Queeres Leben in München:Der lange Kampf um Anerkennung

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Ausstellung Haus der Kunst München

Schon lange im Münchner Festtagskalender etabliert: der Christopher Street Day. Hier ein Foto aus dem Jahr 1998.

(Foto: Horst Middelhoff)

Im Rahmen der Reihe "Archives in Residence" stellt das Forum Queeres Archiv München e.V. im Haus der Kunst aus und macht Alltag, Kultur und Geschichte der LGBTIQ-Community begreifbar.

Von Sarah Maderer, München

Unser Rundgang beginnt in der Bayerstraße. Hier beherbergt der seit 1999 bestehende Verein Forum Queeres Archiv München e.V. einen bunten Fundus an Erinnerungsstücken, die Alltag, Kultur und Geschichte der LGBTIQ-Community in und um München begreifbar macht. "Bei diesem Archiv hat man das Gefühl, eine Wohnung zu betreten, man geht rein und ist mittendrin in den Dokumenten." So beschreibt Sabine Brantl das Forum, dessen Schätze sie für die Reihe "Archives in Residence" als Kuratorin ins Haus der Kunst geholt hat.

Brantl hat "Archives in Residence" 2018 ins Leben gerufen. "Für mich als Archivarin des Hauses war die Fragestellung wichtig: Welche Dokumente dienen der Geschichtskonstruktion und welche Quellen werden hierfür herangezogen?". Als besonders wertvolle Quellen empfand sie autonome Archive, also solche, die weder von Stadt oder Staat noch von der Mehrheitsgesellschaft getragen werden und die sich auf bestimmte Aspekte fokussieren. "Diese Reihe begreift Archive nicht nur als Aufbewahrungsort, sondern als Institutionen der Gedächtnisbildung", erklärt Brantl. So reiht sich nun das Forum Queeres Archiv als Ort für alternative Wissensbildung in die "Archives in Residence" ein.

Ausstellung Haus der Kunst München

Im Fasching werden starre Regeln durchlässig: ein Foto aus Rosenheim in den 50er-Jahren.

(Foto: Forum Queeres Archiv München e.V. / Nachlass Kirsten Nilsson)

Betritt man die Archivausstellung, stößt man zunächst auf ein meterhohes Stahlgerüst, an dem man körperlich wie gedanklich erst einmal vorbei muss, um die Dokumente des Forums sehen zu können. Das Gerüst bildet in Video, Text, Bild und Realien die Geschichte des Haus der Kunst ab, von seiner Entstehungszeit als "Haus der Deutschen Kunst" - Symbol der Nazi-Ideologie und Schauplatz für deren Kunstpropaganda- über die von Umbruch gezeichneten Nachkriegsjahre, bis zum heutigen Haus der Kunst als Ort der Reflexion und Herberge für die ehemals "entartete" Moderne. Für Sabine Brantl ist diese Historische Dokumentation des Hauses eine stimmige Brücke zur Archivausstellung: "Beim Queeren Archiv geht es auch um Sichtbarkeit, den Kampf um Anerkennung und die Geschichte von Homosexuellen im Nationalsozialismus - da gibt es schon Berührungspunkte."

Beim Blick auf die Inhalte des Stahlgerüsts blitzen bereits hier und da die bunten Exponate des Forums durch die eher gedeckten Farben der Historischen Dokumentation - bewusst gesetzte Störfaktoren oder "kleine Interventionen", wie Sabine Brantl sie nennt. Den Wohnzimmerflair des Archivs hat Brantl mit einem pinken Grundriss auf die Wände des Ausstellungsraums übertragen, sodass die Besucher und Besucherinnen gedanklich nicht nur auf einen Rundgang durch das Archiv mitgenommen werden, sondern auch durch München.

Die Ausstellung zeigt prägende Orte in München

Da wäre zum Beispiel "Max & Milian", der erste schwule Buchladen Münchens, der 1989 in der Schellingstraße eröffnete und 2012 in der Ickstattstraße schloss. Das Ladenschild dieses letzten Standortes konnte sich das Queere Archiv sichern. Oder die Schnappschüsse von der Bar "Bei Cosy", wo sich von 1962 bis 82 dem Audioguide zufolge - zunächst in der Baader-, dann in der Klenzestraße - "alle Existenzen trafen und tolerierten". Weiter geht es über die WG für lesbische Frauen am Sendlinger Tor und über die Hans-Sachs-Straße, wo jährlich am 30. April von der Community das Ehrenamt der Seligen Maikönigin gewählt wird, Richtung Innenstadt, wo 1987 am Marienplatz die Demonstration gegen die Aids-Politik der Bayerischen Staatsregierung abgehalten wurde, oder wo 1980 eine mutige und überschaubare Gruppe den ersten Christopher Street Day Münchens beging - vom Sendlinger Tor über Viktualienmarkt und Universität bis zum Chinesischen Turm.

Zu all diesen denkwürdigen Ereignissen der Münchner Geschichte gibt die Archivausstellung keinen Zugang vor, Anfang und Ende gibt es nicht. Kuratorin Sabine Brantl empfiehlt eine freie und assoziative Herangehensweise gleichsam einer Archivrecherche. So bleibt jedes Auge an anderer Stelle hängen, an den Fotos, die Brantl kollagenartig an den Wänden arrangiert hat, an den Röhrenfernsehern, die Interviews mit Zeitzeugen wie Alexander Miklosy von der Rosa Liste abspielen, an Zeitschriften oder am Realienschrank. Dazu kommen über den Audioguide von Akteuren des Forums eingesprochene Originaltöne, sodass sich dem inneren Ohr und Auge ein vielseitigerer und umfassenderer Diskurs auftut, als es der kleine Raum der Archivausstellung zunächst vermuten lässt.

Archives in Residence - Forum Queeres Archiv München: Ausstellung im Haus der Kunst von 28.November 2021 bis 1. Mai 2022, Eintritt frei, Zutritt mit 2G Plus

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