Handwerk Schlüssig

Seit 70 Jahren verkauft der Familienbetrieb Kilian Schließ-Systeme. Von offenen Türen nach dem Krieg bis zu komplexen Großanlagen und Handy-Applikationen heute hat sich viel verändert. Ein Besuch bei Martin Kilian und seinen 100 000 Rohlingen

Von Philipp Crone

Ein Mann legt seine rechte Hand auf den Griff der abgeschlossenen Tür, drückt ihn runter, nichts passiert. Die Tür bleibt zu. Dann tritt Martin Kilian, 41, dazu, die Tür führt zu seinem Büro. Die Rechte von Kilian legt sich auf den Griff, ein kleines grünes LED-Licht leuchtet auf, Klinke runter, Türe auf. Kilian lächelt.

Kilians Familienunternehmen an der Fraunhoferstraße verkauft seit 70 Jahren Schloss-Systeme. Das mit dem Transponder in der Hosentasche, der über die Oberflächenspannung der Haut sein Signal an die Hand und weiter an den Griff der Tür und an das Schloss überträgt, ist eine der modernsten Techniken. Los ging es im Jahr 1948 mit Eisenwaren nach dem Krieg, als München so zerstört war, dass Schlösser zunächst keine Rolle spielten. Ein Besuch im Schlüsselreich ist nicht nur eine Zeitreise mit Blick auf die Entwicklung der Technik in der Branche, sondern spiegelt auch manches wider, was sich in 70 Jahren in der Stadt verändert hat.

Die sogenannten Buntbart-Schlüssel werden heute meist nur noch für Zimmertüren genutzt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Kilians Weg bis zur magischen Bürotür beginnt auf der Straße. Beim Eckhaus, das die Firma vor Kurzem bezog, hat Kilian eine Heiligenstatue im ersten Stock in die Fassade eingesetzt. "Dafür mussten die Haltekabel für die Tramoberleitungen, die da befestigt waren, umgesetzt werden", sagt Kilian. Was allerdings kein Problem war. Kilian und die Stadtwerke, da gibt es einen regen Austausch; die Stadtwerke sind einer der größten Kunden des Unternehmers. Nun schaut ein Petrus mit zwei Schlüsseln auf die Kreuzung. "Das passt besser als eine Maria", sagt Kilian. "Die Schlüssel sind für Himmel und Hölle." Drinnen hängen an zwei Wänden eine Fülle verschiedener Schlüssel. "100 000 Rohlinge haben wir vorrätig", sagt Kilian. Allein Bart-Schlüssel sind es einige Tausend. Bart ist das Schlüsselstück einer sehr alten Schlüsselgeneration, das am Ende des Schlüsselrohrs ins Schloss passt. Diese Technik wird vor allem für Zimmertüren benutzt. "Da geht es nicht um Sicherheit, sondern darum, eine Türe abschließen zu können." Schlüssel und Schloss kosten nicht mehr als 20 Euro. Zimmerschlüssel gehen sehr regelmäßig verloren. "Zu 90 Prozent kommen Kunden, die einen neuen Schlüssel brauchen, das macht aber nur etwa zehn Prozent unseres Umsatzes aus." Mit Schließanlagen verdient die Firma deutlich mehr.

90 Prozent der Kunden von Martin Kilian brauchen einen Ersatzschlüssel.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein verlorener Zimmerschlüssel ist relativ einfach zu ersetzen, sagt Kilian. Es reicht ein Handyfoto vom Schloss, mit Handylampe, so dass die Schlosser auch ins Schlüsselloch sehen können. "Dadurch können wir meistens den richtigen Buntbart bestimmen." 3000 verschiedene hat Kilian vorrätig.

Das Schlüsselprinzip ist uralt. Eines der ältesten Systeme, das heute noch eingesetzt wird, sind die sogenannten Chubb-Schlüssel, die schon im 19. Jahrhundert entwickelt wurden. "Damit kann man auch schon kleine Schließanlagen realisieren." Bedeutet: Der Bart ist bei allen Schlüsseln einer Anlage so gebaut, dass ein Teil konstant bleibt und dadurch die Haustür schließt, ein anderer Teil variiert von Wohnung zu Wohnung.

Es reicht bei verlorenen Zimmerschlüsseln meist ein Handyfoto vom Schloss.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In Kilians Werkstatt arbeiten vier Schlosser an diversen Maschinen. Deren Techniken reichen von uralter Mechanik bis zur Lasertechnologie. Die Schlosser scannen einen Schlüssel, der nachgemacht werden soll, aus dem Computer kommt die Information, welcher Rohling geeignet ist. Die Möglichkeiten der Schlösser entwickelten sich mit den Möglichkeiten der Feinmechanik. "Heute arbeiten wir mit einer Genauigkeit von einem Hundertstel Millimeter", sagt Kilian. Zum Beispiel bei Tresor-Schlüsseln, die einen Doppelbart haben und dadurch, vereinfacht gesagt, doppelt so sicher sind.

