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"Hansarien" im Feierwerk:Die wollen nur spielen

Spitze Ohren und gehäkelte Fanartikel: Bei der Super-Geek-Night gab es selbst gemachte Pokébälle und Goomba-Pilze.

(Foto: Patrick Stolz)

Bei der Super-Geek-Night feiern Menschen, die üblicherweise lieber vor dem Computer sitzen, als auf Partys zu gehen

Von Martin Bernstein

Ein Jawa trottet vorbei, ungefähr doppelt so groß wie seine Vorbilder vom Star-Wars-Planeten Tatooine, aber unverkennbar mit seinen glühend gelben Augen unter der braunen Kapuze. Daneben stehen der Superheld Deadpool und Super Mario entspannt plaudernd bei einem Drink zusammen. Um die Ecke kommt noch eine weitere Gestalt im Deadpool-Kostüm. "Ein zweiter Deadpool?" schreit eine junge Frau im Sailor-Moon-Gewand auf. "Es kann nur einen Deadpool geben!" Nicht an diesem Abend im Feierwerk.

"Das ist eine Party für Leute, die nicht auf Partys gehen", erklärt Hendrik Luehrsen, Mitveranstalter der Super-Geek-Night vom Samstag. "Die Szene feiert sich selbst." Die Szene, Geeks eben oder Nerds, Menschen, die üblicherweise lieber vor dem Computer sitzen, als das Münchner Nachtleben unsicher zu machen. In dieser einen Nacht ist das anders. Denn da feiert seit drei Jahren im August der Item-Shop Geburtstag, ein Münchner Laden, in dem Computerspiel-Nerds, Manga- und Anime-Fans und vor allem die Verkleidungskünstler der immer aktiver werdenden Münchner Cosplay-Szene sich mit allem eindecken können, was ihr Sammlerherz begehrt.

Cosplay, noch so ein Begriff, den man an diesem Abend im Feierwerk - das natürlich während der neun Party-Stunden nicht Feierwerk, sondern "Hansarien" heißt - zwangsläufig lernt. Cosplay ("Kostüm-Spiel") ist ein japanischer Verkleidungstrend, bei dem der Teilnehmer eine Figur aus einem Comic, Film oder Computerspiel durch Kleidung, Bewaffnung und Verhalten möglichst originalgetreu nachahmt. Ende Juli bekam ein Cosplay-Spieler Ärger mit der Polizei, weil er es für eine gute Idee hielt, drei Tage nach dem Münchner Amoklauf mit einer geschliffenen Doppelaxt, die zu seinem Kostüm gehörte, vorm Perlacher Einkaufszentrum Pep herumzulaufen. Der 18-Jährige erschrak sehr, als er zur Rede gestellt wurde. Nein, er habe doch niemanden erschrecken wollen . . . Nun, sie gehen halt nicht so oft aus dem Haus, die Geeks.

Umso überlegter handeln die, die das Fest organisieren, die Item-Leute und ihre Mitveranstalter Luehrsen und Volker Heinrich. "Nicht erlaubt sind Cosplays, die andere verletzen könnten, wie zum Beispiel Metall-Spikes an den Extremitäten", schreiben sie in die Regeln für die Geek-Night. "Reifröcke, Schleppen und große Flügel sind erlaubt, jedoch müsst ihr euch bewusst sein, dass diese auf einer Party durchaus kaputt gehen können." Am Samstag erlaubt sind lediglich Waffen aus Schaumstoff, Gummi, Pappe und Weichplastik, Schusswaffen und -imitate jedoch verboten, ebenso scharfe Blankwaffen. "Wer sich weigert, eine Waffenimitation prüfen zu lassen, darf die Party nicht betreten", heißt es streng. Doch offenbar halten die Gäste sich an die strengen Regeln. Nur ein paar, die wohl die Homepage nicht gründlich genug gelesen haben, müssen ihre Waffen am Eingang abgeben. Das Familientreffen der Mutanten, Superhelden und Mega-Bösewichter - es sieht harmloser aus als mancher Kinderfasching. Man habe schon Angst davor gehabt, dass die Szene derart restriktive Regeln übel nehme, räumt Luehrsen ein. Aber nein, es gibt keinen Ärger, alle hätten Verständnis gezeigt.

Auf die Szene sind die Veranstalter angewiesen. Weil sonst nicht die 2500 Besucher aus ganz Deutschland, aus England und Japan kämen, die man braucht, damit sich der Aufwand für die Neun-Stunden-Sause mit Computerspielen, Live-Acts, Essen und DJs halbwegs rechnet. Weil man sonst nicht die 60 ehrenamtlichen Helfer bekommen würde, die die Feierwerk-Räume für einen Abend in "Dungeon" (Verlies) und Taverne (mit "Butterbier" aus den Harry-Potter-Filmen) verwandeln. Und weil viele der Acts, die in dieser Nacht auf einer der vier Bühnen auftreten, entweder so vermittelt wurden - wie etwa der japanische DJ Tekina - oder selbst Cosplayer sind.

"Ausnahmslos friedlich" sei es zugegangen, werden die Veranstalter am Sonntag bilanzieren. So sei die Szene, hat Luehrsen versprochen. Vielleicht auch, weil manches, was da mit großem Ernst zelebriert wird, gerade deshalb nicht ganz so tierisch ernst genommen wird. Da tobt sich in der Kranhalle Gameboy-Punk GrGr aus - mit rohen Synthie-Pop-Klängen, die geradewegs zurück in die Zukunft der Achtzigerjahre führen. Und unter einem Zeltdach auf dem Freigelände präsentieren Spieleentwickler ihren "Holodance", ein Drachentanz mit der Virtual-Reality-Brille. Der letzte Schrei auf dem Games-Markt. Gleich daneben hüpft Super Mario über eine angestrahlte Hauswand, das 35 Jahre alte Nintendo-Männchen.

© SZ vom 29.08.2016
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