlos

Die Dramaturgie der Veranstalter ist beinahe perfekt. Der Reihe nach werden die Autoren Weber ( Luft und Liebe), Faktor ( Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag) und Seiler ( Die Zeitwaage) auf die Bühne gebeten. Autor Klein ( Roman unserer Kindheit) muss sich gedulden, was ihm gegenüber ein wenig respektlos ist, denn später, nach Hegemanns Auftritt, wird der Saal ein gutes Stück leerer sein.

Die derzeit meist diskutierte deutsche Autorin trägt ein schwarzes Schlabbershirt zu schwarzen Leggins und schwarzen Schuhen, ihre vom Feuilleton ausreichend gewürdigte Vorhang-Frisur liegt strähnig auf schwarzen BH-Trägern, als sie die Bühne betritt.

Helene Hegemann ist wahnsinnig aufgekratzt, im Gespräch sagt sie Dinge wie: "Wenn man strafmündig ist, ist das auch nicht so wahnsinnig großartig" und: "Was als Normalität performt wird, bringt auch keine Glücksgefühle". Diese Sätzchen klängen auch dann wahnsinnig, würde man sie im vollständigen Kontext zitieren.

"Mal die Luft rauslassen"

Über die Plagiatsdebatte möchte Hegemann zunächst gar nicht sprechen, "weil alles, was ich sage, von der barbarischen Pressemaschinerie gegen mich verwendet wird". Geschätzte zwei Dutzend Journalisten im Saal schreiben mit. Das ist schwierig, denn Hegemann spricht sehr schnell.

Sie windet sich zunächst und sagt: "Ich verrenne mich hier, ich muss aufhören, glaube ich". Weil der Interviewer nachbohrt, schießt sie wie auswendig gelernt ein paar knackige Zitate hinterher: "Man müsste mal die Luft rauslassen aus der Debatte." Oder: "Man kann am besten über das schreiben, was man nicht eins zu eins erlebt hat." Und: "Ich wollte nie eine Copy-and-Paste-Galionsfigur sein."

"Ich hatte das schon geahnt"

Wenn der Abend eine Erkenntnis bringt, dann diese: Eine Galionsfigur ist Helene Hegemann keinesfalls. Eher das Opfer eines Hypes, von dem sie profitiert, der für eine 18-Jährige aber offensichtlich ungesund sein kann.

In der 20-minütigen Pause verschwindet sie im Backstage-Raum, während sich alle anderen Schriftsteller unter die Besucher mischen. Nicht einmal, als sie aus ihrem eigenen Buch vorlesen soll, kann Hegemann einen klaren Gedanken fassen.

"Ich nehme doch die andere Stelle, ich hatte das schon geahnt", murmelt sie und blättert hektisch. Anschließend liest sie so schnell wie jemand, der im Deutschunterricht unbedingt Ärger von der Lehrerin bekommen möchte.

Helene Hegemann hat eine lustige Passage ausgewählt, es geht darin um einen cholerischen Anfall der Mutter der Protagonistin. Es kommt Blut darin vor, eine Verletzung im Beckenbereich des Mädchens, Erbrochenes und Fäkalien sowie Gewalt.

Drogen und Sex sind diesmal nicht dabei, das "performt" für München offenbar genau richtig. Ältere Damen in tantigen Kostümen und hellbraunen Lederstiefeln prusten vor Lachen. Sie sind deshalb so gut zu erkennen, weil sie direkt nach Hegemanns Auftritt fluchtartig den Saal verlassen - und somit den Auftritt von Georg Klein verpassen, der als letzter der Nominierten an der Reihe ist.

Klein liest ebenfalls einen Text, in dem es um Blut geht, entfernt sogar um Sex. Klein ist Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises, er sagt, sein Werk sei autobiografisch. Einer seiner stärksten Sätze lautet: "Die Menschen sind tollkühne Tiere."

Vielleicht hebt sich Helene Hegemann ihn für den nächsten Roman auf.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.22790
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.