Die am häufigsten eingesetzte Schlüsselart ist der Zylinderschlüssel oder Zackenschlüssel. Bis zu 500 dieser Variante stellen sie an der Fraunhoferstraße pro Tag her.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die am häufigsten eingesetzte Schlüsselart ist der Zylinderschlüssel oder Zackenschlüssel; sie macht etwa 95 Prozent aller verkauften Schlüssel bei Kilian aus. In einem Metallzylinder sind kleine Metallstifte eingesetzt in verschiedener Länge. Bis zu 500 dieser Variante stellen sie an der Fraunhoferstraße pro Tag her. Vor 70 Jahren waren es Null, statt dessen verkaufte man erst einmal nur Nägel, Töpfe, Schrauben.

"Von Mitte der Sechzigerjahre an wurde der Sicherheitsbereich immer wichtiger." Die Stadt wuchs, es gab immer mehr Bürokomplexe und dafür Schließanlagen. Das Sicherheitsbewusstsein und -bedürfnis stieg an, Zylinderschlüssel wurden Standard. "Dann kamen die automatischen Türöffner." Ein elektrischer Impuls führt dazu, dass über einen Magneten die Falle, also das verschließende Eisenstück, aus dem Schloss gezogen wird und so die Tür aufgezogen werden kann. "Danach kamen Wendeschlüssel mit Bohrmulden."

Schlüssel-ABC

Falle: Die Falle ist das dreieckige Eisenstück, das man von Hand in das Schloss drücken kann und das in nicht abgeschlossenem Zustand die Tür zuhält.

Riegel: Mit Hilfe der Drehung des Schlüssels wird der sogenannte Riegel ins Schloss zurückbewegt, wenn die Tür verschlossen war und geöffnet werden soll. Oder er wird zum Absperren aus dem Schloss rausbewegt.

Bart: Im Bart unterscheiden sich die einfachen Buntbart-Schlüssel und die sogenannten Chubb-Schlüssel, benannt nach dem englischen Erfinder Jeremiah Chubb. Buntbartschlösser sind die einfachste Variante und werden heute nur noch in Innentüren eingesetzt.

Doppelbart: Ein Schlüssel, der an zwei Seiten einen Bart hat, wird vor allem für Tresore verwendet.

PZ-Einsteckschloss: Das ist das Verschlusssystem, was man sich landläufig unter einem Schloss vorstellt, üblicherweise unter einem Türschloss. PZ-Einsteckschlösser benötigen einen Schließzylinder mit Stiften, der betätigt dann den Öffnungsmechanismus (Riegel).

Stifte: Liegen gefedert in einem Zylinder und werden durch den passenden Schlüssel in die gleiche Ebene gebracht; in der Folge kann der Riegel beim Drehen des Schlüssels bewegt werden.

17er Schlüssel: Dessen Öffnung ist 17 Millimeter groß. Damit kann man den Kronkorken einer Flasche öffnen. Wird als Synonym für einen Flaschenöffner gebraucht.

Je mehr verschiedene Stifte in einem Zylinder durch den Schlüssel abgefragt werden, desto sicherer das System. Es wurden sogenannte Elektro-Pics entwickelt, mit denen Einbrecher versuchten, Schlösser zu knacken. Das sind Geräte, die durch eine Vibration im Schloss die Stifte in die richtige Position ruckeln. Nächste Entwicklungsstufe: Anfang der Neunzigerjahre das digitale Element. "Heute gibt es Funk, elektronischen Kontakt oder einen Chip im Schlüssel", sagt Kilian. Das sei auch die Zukunft. Digitale Schlüssel könnten bei Verlust am einfachsten ersetzt werden, weil die Programmierung einer Schließanlage verändert wird. "Aber es wird immer das mechanische Schloss geben." Am Ende muss eine mechanische Tür auch mechanisch geöffnet werden. Das gilt auch für die heute verfügbaren Handy-Systeme, die bald Standard würden, sagt Kilian. "Je mehr Medien im Schlüssel, desto sicherer." Und teurer.

Die Figur des Heiligen Petrus (mit Schlüsseln) hat die Familie am Haus anbringen lassen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wer ein Einfamilienhaus gut sichern möchte, inklusive der Fenster, muss etwa 3000 Euro investieren, schätzt Kilian. Eine Wohnung im dritten Stock, da braucht man nur die Tür, kostet etwa 400 Euro. Wer modisch und modern sein möchte und eine Handy-Schließanlage einbauen lässt, zahlt circa 2000 Euro. Allerdings ist Sicherheit in dem Zusammenhang ein irreführender Begriff. "Man verlängert durch gute Anlagen die Einbruchszeit", sagt Kilian. Kein Schloss sei einbruchssicher. "Aber wenn Einbrecher nicht nach ein paar Minuten reinkommen, gehen sie zum Nachbarn", zeigten die Erfahrungen aus Jahrzehnten.

