Handball:Ernst zu nehmen

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Den Allacher Schützen, wie hier Tobias Schimpf, der zweimal erfolgreich war, wurde es wahrlich nicht leicht gemacht, zum Abschluss zu kommen. (Foto: Claus Schunk)

Allachs A-Junioren sind gegen die Füchse Berlin chancenlos, kämpfen aber um das DM-Viertelfinale.

Von Ralf Tögel, München

Bob Hanning stand neben der Trainerbank und schaute immer wieder begeistert auf die Tribüne. 800 Menschen drängten sich in der proppenvollen Städtischen Sporthalle an der Eversbuschstraße, Rekordkulisse: "So viele Zuschauer haben wir in der gesamten Saison, das ist schon toll", befand Hanning, der nicht etwa zur Überprüfung des bayerischen Handballbooms in seiner Funktion als Vizepräsident des Deutschen Handballbunds in die Landeshauptstadt gereist war. Hanning ist nämlich auch Trainer der A-Junioren der Füchse Berlin. Der Topfavorit auf die deutsche Meisterschaft hatte in der Meisterrunde beim TSV Allach anzutreten - und erledigte die knifflige Aufgabe mit Bravour.

"Ich bewundere diese Mannschaft und bin absoluter Fan", sagte der Füchse-Coach. Er meinte nicht seine Spieler, sondern den Gegner. "Sie spielen mit einer Leidenschaft und so viel Herz. Wenn die ins Laufen kommen, sind sie wirklich gut." Das zeigten die Allacher beim jüngsten 34:18-Triumph gegen den Nachwuchs des VfL Gummersbach, das hatten die Füchse im Hinspiel in heimischer Halle zu spüren bekommen, als Allach lange einen gleichwertigen Gegner abgab und dem Topfavoriten bis auf 16:18 auf den Pelz gerückt war. Berlin pflegt mit zweistelligem Vorsprung zu gewinnen, der 33:26-Sieg gegen Allach ist die bisher einzige Ausnahme. Das hatten die Gäste nicht vergessen: "Es war klar, dass wir erst gar nichts aufkommen lassen", erklärte Hanning seinen Matchplan, der angesichts des 39:23-Erfolgs der Füchse auch vollumfänglich aufging. "Wir sind, bei allem Respekt, die beste deutsche Mannschaft", sagte Hanning noch - angesichts der dominanten Rolle und des Kaders, den er befehligt, wohl die Wahrheit.

Sechs deutsche, ein schweizerischer und ein polnischer Juniorennationalspieler stehen im Kader, vor allem die Wurfvarianten von Linksaußen Tim Freihöfer und die Klasse von Spielgestalter Nils Lichtlein, dem Neffen des Erlanger Erstliga-Torhüters Carsten Lichtlein, beeindruckten die Zuschauer. Aber auch die körperliche Überlegenheit der Gäste, deren robuste Abwehr kaum zu überwinden war, waren ursächlich, dass das Spiel nach einer Viertelstunde praktisch gelaufen war. Berlin führte 10:2. Wenn die Allacher überhaupt zu einem Abschluss kamen, landete der meist in den Armen von Füchse-Keeper Lasse Ludwig, selbstredend Nationalspieler.

"Ich bin absoluter Fan dieser Mannschaft", sagt Berlins Trainer Bob Hanning - über die Allacher

Dass es nicht noch schlimmer kam, war vor allem Allachs Keeper Louis Oberosler zu verdanken, der den Berlinern ein ums andere Mal Großchancen zunichte machte. Entweder parierte er freie Würfe oder hielt mit blitzartigen Reflexen gegen frei vor ihm auftauchende Füchse. Nicht nur beim TSV-Torhüter hielt sich die Enttäuschung in Grenzen: "So voll war die Halle noch nie. Es ist für uns eine Ehre, sich daheim gegen solche Teams beweisen zu dürfen." Die Gelegenheit wusste der 17-Jährige vortrefflich zu nutzen. "Bei Berlin spielen die besten Schützen unseres Jahrgangs", sagte Oberosler, also bestens geeignet, um trotz der 39 Gegentreffer zu glänzen.

Als die ob der Wucht des Gegners sichtlich beeindruckten Allacher den Respekt etwas abgelegt hatten, konnten auch die Feldspieler ihre Klasse zeigen. Vor allem die Rückraumspieler Stephan Seitz (3 Tore), Philipp Hlawatsch (4) und Topscorer Vitus Baumgartner (6) überraschten das gegnerische Bollwerk immer wieder, dessen Innenblock mit einer ganzen Reihe an Hünen vom Gardemaß um die zwei Meter ausgestattet ist. Kein Wunder: Während sich die Allacher mit viel Engagement des gesamten Umfelds und vor allem der Spieler in diese Sphären gehievt haben, trainiert der Füchse-Nachwuchs in einem absolut professionellen Umfeld. Tägliches Training ist selbstverständlich, die Spieler gehen in das vereinseigene Internat, ihr Leben ist detailliert auf eine Profilaufbahn ausgerichtet. Ein umfassender Trainerstab, ganzheitliche Betreuung bis hin zu einer Ernährungsberaterin sind Voraussetzungen, von denen man beim TSV nicht einmal träumen kann.

Entsprechend gelassen nahm Allachs Trainer Andreas Krauß die letztlich dann doch happige Niederlage: "Berlin war nach dem Hinspiel top eingestellt. Wir haben alles probiert, aber es war schwer, das Berliner Bollwerk zu durchbrechen", was auch durch einige unglückliche Schiedsrichterentscheidungen in der Anfangsphase befördert worden sei. Der Sieg des Favoriten freilich war hoch verdient, denn egal, ob Krauß eine offensivere Abwehr spielen ließ, im Rückraum variierte oder auf Tempospiel setzte, die Gäste hatten immer die richtige Antwort: "Hanning ist ja kein Blinder, sie haben auch die Spieler, um das System anzupassen und zu variieren." So avancierte das Spiel zu einem munteren und sehenswerten Schlagabtausch, in dem auch die Allacher zu gefallen wussten. Vor allem "auf die Moral der Jungs" war Krauß hernach stolz: "Das ist ihre Mentalität. Sie geben immer alles und haben sich auch dieses Mal nicht abschlachten lassen."

Der Blick ging ohnehin schon wieder nach vorne. Am kommenden Samstag (16 Uhr) gastiert der Nachwuchs des Erstligisten Balingen-Weilstetten. Der Klub war schon vor geraumer Zeit in Allach vorstellig geworden, wie zu hören ist. Sogar Nationalspieler Tobias Strobl soll zu der Abordnung gehört haben, die Oberosler, Seitz und Kreisläufer Cedric Riesner Offerten machte. "Das ist nicht interessant", sagt Oberosler. Der 1,96 Meter große Torhüter kann noch ein Jahr A-Jugend spielen und werde das in Allach tun. Er wolle lieber gegen Balingen gewinnen. Vier Punkte fehlen auf den vierten Platz in Gruppe 1, der für das DM-Viertelfinale berechtigt.

"Mit diesem Publikum im Rücken ist alles möglich", sagt Trainer Krauß. Das gilt auch für die Mannschaft.

© SZ vom 10.03.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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