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Harlaching:Das Leiden lindern

Seit 20 Jahren unterhält das Harlachinger Krankenhaus eine Palliativstation. Bestanden anfangs noch große Vorbehalte dagegen, so hat sich dieser Zweig der Medizin heute als unverzichtbarer Teil der Behandlung etabliert, auch wenn der Patient nicht mehr mit Heilung rechnen darf

Längst hat sich die Palliativmedizin als eigenständige Disziplin etabliert. Wohl deshalb kann man sich heute kaum mehr vorstellen, dass es noch Mitte der Neunzigerjahre Bedenken gegen ein "Sterbehaus" auf dem Harlachinger Klinikgelände gab. Der Einsatz für größtmögliche Linderung, wo keine Heilung mehr möglich ist, hätte jedenfalls kaum eine bessere Heimat finden können, als im kleineren der beiden Altbauten: Schon der Eingang empfängt mit gediegenem Jahrhundertwende-Ambiente. Betont wohnlich, mit großzügigen, fast privat wirkenden Aufenthaltsräumen für Patienten und Besucher, ist auch die eigentliche Station im ersten Stock gestaltet. Bis zu zehn Patienten werden dort von zwölf Pflegekräften betreut, unterstützt von Fachtherapeuten und ehrenamtlichen Helfern.

Quirliges Leben dringt vom Spielplatz einer im ersten Stock untergebrachten Betriebs-Kita herauf zum großen Balkon, den Patienten, Personal und Besucher gleichermaßen schätzen. Ein glücklicher Zufall, versichert Oberarzt Hans Pohlmann, der die Station leitet und seinerseits ausgesprochen zupackend und optimistisch wirkt. So weit, dass sie Anfang und Ende des Lebens bewusst in engste Nachbarschaft platziert hätten, waren die Klinikmanager dann doch nicht gegangen, als sie vor gut 20 Jahren auf dem Campus einen Ort für die neue Station suchten, die schließlich am 1. September 1997 eröffnete. Vorangegangen waren seit Ende der Achtzigerjahre zuerst Grundsatzdiskussionen über die Notwendigkeit, anschließend Verhandlungen mit dem Orden der Barmherzigen Brüder, der in Deutschland zu den Palliativ-Pionieren gehört und heute in Nymphenburg die mit 30 Betten größte derartige Station in München betreibt.

Zur besseren Betreuung der Patienten auf der Palliativ-Station würde Oberarzt Hans Pohlmann gerne ein interdisziplinäres Team aufbauen.

(Foto: Robert Haas)

Den Initiatoren um die heute in Großhadern tätige Internistin Claudia Bausewein gelang es schließlich, Stadt und Klinikleitung vom Sinn einer konfessionell ungebundenen Einrichtung zu überzeugen. Das Fachwissen hatte Claudia Bausewein bei den seinerzeit führenden britischen Kollegen erworben. Organisatorische und finanzielle Starthilfe leistete der Christophorus-Hospiz-Verein München, sodass die Station schließlich vor 20 Jahren als Münchens erste kommunale Palliativeinrichtung starten konnte. Hierzulande begann sich die Palliativmedizin damals gerade erst in Abgrenzung von der Hospizarbeit zu etablieren. Dort liege der Schwerpunkt eher auf der Pflege, hier auf schonender, aber auch nachhaltiger Symptombehandlung, erklärt Pohlmann einen wenig bekannten Unterschied.

Rund ein Drittel bis die Hälfte der Patienten wird entlassen und verbringt den letzten Lebensabschnitt nicht dort, sondern zu Hause, im Pflegeheim oder eben im Hospiz. Wie die meisten Palliativmediziner kommt der Leiter aus der Krebsheilkunde, auch in Harlaching gehört die Station zur onkologischen Abteilung. Seit sich die Behandlungschancen für HIV-Infizierte verbessert haben, liegt bei der Arbeit mit Krebspatienten auch wieder der Schwerpunkt, gefolgt von Herz- und Lungenerkrankten. Eine eigene, von einem interdisziplinären Team betreute Palliativabteilung steht weit oben auf Pohlmanns Wunschliste an Stadt und Betreibergesellschaft. Dem anstehenden Umbau des Harlachinger Standorts sieht der Mediziner mit gemischten Gefühlen entgegen: Die geplante Zusammenlegung mit der Schwabinger Station bedeutet für Harlaching einen Ausbau von zehn auf 18 Betten, bringt aber für viele Angehörige weitere Wege mit sich. Außerdem befürchtet Pohlmann nach den jüngsten Sparbeschlüssen des Stadtrats ein "Billigprojekt" auf engerem Raum und ohne das geschätzte Ambiente.

Im "Raum der Stille" können Angehörige Abschied nehmen.

(Foto: Robert Haas)

Von anderen Malaisen des Gesundheitswesens, wie etwa dem Fachkräftemangel sieht sich der Palliativspezialist unterdessen verschont: Sicher, der ausschließliche Umgang mit austherapierten Patienten bringt fürs Pflegepersonal hohe psychische Belastungen. Andererseits bietet die Station mit ihrem großzügigen Personalschlüssel, was Schwestern und Pfleger im sonstigen Arbeitsalltag am meisten vermissen: Zeit für Zuwendung.

Wertvolle Zusatzleistungen wie Musik- und Atemtherapie oder Einsatz und Ausbildung von Hospizbegleitern sind nach wie vor auf private Finanzierung angewiesen. Hier springt seit Frühjahr 2012 ein eigener Förderverein ein. Gelegenheit, diesen kennenzulernen, bietet die Website www.palliativ-foerderverein-harlaching.de oder ein Benefiz-Kinoabend am 19. November im "Rio" am Rosenheimer Platz.