Handball:Ohne Vereinsbrille

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„Wir wollen hier was aufbauen“, sagt Dominik Klein. Der Weltmeister von 2007 ist beim Bayerischen Handball-Verband für Marketing und Talentförderung zuständig. (Foto: Stephan Rumpf)

Allachs Bundesliga-Jugend soll sich zum Pilotprojekt für hochklassigen Handball in München entwickeln.

Von Heike A. Batzer, München

Dominik Klein war 2007 Handball-Weltmeister und ist mit seinen 36 Jahren noch jung genug, um vom Nachwuchs erkannt und bewundert zu werden. In grauer Jogginghose und blauem T-Shirt mit "Moin, moin"-Aufdruck - ein Überbleibsel aus seinen Bundesligajahren beim THW Kiel - steht er am ersten Sonntag des Jahres in einer Sporthalle im Münchner Stadtteil Allach und hält mit A-Jugendlichen eine Trainingseinheit ab. Die sind mittlerweile auch nicht mehr irgendwer, sondern die besten Nachwuchshandballer Bayerns. Seit dem Einzug in die Meisterrunde der Jugend-Bundesliga messen sie sich mit dem ambitionierten Nachwuchs der großen Bundesligavereine.

Seine sportliche Reputation macht Klein derzeit zu einer gefragten Person im Münchner Handball. "Das gibt den Jungs einen zusätzlichen Kick, Dinge aus einem anderen Mund zu hören, anders verpackt, von jemandem, der jünger ist", sagt Andreas Krauß, 62, Trainer der Allacher A-Jugend-Handballer. Der Kick wäre ihnen beinahe abhanden gekommen in den Wochen vor Weihnachten, als ein Richtungsstreit im Hintergrund eskalierte und dazu führte, dass Krauß zwar die Saison beim TSV Allach zu Ende bringen, aber danach nicht mehr weitermachen wollte. Im Kern ging es um die Frage, was wichtiger ist: Die Talente möglichst an den eigenen Verein zu binden - was die Gefahr birgt, dass die besten zu hochklassigen Klubs in der Ferne wechseln. Oder sie durch frühzeitige Kooperation zum ambitioniertesten Klub in der Nähe ziehen zu lassen, um den Handball in der gesamten Region zu entwickeln.

Die Gratwanderung geht weiter. Er müsse an den Gesamtverein denken, sagt Präsident Kreitmair

Ausgerechnet zu Beginn der Meisterrunde wurden die Querelen öffentlich, in der Folgezeit trat der damalige Vereinsvorsitzende Diethard Fent samt Stellvertreter und Jugendleiterin zurück. Rudolf Kreitmair übernahm. Der 43-Jährige, der beruflich im Finanzbereich eines Medizinherstellers tätig ist, hat den TSV Allach schon einmal acht Jahre lang geführt und zeigt sich zu Veränderungen bereit. Um den Handball in München "auf ein strukturell höheres Niveau zu heben", hält er die Zusammenarbeit der Vereine und den Aufbau von Netzwerken für nötig.

Dominik Klein, seit einem halben Jahr Marketingleiter beim Bayerischen Handballverband, hatte die Entwicklung beim TSV Allach natürlich verfolgt. Der Richtungsstreit konnte ihm nicht recht sein. Er habe seine Meinung "nicht proaktiv" eingebracht, sagt er auf Nachfrage der SZ, aber dass es nicht sein könne, dass man in München immer vor der gleichen Situation stehe, das habe er schon geäußert. Es sei eine Chance, die man nicht wieder weggeben wolle. "Wir wollen hier was aufbauen", betont Klein. Er will mithelfen, Handball in München attraktiver zu machen, damit talentierte Nachwuchsspieler nicht gezwungen sind, anderswo hinzugehen, weil München keinen hochklassigen Handball bieten kann.

Andreas Krauß, der Allacher A-Jugend-Trainer, tickt ähnlich. Man wolle das A-Jugend-Bundesliga-Projekt stabil machen, dann könne eine ganze Region davon profitieren, sagt Krauß. Dazu aber müssten "noch ein paar andere Klubs ihre Vereinsbrille entschärfen". Man müsse die Nachwuchshandballer ihren Möglichkeiten entsprechend "dorthin schicken, wo sie spielen können". Weil man sich dieser Sichtweise in Allach nun doch angeschlossen hat, will Krauß bleiben und die A-Jugend auch im kommenden Bundesligajahr trainieren. Qualifiziert ist sie durch den Einzug in die Meisterrunde bereits, schon jetzt arbeitet man im Verein daran, das neue Team zusammenzusetzen. Für die aktuelle Bundesligamannschaft geht es am 18. Januar in Balingen weiter, das nächste von noch sechs Heimspielen findet erst am 1. Februar gegen Minden statt.

Saison zwei des Allacher Bundesligaprojekts ist also bereits gesichert, Rudolf Kreitmair hat sich vorgenommen, es so zu entwickeln, dass es "keine Eintagsfliege" bleibt. "Es ist irre, was da innerhalb weniger Jahre aufgebaut wurde", findet er und will dabei ausdrücklich auch die Arbeit seines Vorgängers Diethard Fent berücksichtigt wissen. Kreitmair betont aber, dass er als Vereinschef schon auch den Gesamtverein im Auge behalten müsse.

Die Gratwanderung zwischen dem Wesen eines Ausbildungsvereins und den eigenen sportlichen Interessen wird weitergehen - exemplarisch vorgeführt an der ersten Männermannschaft. Auch sie kam in den Genuss einer Trainingseinheit mit Dominik Klein. Ihr Trainer Martin Haider erinnert daran, dass der TSV Allach schon seit zehn Jahren erfolgreiche Jugendarbeit mache, dieser Erfolg aber bislang nicht in der Männermannschaft ankomme. Sie spielt in der Landesliga, aber man würde sie gerne in der Bayernliga sehen. Es gehe um die Anschlussförderung nach der Jugend, "die wir selber hinkriegen können", weiß Haider. Doch "dazu müssen wir hoch genug spielen".

© SZ vom 08.01.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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