Kino im Hauptbahnhof Wie das Aki mehr als eine Generation prägte

Das Aki war im ersten Stock der Bahnhofshaupthalle beheimatet, das Foto zeigt das Kino im Jahr 1990 - sechs Jahre vor der Schließung.

(Foto: Marlies Schnetzer)
  • Der Hauptbahnhof wird teilweise abgerissen. Die 1953 eröffnete Schalterhalle wird am 6. Mai zugesperrt.
  • Damit verschwindet nicht nur der Ort, an dem man Fahrkarten erstehen konnte.
  • Mit dem Abriss verschwindet auch ein Stück Kinogeschichte.
Von Karl Forster

Am 6. Mai wird ein Ort geschlossen, den viele Münchner und München-Besucher gut kennen: die Schalterhalle des Hauptbahnhofs. Sie wird abgerissen, bis 2026 soll an ihrer Stelle ein neues Zugangsgebäude zur zweiten S-Bahn-Stammstrecke entstehen. In der Schalterhalle ließen sich lange nicht nur Fahrkarten erstehen. In ihr wurde auch Kinogeschichte geschrieben.

Aki heißt eine Provinz in Japan, dort liegt zum Beispiel die Stadt Hiroshima. Aki wurde auch ein Krater auf dem Mars getauft. Aki Kaurismäki dagegen ist weder Provinz, noch Krater, sondern ein so bekannter wie tiefschürfender Filmregisseur aus Finnland. Womit man dem Aki, das einst im Münchner Hauptbahnhof zu Hause war, schon näher kommt, wenn auch nicht allzu nah. Denn erstens wissen die Jüngeren mit dem Begriff Aki überhaupt nichts mehr anzufangen, zweitens bringen die Älteren es eher in Verbindung mit Filmen wie "Blutjunge Masseusen" oder Oswalt Kolles "Das Wunder der Liebe" als mit beispielsweise "Le Havre" von Kaurismäki. Drittens sind nicht mehr so viele Menschen in der Stadt unterwegs, die das Aki überhaupt noch als das kennen, wofür die Abkürzung eigentlich steht: Aktualitätenkino.

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Als solches diente es im ersten Jahrzehnt nach der Eröffnung im Jahr 1951. Und so ist die Geschichte des Aki auch eine Geschichte der Nachrichtenübermittlung von der "Ufa Wochenschau" über "Blick in die Welt" bis zur "Fox tönender Wochenschau" aus der Nachkriegszeit über das Videozeitalter bis zur personalisierten Überbringung der News auf das Smartphone, welches heute auch gerne den Dienst übernimmt, den das Aki in späteren Jahren mit den jungen Masseusen innehatte.

Kein Wunder also, dass das Goetheinstitut, Deutschlands vornehmer Kulturbotschafter und -verweser, in einem Aufsatz über die Geschichte des Aktualitätenkinos gleich zu Anfang die Adjektive "schmuddelig", "niveaulos" und "berüchtigt" zur Einleitung wählt, um darauf hinzuweisen, dass diese Institution, ob in München oder in welcher Stadt auch immer es sich befand, ein "starkes Stück westdeutscher Kinokultur" darstelle. Denn es wurde um den Beginn der zweiten Jahrhunderthälfte ja nicht nur München mit der Aki-Kinokultur beglückt. Unter anderem wählte die in Frankfurt ansässige Aki-Aktualitätenkino Aktiengesellschaft mit ihrer Tochter, der Aktualitätenkino-Betriebs-GmbH, auch Berlin, Hamburg, Köln, Solingen oder Mönchengladbach als Standorte für diese nahezu einheitlich gestalteten Spielstätten aus. Anno 1954 waren es republikweit insgesamt 18 Stück.

Das Kino als solches war ja schon spätestens seit 1931 mit dem Berliner "Wochenschau"-Lichttheater als Nachrichtenbörse etabliert, später nutzte es die Nazi-Propagandamaschine auf ihre Art als "Influencer". Und nach dem Krieg waren die Lichtspielhäuser immer noch das einzige bildgebende Medium zur "Reeducation", wie die Amerikaner die damals aktuellen entnazifizierenden Bildungsmaßnahmen nannten. Im Aki waren also regelmäßig vor den jeweiligen Spielfilmen von Amerikanern und Engländern produzierte Dokumentarfilme abzuspielen. Wer damals beispielsweise mit der Isartalbahn nach Ebenhausen fahren musste, um im Internat des Benediktinerklosters Schäftlarn einzuchecken, nutzte die Wartezeit zwischen dem Zug nach München und dem vom Münchner Holzkirchner Bahnhof raus nach Süden, um das Neueste aus aller Welt zu erfahren.