In den Neunzigerjahren kamen auf einmal die Riegel in Mode. Das sind Querstangen, die auf Brusthöhe an der Innenseite einer Tür befestigt werden und ziemlich robust sind. "Wobei so ein Riegel nicht viel bringt, wenn die Tür nicht auch massiv ist." Und wenn die Türscharniere nicht zusätzlich auch noch gesichert sind, "sonst hebt der Einbrecher die Tür einfach aus der Angel". Im Laden hat Kilian eine Tür mit vier Panzerriegeln. Da kommt höchstens noch die Feuerwehr mit einem Rammbock durch. Warum waren die Riegel in Mode? "Zu der Zeit sind die Einbruchszahlen dramatisch angestiegen", sagt Kilian. Auch in den vergangenen Jahren war das wieder so, sagt er. Mit einem Plus von zwölf Prozent gab es laut Polizeistatistik im Jahr 2018 bei Wohnungseinbrüchen einen auffälligen Zuwachs. Fast jeder zweite der 1369 angezeigten Einbruchsversuche war allerdings erfolglos. Die Täter gaben auf, weil die Türen und Fenster gut gesichert waren oder Nachbarn die Polizei riefen.

Die Lebenszeit eines Schlosses wird in Umdrehungen gemessen. 50 000 Umdrehungen sollte ein Schloss mindestens durchhalten, und eine Haustür eines Münchner Mietshauses wird pro Tag etwa einhundert Mal benutzt. Wobei der Münchner, der seinen Schlüssel vergessen hat, zum Hauseingang vielleicht schon noch reinkommt. Aber an der Wohnungstür wird es dann kritisch, und sehr teuer, wenn man einfach eine Nummer aus dem Telefonbuch anruft. Kilian kennt das Thema gut. Seit der ADAC auch einen Schlüsseldienst anbietet, ist seine Firma als Berater für den Autoclub tätig. "Seriöse Schlüsseldienste bekommt man nur über Mundpropaganda." Zu viele würden die Notsituationen bei verlorenen Schlüsseln ausnutzen und aberwitzige Preise verlangen. Ein paar Dinge kann man aber beachten, sagt Kilian. Der Dienst sollte den Preis vorher nennen. "Eine zugefallene Tür darf nicht mehr als 60 oder 70 Euro kosten." Und die Aufkleber, die in München an jeder zweiten Tür kleben, davon müsse man die Finger lassen. "Die Aufkleber haben sie sogar bei uns an die Ladentür geklebt."

Heinz Kelm vom Fachverband Metall Bayern und Berater bei der Metall-Innung München spricht von "vielen schwarzen Schafen" bei den Schlüsseldiensten. Firmen wie Kilian gebe es in München "auf keinen Fall zu viele". Viele Handwerksbetriebe könnten sich die Ladenmieten schon längst nicht mehr leisten. Kilian sei da zum Glück eine Ausnahme. Häufig scheitere die Zukunft eines Familiengeschäfts aber auch an der fehlenden Nachfolge, sagt Kelm.

Kilian hat zwei Kinder, acht und 14 Jahre alt, Nachfolger wären also da. Die Familie lebt im Haus der Firma, die 30 Mitarbeiter hat. Sein Schloss? Eines mit Code. "Vielleicht sollte man dabei aber keinen dreistelligen Code wählen, den kann man zu schnell durchprobieren", sagt Kilians Schwester Marion, 52. Sie sitzt neben ihm im Büro, als Kilian durch die Sicherheitstür und die mit der Wunderklinke durchgegangen ist, Mutter Monika im Nebenraum begrüßt hat und mit einem Blick auf die Müllerstraße von der Branche erzählt. Technologie und Systeme, das ist die Zukunft. "Heute geht es ja meist um hochtechnologisierte Schlüsselanlagen mit Tausenden Schlössern, Software und Schließplänen", sagt auch Kelm von der Metall-Innung.

Die sicherste Tür Münchens? Kilian lacht, "die im P1", die auch ihr Schloss von Kilian hat. "Da bekamen Stammgäste auch schon mal einen Schlüssel." Die schwierigste Tür? "Ein 100 Jahre altes Kirchenschloss", dafür einen Schlüssel zu machen, sei eine Herausforderung. Und die aktuelle Mode? Paketfächer.

Paketfächer? Kilian verkauft auch Briefkasten samt Schloss. Aber die Paketfachanlagen wie die gelben der Post seien ein neuer Markt. Zum einen hätten die Leute immer größere Briefkästen, um auch noch die Online-Bestellung aufnehmen zu können. Maßanfertigungen für größere Häuser würden immer häufiger angefragt. Dazu gibt es den Chip für den Postboten.

Schlüssel, Schloss. Wenn man Kilian zuhört, wie er über die verschiedensten Möglichkeiten referiert, wundert es aber schon, wenn er seinen wichtigsten Tipp loswird: "Ersatzschlüssel beim Nachbarn deponieren." Wo sonst? "Wenn Sie wüssten, wie viele den noch immer im Blumentopf oder unter der Fußmatte verstecken."