Süddeutsche Zeitung

Film-Tipp:Der letzte Take

Hannelore Elsner starb mitten in den Dreharbeiten. Nun wird "Lang lebe die Königin" ausgestrahlt.

Von Josef Grübl

In Bayern hat man ja mitunter recht barocke Vorstellungen vom Himmel und von Engeln, die auf Wolken sitzen. Sollte Hannelore Elsner also gerade irgendwo von da oben herunterschauen, dürfte ihr der Himmel wie die Hölle vorkommen: Sie würde einen Film sehen, in dem Kolleginnen (oder sollte man eher Konkurrentinnen sagen?) ihren Part übernommen haben, die ihre Sätze sagen und an ihrer statt grollen und mit den Augen rollen.

Bei so etwas verstand die Schauspielerin keinen Spaß, bei einer Podiumsdiskussion auf der Praterinsel beschwerte sie sich vor ein paar Jahren darüber, zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Bei "Lang lebe die Königin" ging es aber nicht anders, diesen Fernsehfilm würde es ohne ihre Schauspielkolleginnen gar nicht geben - und das dürfte Elsner auf ihrer Wolke letztendlich freuen. Im März vergangenen Jahres begannen die Dreharbeiten, kurz darauf verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand aber so sehr, dass sie ins Krankenhaus musste. Dort verstarb sie am 21. April 2019.

"Für mich fühlte sich das völlig absurd an", sagt Marlene Morreis, die in dieser tragikomischen Mutter-Tochter-Geschichte Elsners Filmtochter spielte. Die berühmte Kollegin hatte sie gerade erst kennengelernt: "Wir hatten fünf sehr schöne Drehtage miteinander." Als klar wurde, dass Elsner nicht zurückkommen könnte, wurde das Projekt abgebrochen. Solche Abbrüche gibt es öfter als gedacht, im Zuge der Coronakrise wartet gerade eine ganze Branche darauf, ihre angefangenen Filme zu vollenden. Das klappt nicht immer, im Fall von "Lang lebe die Königin" aber schon: Nach Wochen der Unsicherheit entschieden sich die Produzenten und der Sender für die sogenannte Heath-Ledger-Methode. Der Hollywoodstar verstarb 2008 während des Drehs des Kinofilms "Das Kabinett des Doktor Parnassus", ein Großteil seiner Szenen war abgedreht, den Rest spielten Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell. Da es sich um einen Fantasyfilm handelte, in dem die Hauptfigur in verschiedene Welten reiste, klappte das recht gut.

Bei Elsners letztem Film ist das etwas schwieriger: Da muss der Zuschauer einfach akzeptieren, dass in mehreren Szenen eine andere Schauspielerin die Mutterrolle spielt. Es waren Gisela Schneeberger, Iris Berben, Hannelore Hoger, Judy Winter und Eva Mattes, die den Film als eine Art Hommage an ihre verstorbene Kollegin vollendeten. "Das war die einzige mögliche Lösung", sagt Marlene Morreis, sonst würde es keinen fertigen Film geben. Der Nachdreh im Sommer war für sie eine Herausforderung, schließlich musste sie sich immer wieder auf eine andere Filmmutter einstellen - und so tun, als sei es eine.

Die intensivsten Szenen spielte Elsner aber selbst: Ihre Filmfigur hat Krebs und muss ins Krankenhaus, am Ende liegt sie sogar in einem Sarg. "Da sagte sie zu mir, dass ihr das nichts ausmache. Sie sei in Filmen ja schon so oft gestorben", erzählt Morreis. "Danach meinte sie noch: 'Lieber im Film sterben als im richtigen Leben.'" Elsner hielt ihre eigene Krebserkrankung bis zum Ende geheim. Wenn sie an den letzten gemeinsamen Take denke, bekomme sie Gänsehaut, sagt Marlene Morreis. Da musste Hannelore Elsner zu ihr sagen: "Die Königin ist tot, lang lebe die Königin." In der Probe wollte sie diesen Satz, der als eine Art Stabübergabe zu verstehen ist, nicht aussprechen - er wurde nur einmal gedreht. "Danach haben wir uns umarmt und beieinander bedankt", erinnert sich Morreis. Dass es ein Abschied für immer sein sollte, konnte sie natürlich nicht ahnen. Umso schöner sei es, dass die gemeinsame Arbeit nicht umsonst gewesen sei.

Für die Österreicherin Morreis, die seit knapp zwanzig Jahren in München lebt, von Klaus Lemke entdeckt wurde und seitdem regelmäßig vor der Kamera steht, geht das Leben weiter. Derzeit wird nicht gedreht, untätig ist die 43-Jährige aber trotzdem nicht: Sie sitzt zuhause an ihrer Nähmaschine, näht Mund-Nasen-Masken und blinzelt zwischendurch immer wieder in den Himmel.

Lange lebe die Königin, TV-Ausstrahlung: Mittwoch, 29. April, 20.15 Uhr, ARD

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SZ vom 28.04.2020
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