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Diese alliierten Erziehungsprogramme waren zum Start des Münchner Aki-Kinos schon wieder abgeschafft. Das dem Frankfurter Modell nachempfundene Lichtspieltheater aber gedieh prächtig. Gut 500 Plätze, Eintritt ein Fuffzgerl, die Einrichtung funktional und noch ohne jenen späteren Hauch von Schmuddeligkeit: Der Laden brummte, der Wissensdurst nach dem Weltgeschehen war groß. So groß, dass der damals noch für den Hörfunk in Stuttgart arbeitende, aber schon recht spitzfederige spätere Großdichter Hans Magnus Enzensberger in einem seiner berüchtigten Essays die Aki-Nachrichten aufs Korn nahm: "Dressierte Affen, die Pfeife rauchen und Klavier spielen; Der zweijährige John legt Männer auf die Ringmatte; Erstes Hotel für Hunde in Berlin; Weiblicher Stierkämpfer wird auf die Hörner genommen; Auch Elefanten müssen zum Finanzamt." Der Aufsatz trug den Titel "Scherbenwelten".

Der immer mächtiger werdende Konkurrent des Aki-Kinos aber stand bald zu Hause im Wohnzimmer: der Fernsehapparat. Zwar gibt es Fernsehen in Deutschland bereits seit 1935, die Hitlerschen Olympischen Spiele von 1936 hatten schon an die 10 000 Zuschauer in der Woche. Doch zum Massenmedium wurde die Glotze erst in den Sechzigerjahren, als die ARD, ihre Regionalsender und das ZDF eine gewisse Auswahl ins Heimkino brachten. Das Aki-Regime konterte zunächst mit Streifen, die fürs öffentlich rechtliche Fernsehen tabu waren, also mit Splatter-, Horror- und Sexstreifen wie "Zombies unter Kannibalen" oder "Nackt und zerfleischt".

Doch auch die Liebhaber von Blut und Sperma bekamen bald die Möglichkeit, ihrer Lust zu Hause zu frönen: 1975 eröffnete die bundesweit erste Videothek in Kassel, nahe München machte der Laden "Video Number One" in Fürstenfeldbruck auf. Es folgte ein wahrer Boom; das Kürzel VHS bedeutete also nicht mehr Volkshochschule, sondern Video Home System, was allerdings ebenfalls als eine Art Volkshochschule diente, weil man dort zum Beispiel von Oswalt Kolle lernen konnte, was man schon immer über Sex wissen wollte, und es, anders als im Aki am Hauptbahnhof, zu Hause auch gleich ausprobieren konnte.

Münchens Aki-Dependance war im ersten Stock der Bahnhofshaupthalle beheimatet, vom Eingang aus gesehen links im Eck über dem Tabakladen. Die Plakate hingen neben der Treppe. Und je mehr Sex und Horror die Aki-Leinwand dominierten, desto verdruckster schlichen die Besucher oft mit hochgeschlagenem Mantelkragen in den Kinosaal, egal, ob sie nur die Wartezeit für den nächsten Zug überbrücken wollten oder aus sonstigen Gründen Ablenkung vom Alltag suchten.

Sex auf der Leinwand war da in den Kinos der Stadt ja auch schon lange Gang und Gäbe. Hatte doch die 68er-Bewegung nicht nur mit dem Spruch "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" einen zwar etwas frauenfeindlichen, aber dennoch die Gesellschaft verändernden Sinnspruch etabliert. Regte man sich noch 1964 heftig über Ingmar Bergmans Film "Das Schweigen" und die hier ausgiebig gezeigten Kopulations- und Masturbationsszenen auf, so wurde zwei Jahre später die Badewannenszene in Ulrich Schamonis wunderbarem Film "Es" mit Sabine Sinjen eher als Tipp zur Nachahmung empfunden denn als Skandal.

Weitere Konkurrenz erwuchs dem Aki zumindest in seiner Bedeutung als Sex-Ratgeber in den Etablissements, die in den Sechzigern und danach bis heute Münchens bahnhofsnahe Umgebung zu prägen begannen. Hier gab und gibt es blankes Fleisch oft auch in natura statt nur auf Zelluloid. Und so schloss Münchens Aki am 2. Januar 1996 seine Pforten, fünf Jahre, nachdem das World Wide Web am 6. August 1991 freigeschaltet worden und der Weg frei war für jederzeit und überall abrufbaren Sex, nun nicht mehr auf der Leinwand, sondern mittels Display.

Man kann das sehen, wie man will, aber das Aki hatte seine perfekt Aufgabe erfüllt und dann verloren. Damit war das Ende eines jungen kulturgeschichtlichen Phänomens besiegelt.

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