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Hass im Netz:Antworten und löschen

Die Journalistin Dunja Hayali muss viele böse Kommentare auf Facebook oder Twitter ertragen. Bei der Veranstaltung "Hass im Netz - und was dagegen hilft" erzählt sie, wie sie damit umgeht - und warum man dem Phänomen nicht zuviel Bedeutung beimessen sollte

Am Mittwochnachmittag hat Dunja Hayali ein Foto getwittert. Es zeigt eine Seite aus ihrem Notizbuch - und ganz oben steht ein einzelnes Wort: "Atmen". Diese Notiz hat Hayali sich als Vorbereitung auf den Mittwochabend gemacht, für eine Diskussion in der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) über ihren Umgang mit Hasskommentaren in Online-Diskussionen. Schlimme Erfahrungen hat die ZDF-Journalistin und Moderatorin Hayali da zuletzt gemacht. Und ihr erster Tipp für solche Situationen lautet dann auch wirklich: "Atmen. Hilft tatsächlich." Tipp Nummer zwei, den sie den etwa 700 Besuchern in der Großen Aula der LMU mitgibt: "Eine Antwort schreiben.

Und dann löschen." Denn daran fehlt es den Online-Diskussionen häufig: an Reflexion. Daran, den wütenden Affekt zu zügeln. In den vergangenen Jahren hat sich der Ton verschärft. Immer mehr Menschen äußern sich im Netz, mischen sich ein, bloggen, twittern, posten auf Facebook. Diese Inhalte treffen auf verstärkte gesellschaftliche Spannungen, zum Beispiel erregt geführte Diskussionen über Migration oder den Aufstieg der AfD.

Dunja Hayali bekommt diesen verschärften Ton oft selbst zu spüren. Sie ist sehr aktiv auf Twitter und Facebook, wo Kommentatoren teils fiese Beleidigungen hinterlassen, sogar Vergewaltigungsdrohungen hat sie schon bekommen. "Warum trifft ausgerechnet Sie so viel Hass?", fragt die Moderatorin, SZ-Redakteurin Karoline Meta Beisel. "Ich bin eine Frau, damit fängt es schon mal an", antwortet Hayali. "Dann habe ich einen Migrationsvordergrund, bin sexuell flexibel. . ." - ". . . und beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen", springt Beisel ihr bei. Das löst Gelächter aus - aber es stimmt. Als ZDF-Journalistin sieht sich Hayali den "Systempresse"-Vorwürfen von Verschwörungstheoretikern ausgesetzt. Durch eine Reportage für das ZDF sei das Thema "Hate Speech", also Hass-Reden, überhaupt erst zu ihr gekommen.

Warum ausgerechnet sie so viel Hass trifft? "Ich bin eine Frau, damit fängt es schon mal an", sagt Dunja Hayali. "Dann habe ich einen Migrationsvordergrund, bin sexuell flexibel..." Und noch ein paar Gründe mögen für die Absender von Beleidigungen dazukommen.

(Foto: Robert Haas)

Im Juni 2015 hatte sie aus dem Irak, dem Heimatland ihrer Eltern, über Flüchtlinge berichtet. Die Reaktionen darauf waren so erschreckend, dass Hayali anfing, auf die Kommentare zu antworten. "Und jetzt komme ich aus der Nummer nicht mehr raus." Alle beleidigenden Kommentare einfach zu löschen und ihre Verfasser zu blockieren, sei eben auch keine Lösung, sagt Hayali, betont aber auch: "Ich antworte längst nicht auf alles." Verschwörungstheoretiker etwa ignoriere sie. Und sie schalte sofort einen Anwalt ein, sobald Beleidigungen auf ihre Familie abzielten.

Die rechtliche Situation wird bei der Debatte, zu der die Süddeutsche Zeitung, jetzt und die LMU eingeladen haben und die den Titel trägt "Hass im Netz - und was dagegen hilft", ausführlich diskutiert: Seit Jahresbeginn gilt das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das Plattformen wie Facebook und Twitter verpflichtet, Hasskommentare und Fake News konsequent zu löschen. Hayali hält das zunächst einmal für positiv, aber es sei Vorsicht geboten, damit nicht zu viel geblockt werde, weil beispielsweise Satire nicht als solche erkannt werde. Solche Fälle hat es seit Inkrafttreten des Gesetzes schon gegeben. Besonders lobte Hayali Aktionen, bei denen User selbst aktiv gegen Hetze werden. Zum Beispiel die Facebook-Gruppe #ichbinhier, die sich mit sachlichen Beiträgen in Diskussionen einmischt, die aus dem Ruder gelaufen sind - und an ihre Kommentare dann gegenseitig Likes verteilt, damit sie ganz oben auftauchen. Ob Hayali Kommentaren in sozialen Netzwerken nicht auch etwas Positives abgewinnen könne, will während der Diskussion eine junge Frau aus dem Publikum wissen. Ja, sagt Hayali, denn im Netz sei es möglich, "die ganze Bandbreite zwischen Schwarz und Weiß" abzubilden, also die gesamte Meinungsvielfalt.

Hayali erzählt bei der Veranstaltung, dass sie den Konflikt nicht scheut.

(Foto: Robert Haas)

Zwei Stunden dauert die Diskussion, bis Hayali ihren Zuhörern bewusst macht, dass es noch Wichtigeres gibt als Diskussionen im Netz. Eine echte Welt nämlich. "Wollen Sie nicht nach Hause gehen?", fragt sie. "Verliert nicht gerade irgendwo der FC Bayern gegen Gladbach?" Der beste Tipp für den Umgang mit Hate Speech ist darum vielleicht auch einfach, ab und zu mal vom Smartphone aufzuschauen. Denn Hass im Netz ist zwar Teil unseres Lebens, aber nur ein kleiner. Hayali bringt das mit einer Zahl auf den Punkt, die sie selbst erstaunt hat: "Nur 14 Prozent aller Leute, die aktiv in sozialen Netzwerken unterwegs sind, haben jemals irgendwas kommentiert - das ist doch Wahnsinn!"

© SZ vom 26.01.2018
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