Harlaching:Ausweg aus dem Einwegsystem

Um die Müllflut einzudämmen, will eine Bürgerinitiative gut erhaltenes Geschirr kostenlos verleihen

Von Julian Raff, Harlaching

Omas Blümchenporzellan oder schrilles Dekor aus den Siebzigerjahren sollen bald auf möglichst vielen Münchner Partys Papp- und Plastikteller ersetzen - auch dann, wenn die Gastgeber keine entsprechenden Erbstücke im Schrank haben. Die junge "Bürgerinitiative aktives Harlaching" hat gut erhaltenes Geschirr aus diversen Wertstoffhöfen gerettet und plant damit nun, zwecks Eindämmung der Müllflut, einen kostenlosen, ehrenamtlichen Verleih. Die Harlachingerin Claudia Ludwig und Gleichgesinnte machten sich Anfang des Jahres auf die Suche nach intakten Teilen und stießen dabei zwar kaum auf komplette Garnituren, aber umso öfter auf schöne, teils auch durchaus wertvolle Einzelstücke. Mit vier Kubikmetern kam schnell ein stattlicher Keramikfundus zusammen, schließlich hatte der Lockdown, mangels Freizeitalternativen, die Lust am Entrümpeln geweckt.

Da es sich um teils nicht spülmaschinenfestes oder aus der Mode gekommenes Geschirr handelt, ließen sich die Fundstücke kaum über Verschenkaktionen einer sinnvollen Verwendung zuführen. Die Idee für einen Verleihservice lieferte dabei eine Initiative aus Niedersachsen, wo die Einzelhandelskauffrau Melanie Tönnis mit ihrem kostenlosen "Tischlein-Deck-Dich"-Service im Jahr 2019 insgesamt 20 000 Teile verliehen und entsprechend viel Einweggeschirr eingespart hatte. Zunächst hatte die Initiative ein kostenloses Lager in Perlach in Aussicht, das sich dann aber doch nicht realisieren ließ.

Claudia Ludwig und ihre Mitstreiter hoffen nun auf einen günstigen oder gar kostenfreien sieben bis zehn Quadratmeter großen Raum in Harlaching oder benachbarten Vierteln. Außerdem nimmt das Projekt "Einweg ist kein Weg" mit anderen Münchner Initiativen an einer Onlineabstimmung im Zuge eines Projektförderungswettbewerbs teil, die bis Ende August läuft. Näheres im Internet unter: quartiermeister.org. Buntes Verleihgeschirr mit originellen Einzelstücken verspricht dabei, wie Ludwig hervorhebt, nicht nur ökologischen Nutzen, sondern auch nostalgische Impulse für angeregte Partygespräche. Die Zeit bis zum geplanten Projektstart im September nutzen die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer damit, gespendete Regale zusammenzutragen, Transportsäckchen zu nähen und eine Internetseite zur Präsentation der Geschirr-Sets aufzubauen.

Dass die Inspiration zur neuesten Aktion aus Norddeutschland kam, bedeutet nicht, dass die Harlachinger Initiative seit ihrer Gründung im Jahr 2019 um eigene Ideen verlegen gewesen wäre: Im Frühjahr hat sie unter anderem Tram-Randstreifen, in Absprache mit den städtischen Mähtrupps, als Blühwiesen erhalten oder 200 liebevoll bemalte "Kippendosen" im ganzen Stadtbezirk Untergiesing-Harlaching installiert, um die hiesigen Trottoirs von Zigarettenstummeln frei zu halten. Knapp 40 Freiwillige beteiligen sich außerdem an regelmäßigen Ramadamas, sei es beim "River Cleanup Day" an der Isar oder in den Grünanlagen. Einen Teil der Fundstücke hat die Initiative dabei zu Müllskulpturen arrangiert, die, gut sichtbar an den Durchgangsstraßen, ein paar Wochen lang auf kreative Art zu mehr Umweltbewusstsein aufriefen.

© SZ vom 20.08.2021
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