Süddeutsche Zeitung

"Heavens Gate":Kletterhalle im Werksviertel muss für drei Jahre schließen

  • Die Kletterhalle "Heaven's Gate" im Werksviertel muss voraussichtlich für drei Jahre schließen.
  • In direkter Nachbarschaft werden große Bauprojekte umgesetzt - darunter das geplante Hotelsilo, das 80 Meter hoch werden soll.
  • Der Geschäftsführer der Halle hadert mit der Schließung - aber er sieht auch neue Chancen.

Von Toni Wölfl

Ein letzter Kraftakt, eine letzte Anstrengung. Mit den Händen zieht sich ein Mädchen die Kletterwand hoch, von unten sehen die Klassenkameraden gespannt zu. Die Schülerin erreicht ihr Ziel und verharrt noch ein Weilchen da oben in der Luft. Ein passendes Bild für die Zukunft der Boulder- und Kletterhalle "Heavens Gate" am Ostbahnhof. Denn die ganze Anlage befindet sich in der Schwebe.

Bauarbeiten in unmittelbarer Nachbarschaft machen eine Zwangspause nötig. Weil nebenan und auf dem Dach ein Hotelturm entstehen soll, muss die Kletterhalle drei Jahre lang schließen. "Behördliche Auflagen zwingen uns dazu", sagt Markus Wiegand, Sprecher der Firma Otec, Eigentümer des Grundstücks.

Die Hiobsbotschaft von einer dreijährigen Pause sorgt für Unruhe beim Geschäftsführer der Kletterhalle, Benjamin Plahl. "Als ich das gehört hab, das war erst mal ein Schock." Er ging von nur einem Jahr Pause aus, wie es ihm vom Eigentümer gesagt worden sei. Das wiederum kann der Otec-Sprecher nicht nachvollziehen. "Die Modernisierung der Halle dauert ein Jahr, der Bau des Hotels drei Jahre." Weil letzteres zu einem Teil direkt über die Kletterhalle gebaut wird, sei Personenverkehr während des Baus zu gefährlich, sagt Wiegand.

Die Halle befindet sich auf dem Areal der einstigen Pfanni-Werke. Das Gelände gehört heute Otec-Chef Werner Eckart, dem Enkel des Pfanni-Gründers. Der Geschäftsmann hatte dort seit langem Großes vor: Wo einst der Kunstpark und die Kultfabrik Menschen zum Feiern anzogen, soll bis 2020 ein neues Stadtviertel entstehen. Mit Wohnungen, Büros und Bars, Geschäften und Hotels. Inklusive Münchner Konzerthaus. Und mittendrin im neuen Kreativquartier liegt die Kletterhalle. "Sie ist für uns eine wichtige Institution", sagt der Otec-Sprecher. Kultur, Sport, Kreativwirtschaft - da passt die Attraktion sehr gut ins Konzept.

Doch Ende März ist erst mal Schluss, sagt der Chef im Kletterhaus. Dass es dazu kommen würde, sei schon seit vier, fünf Jahren klar gewesen, so Plahl. Der Mietvertrag sei stets nur für ein, zwei Jahre verlängert worden. "Es hieß immer, wir müssen weg. Man konnte nicht wirklich viel investieren, die Zukunft war immer ungewiss."

Nun steht sie fest - und Plahl ist nicht allzu glücklich darüber. "Drei Jahre sind schon bitter. Kürzer wäre besser." Man habe sich bislang auf ein Jahr Pause vorbereitet. "Wir haben schon peu-à-peu die Zahl der Mitarbeiter verringert." Die verbliebenen vier Festangestellten werden sich was Anderes suchen müssen. Denn wirtschaftlich würden die bevorstehenden Jahre fast ohne Umsatz schwierig, sagt Plahl.

Die Halle wird attraktiver - aber erst in drei Jahren

"Im Herbst 2019 sollen wir dann wieder reindürfen." Im Frühjahr 2020 sei die Wiedereröffnung geplant. Bis dahin werde groß umgebaut. Eine neue Halle mit 400 Quadratmetern Boulderfläche soll entstehen, dazu über 1000 Quadratmeter an neuen Klettersteigen, ein Outdoorbereich, ein Raum für Yoga und Physiotherapie, dazu Büros und neue Sanitärräume.

Auch das Markenzeichen, die einzigartigen Klettertürme, sollen großteils bleiben. Die Klettersportler steigen nämlich in ehemaligen Kartoffelmehlsilos empor. Mit mehr als 30 Metern gehören sie angeblich zu den höchsten Kletteranlagen in Europa. Ein ganz besonderes Abenteuer für die Sportler.

Das alles zählt Plahl auf und macht damit klar: "Wir werden vergrößern, die Halle wird deutlich attraktiver." Es ist nicht so, als würde er sich nicht über die Veränderung im Haus und im ganzen Viertel freuen. Er betont das gute Verhältnis zum Vermieter. Und doch hadert er. "Wir haben 1100 Mitglieder. Wir werden sehr viele verlieren." Denn zur Halle gehört auch ein Verein, die IG Klettern München & Südbayern. Plahl rechnet mit einer hohen Austrittszahl.

Klar, ohne Halle keine Klettersportler. "Deswegen streben wir gerade Kooperationen mit anderen Hallen an." Die Mitglieder sollen im Verein bleiben, aber woanders trainieren dürfen. Genauso die 30 ehrenamtlichen Trainer. "Und wir suchen wenigstens eine kleine Ausweichmöglichkeit auf dem Gelände." Die Gemeinschaft, deren Bastion bislang stets die Halle war, soll nicht abreißen.

Mit Herzblut hängt der 40-Jährige an seinem "Baby", wie er es nennt. 1994 wurde der Verein von Kletterfreunden gegründet, vier Jahre später die Halle angemietet. Damals war Bouldern noch unbekanntes Neuland. "Das hat sich nach und nach erst als eigene Sportart entwickelt." Das Besondere am Team von "Heavens Gate" sei das soziale Engagement, zum Beispiel bei der Integration von Behinderten. Dass auch Blinde klettern können, hätten die vielen Teilnehmer mit Handicap eindrucksvoll bewiesen.

Daraus ist ein spendenfinanziertes Projekt entstanden: "Bayerns beste Gipfelstürmer". Dabei sporteln behinderte, bedürftige und schwerkranke Kinder und Jugendliche gemeinsam mit anderen Gästen. Dieses Projekt steht trotz dreijähriger Schließung nicht auf der Kippe, sagt Ulli Dietrich, eine von zwei hauptamtlichen Betreuerinnen. "Wir machen aus der Not eine Tugend und breiten unser Konzept auf andere Hallen aus."

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SZ vom 17.01.2017/vewo
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