Hauptbahnhof Platzverweise für ein gutes Gefühl

Polizeivizepräsident Werner Feiler und KVR-Chef Thomas Böhle (Dritter und Vierter von links) sind zufrieden, dass die Sicherheitskräfte Präsenz zeigen.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • 40 Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats gehen seit zehn Wochen im Bahnhofsviertel auf Streife.
  • Insgesamt sollen es einmal 85 Streifenkräfte sein und 15 Innendienstmitarbeiter.
  • Das KVR sucht weiterhin geeignetes Personal.
Von Thomas Anlauf

Der Mann ist sichtlich betrunken. Er sitzt mitten auf der Schützenstraße, kippt Alkohol in sich hinein und pöbelt die vorbeihastenden Passanten an. Da kommen ein paar blau Uniformierte auf ihrer Streife durchs Bahnhofsviertel vorbei, sprechen den aggressiven Trinker an. Der Mann erhält einen Platzverweis und ein Bußgeld, Alkohol trinken auf offener Straße ist hier offiziell verboten.

Eine andere Szene: Im Alten Botanischen Garten beobachten Mitarbeiter des neuen Kommunalen Außendiensts (KAD) zwei Leute, die heimlich etwas austauschen; als die Sicherheitsleute die beiden ansprechen, werfen diese hastig ein Päckchen mit weißem Pulver hinter sich - Drogen.

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Solche und ähnliche Vorfälle sind der neue Alltag der 40 Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats, die seit zehn Wochen im Bahnhofsviertel auf Streife gehen. Sie sollen Passanten und Geschäftsleute vor Belästigungen schützen und Ansprechpartner rund um den Hauptbahnhof sein. Das neue Konzept der Stadt scheint aufzugehen: "Die Resonanz der Anwohner, Passanten und Geschäftsleute auf die KAD-Streifen ist nach den ersten Wochen durchweg positiv und bescheinigt eine Verbesserung der Situation", sagt Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle.

Mit zunächst 25 Streifenkräften startete der KAD am 2. Juli, das Einsatzgebiet umfasst bis jetzt lediglich den Alten Botanischen Garten, den Hauptbahnhof bis zum Stachus und zur Paul-Heyse-Unterführung sowie bis zur Landwehrstraße im südlichen Bahnhofsviertel. Mittlerweile sind 40 Mitarbeiter im Außendienst eingesetzt, dazu kommen sechs Angestellte im Innendienst an der Hackenstraße, die für die Organisation zuständig sind. Insgesamt sollen es einmal 85 Streifenkräfte sein und 15 Innendienstmitarbeiter.

Doch es scheint gar nicht so einfach zu sein, geeignetes Personal zu finden. "Wir haben generell ein Fachkräftegewinnungsproblem in München", sagte KVR-Chef Böhle am Mittwoch. Dabei ist das Gehalt durchaus akzeptabel, zum Einstieg verdient ein Außendienstmitarbeiter 2850 Euro brutto, das kann sich bis 4000 Euro steigern. Das sei gerade im Sicherheitsbereich eine "sehr konkurrenzfähige Bezahlung", so Böhle. Dem stimmt auch Polizeivizepräsident Werner Feiler zu, der die Anstrengungen des KVR, den neuen Sicherheitsdienst auf- und auszubauen, "außerordentlich begrüßt". Der neue Außendienst sei auch "ein gutes Instrument zur Stärkung des subjektiven Sicherheitsempfindens" der Menschen im Bahnhofsviertel, so Feiler. Er machte aber auch deutlich, dass die Polizei weiterhin dort präsent sein wird.

Denn es ist nicht die Aufgabe des Kommunalen Außendienstes, eine Art Ersatzpolizei zu sein. Wenn es brenzlig wird, haben die marineblauen Streifendienste auch direkten Kontakt mit der Einsatzzentrale der Polizei und können Hilfe anfordern. Doch oftmals können die geschulten Mitarbeiter Konflikte oder Probleme auch allein lösen. In den ersten 70 Tagen sprachen die KAD-Mitarbeiter 336 Ermahnungen aus, etwa wenn Leute im Alten Botanischen Garten geschlafen haben, Müll entsorgt haben oder herumgrölten.

Eine Stufe weiter sind die Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten. Die mussten die Mitarbeiter 115 Mal erstatten etwa wegen Bettelns in der Fußgängerzone an der Schützenstraße, wilden Urinierens in Hauseingängen oder auf offener Straße oder Herumpöbelns. Platzverweise gegen Trinker in der Fußgängerzone, wegen Lärmbelästigung, unerlaubten Bettelns oder weil Männer sich ohne Kinder auf dem Spielplatz im Alten Botanischen Garten aufhielten, wurden 72 Mal ausgesprochen, also im Schnitt einmal am Tag. Dazu sammeln die Mitarbeiter, unter denen bislang erst zwei Frauen sind, benutzte Spritzen ein, löschen rauchende Mülleimer und Ähnliches und leisten Erste Hilfe. Darüber hinaus waren die KAD-Streifen in den ersten zehn Wochen mehr als 2600 Mal Ansprechpartner für Touristen und besorgte Bürger.

Mit dem Start der Wiesn am 22. September kommen auf die Außendienstmitarbeiter noch ganz andere Herausforderungen zu. Davor werden sich Polizei und KVR noch zusammensetzen, um den Neuen zu erklären, wie sich dann die Einsatzlage ändern wird. In der kommenden Woche wird auch der Schichtplan ausgebaut. Dann laufen die Marineblauen statt von derzeit 10 bis 21.30 Uhr künftig bis 0.30 Uhr durchs Bahnhofsviertel. "Es geht darum, Präsenz zu zeigen", sagt Böhle.

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