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Ende einer Tradition:Darum muss das Roeckl-Eck nach mehr als 60 Jahren schließen

Wieder ein Traditionsladen weniger: Das Roeckl-Eck an der Theatinerstraße hat nun nach mehr als 60 Jahren geschlossen. (Foto: Stephan Rumpf)

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Traditionsgeschäft in der Theatinerstraße war über Jahrzehnte die Adresse für hochwertige Handschuhe. Das Ende kam plötzlich.

Handschuhe aus cremefarbener Spitze sind nicht leicht zu bekommen. Wer in München so ausgefallene Handschuhmode suchte, ging zu Roeckl-Eck. Allein die Ladenfront an der Theatinerstraße war ein Hingucker, der Eingang zog sich über die Ecke und die massiven Holzmöbel im Inneren waren halbrund geformt.

Ein fast kreisförmiger Laden, seit mehr als 60 Jahren gefüllt mit allem, was der Kunde sich an Handschuhmode wünscht. Doch seit dem 30. Juni ist die berühmte Über-Eck-Tür verschlossen und das Schaufenster mit Planen verhängt. Das Ende kam plötzlich, auch für die 47-jährige Inhaberin Jennifer Boehm.

Mietverträge mit kurzer Laufzeit erschwerten ihr die langfristige Planung und sorgten für Unsicherheit bei Mitarbeitern und Lieferanten. Boehm entschloss sich den Mietvertrag zu kündigen, denn: "So kann man kein Geschäft führen." Eine große Ankündigung oder einen Schlussverkauf gab es nicht. "Wir haben das Geschäft all die Jahre würdevoll geführt und möchten so in Erinnerung bleiben", begründet Boehm das stille Ende.

Leicht gefallen ist ihr die Geschäftsaufgabe nicht. Roeckl-Eck ist ein Familienbetrieb in dritter Generation, schon ihre Großmutter, eine geborene Roeckl, führte den Laden. Jennifer Boehm übernahm das Geschäft von ihrem Vater Gottfried Boehm. Der Name Roeckl steht seit 1839 für hochwertige Handschuhe.

Ein Luxusprodukt, das immer weniger nachgefragt wird und die Modesparte der Firma vor Kurzem in die Insolvenz stürzte. Roeckl-Eck ist davon jedoch nicht betroffen. "Das läuft eigenständig", sagt Jennifer Boehm, deren Laden nicht zu den drei Münchner Geschäften der Handschuhmarke Roeckl gehört.

Seit 22 Jahren arbeitet sie im Geschäft, mitten drin war sie aber schon als Kind. "Bei Inventuren, wenn irgendwas anstand, war die ganze Familie da", erinnert sich Boehm. Zu tun gab es immer etwas, schließlich definierte sich Roeckl-Eck über sein großes und einzigartiges Sortiment.

Neben Roeckl-Handschuhen waren 13 andere Hersteller im Angebot: französische Handschuhe, italienische, warm und stabil für den Winter oder lang und aus Spitze für Abendkleider - alle verwahrt in den vielen akkurat angeordneten Schubladen an der Wand hinter der Theke. Handschuhe als Accessoires sind schon lange nicht mehr in Mode, und Winterhandschuhe kaufen die meisten Menschen billig beim Discounter.

Trotzdem spielte die sinkende Nachfrage bei der Geschäftsaufgabe keine Rolle. "Natürlich sind die Zeiten schwierig, aber wir kommen zurecht", versichert Boehm. Die letzten kalten Winter seien gut gewesen für den Absatz von Handschuhen, im Sommer brächten Strümpfe und Tücher Umsatz.

Obwohl die Zeiten für das exklusive Geschäft an der Theatinerstraße schon einmal besser waren, hat Jennifer Boehm den Einstieg in den Familienbetrieb nie bereut: "Ich war immer gern im Laden", sagt sie. Das Geschäft irgendwo anders in München wiederzueröffnen, könne sie sich aber nicht vorstellen. Zu sehr war Roeckl-Eck an der Theatinerstraße verwurzelt.

Was mit dem Geschäft passiert, sobald die letzten Kisten gepackt sind, weiß sie nicht, "aber man macht sich natürlich Gedanken". Auch die zuständige Hausverwaltung möchte sich im Moment weder zur Zukunft des Ladens noch zum plötzlichen Ende des Traditionsgeschäftes äußern. Wie es für sie selbst weitergeht, kann Jennifer Boehm derzeit noch nicht sagen. In einem ist sie sich jedoch sicher: "Das Herz, das bleibt im Laden".

© SZ vom 21.08.2017

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