Haushaltsauflösung "Echte Schätze sind selten"

Ralf Gerstenlauer räumt mit seiner Firma "Rümpel Fritz" Wohnungen und Häuser aus. Manche Dinge lassen sich zwar zu Geld machen, doch das meiste landet auf dem Müll

Von Eva Casper

Ralf Gerstenlauer geht in die Hocke und zieht die Schublade eines Sideboards im Wohnzimmer heraus. Auf der Rückseite steht in feiner Bleistiftschrift eine "2". Ein Zeichen dafür, dass es sich um echte Handarbeit handelt. Bei industriell gefertigten Möbeln ist es egal, welche Schublade wo hinkommt. Bei handgefertigten dagegen passt nur die Nummer zwei auch an die zweite Stelle. Das ist für Gerstenlauer erst einmal ein gutes Zeichen. Möbel in guter Qualität, handgefertigt - damit kann er etwas anfangen. Beim Blick auf die Rückwand des Sideboards, das vermutlich aus den Sechzigerjahren stammt, kommt dann allerdings die Enttäuschung: Die Teakholz-Optik des Möbelstücks ist tatsächlich nur eine Optik. Ein Großteil besteht aus billigem Pressspann.

Trotzdem will Gerstenlauer dem Sideboard eine Chance geben. Es wird eines der wenigen Möbelstücke an diesem Tag sein, für das er noch eine Zukunft auf dem deutschen Markt sieht. Seine Glatze hat der 41-Jährige mit einer Wollmütze gegen die Kälte geschützt. Seit fünf Jahren ist er selbstständig als Entrümpler für die Firma "Rümpel Fritz" im Raum München unterwegs. Davor war er zwölf Jahre bei der Bundeswehr. Doch die Leidenschaft für alte Sachen sei bei ihm schon immer da gewesen. 30 bis 40 Mal pro Monat wühlen er und sein Team sich durch verlassene Wohnungen und Häuser. Heute ist es das Haus eines verstorbenen Ehepaares in Lochhausen. Eines von der Generation, die noch einen Brockhaus besaßen, Schreibmaschinen oder ein Verkehrsschilder-Memoryspiel nach der Straßenverkehrsordnung vom 1. März 1971.

Der Chef Ralf Gerstenlauer prüft genau, welche Möbel sich vielleicht noch verkaufen lassen.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Echte Schätze sind selten", sagt Gerstenlauer. Schaltet man den Fernseher ein, könnte man auch einen anderen Eindruck bekommen: dass es scheinbar kaum einen Keller in deutschen Haushalten gibt, in dem Kamerateams von Reality-TV-Sendungen noch nicht Zeugen eines tollen Fundes waren. Gerstenlauer sagt, er habe so etwas einmal mitgemacht und dann nie wieder. "Da ist mir zu viel gestellt." Er hätte für die Kamera so tun sollen, als würde er einen Schatz finden, wo keiner war.

Für viele Dinge, die Gerstenlauer bei seinen Entrümpelungen findet, muss er bezahlen, um sie überhaupt los zu werden. Müllentsorgung ist eine teure Angelegenheit. Gerade beim Holz seien die Kosten explodiert. Früher habe er noch Geld bekommen, wenn er Sperrmüll ablieferte. Heute muss er bis zu 80 Euro pro Tonne bezahlen. Stürme und umgeknickte Bäume hätten die Holzlager überfüllt.

Um die Kosten für die Entsorgung niedrig zu halten, verschenkt Gerstenlauer viele Dinge. Ein Teil davon landet auf dem Flohmarkt. Zum Beispiel die schwarze Schreibmaschine, verpackt in einem Koffer. "Nach der NSA-Affäre ist die Nachfrage nach diesen Dingern tatsächlich gestiegen", sagt Gerstenlauer.

Jeder zweite Erblasser vermacht seinen Hinterbliebenen ein Haus oder eine Wohnung. Was nicht mehr gebraucht wird, entsorgen Entrümpelungsexperten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Was nicht auf den Flohmarkt kommt, verschenkt er auch an rumänische Händler. Zum Beispiel an Günther Lipp. Der Deutsch-Rumäne ist Teil seines Teams, aber ein bis zwei Mal pro Monat fährt der 44-Jährige mit einem vollgepackten Transporter mehr als 1300 Kilometer weit nach Rumänien. "Für viele Menschen dort sind neue Möbel unbezahlbar", sagt er. Was sein Chef in Deutschland nicht loswird, landet dort. Es gab mal eine Zeit, da war das andersrum. Da waren rumänische Möbel in Deutschland gefragt. Lipp findet immer wieder mal welche bei seinen Entrümpelungen. "Es wird so viel weggeschmissen", sagt er. "Ich kaufe selber nie Möbel."

Während sein Team noch komplette Skiausrüstungen aus dem Haus trägt, muss Gerstenlauer schon zur nächsten Besichtigung: Firmenauflösung. Ein Fitnessstudio in Schwabing: viel Licht, viel Weiß, viel Leere - aber eben noch nicht ganz leer. Es stehen noch kreisrunde Podeste, Schränke. Eine Theke, an der es keine Ecken gibt, glänzt marshmallow-weiß. Sie wurde eigens für das Studio entworfen. Trotzdem wird sie im Müllcontainer landen. Es sei schwierig, so etwas zu verkaufen, sagt Gerstenlauer - und teuer. Man brauche Lagerräume, eine eigene Logistik. Das lohne sich einfach nicht. Was er noch für verkäuflich hält, gibt er an Händler weiter, die die Sachen aufbereiten.

Neben dem Sideboard sind das heute eine Regalwand - diesmal aus echtem Teakholz - und ein paar Stühle: "Die wackeln selbst nach 30, 40 Jahren nicht." Und ein Teppich in Tetris-Optik: "Stellen Sie sich den in Kombination mit ein paar hochwertigen Möbeln vor." Am Ende entscheidet aber der Kunde auf dem Flohmarkt oder im Secondhand-Laden, was vom Besitz des Ehepaares noch verwendet wird - und was auf dem Müll landet.