Typisch deutsch:Die Zombies im Kopf

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Typisch deutsch: Als Zombies verkleidete Menschen bei einem "Zombie-Walk" (Symbolfoto).

Als Zombies verkleidete Menschen bei einem "Zombie-Walk" (Symbolfoto).

(Foto: Matthias Oesterle/Imago/Zuma Wire)

Das Verhältnis unseres Autors zum Halloween-Tag und der zunehmenden Verkleidungswut der Münchner ist durchaus belastet. Über den schwierigen Versuch einer Annäherung.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Es beginnt die Jahreszeit der sonderbaren Leute. Hexen und Vampire flankiert von furchteinflößenden Geister-Gestalten nebst der einen oder anderen Fledermaus mit - allerdings - entlarvenden menschlichen Zügen.

Der November ist für mich ein gefürchteter Monat, nicht nur weil ihn die Menschen mit furchterregenden Halloweenfratzen einläuten. Die erwartbare Kälte lässt mich diesen Monat immer wieder zur Reisezeit auswählen - und die um sich greifende Verkleidungswut der Münchner verstärkt dieses Bedürfnis seit einigen Jahren zunehmend.

Zombie-Sträflinge, schwarze Skelette oder Menschen-Gesichter mit täuschend echten Wundmalen jagen mir mehr Schrecken ein, als dass ich dem etwas abgewinnen könnte. Nichts wie weg, dachte ich mir an so manchen Halloweenabenden und verkroch mich Zuhause.

Ich zweifelte einige Jahre an der Zurechnungsfähigkeit von Teilen der Bevölkerung, die sich Ende Oktober in Schlangen vor Kostümgeschäften stellten, um möglichst viel Geld für die Steigerung der eigenen Hässlichkeit zu verprassen. An meiner eigenen Sichtweise zweifelte ich natürlich keineswegs.

Halloween als Prüfung des Menschen auf seinen Sinn für Ironie

Eines Morgens kurz vor Halloween war ich in Kirchseeon auf dem Markt, um Einkäufe zu machen. Ich traf dort eine meiner Schülerinnen und erzählte nicht ohne Empörung von der großen unansehnlichen Wunde, die ihre Freundin Klara im Gesicht hatte. Da fing die Schülerin an zu lachen. Sie meinte dass Halloween als Art Umkehr-Tag zu verstehen sei. Was sonst als furchterregend empfunden wird, gilt an diesem Tag als schön. Es gehe gewissermaßen darum, den Menschen auf seinen Sinn für Ironie zu überprüfen. Moment...

Ich war nicht unfroh über diese Erläuterung. Klara und ihre an Hässlichkeit schwer zu überbietende Gefolgschaft waren also nichts anderes als eine grandiose Darbietung an Ironie? Hätte ich das nur geahnt, als ich damals dieser Schwabinger Gestalt samt Henkersmaske begegnet war und vor lauter Schreck die Straßenseite wechselte. In Syrien hatte ich zu dieser Maßnahme gegriffen, wenn ich IS-Kämpfer erblickte, die keine Gelegenheit verstreichen ließen, um einen Journalisten zu schikanieren, wenn sie ihn erkannten. Und die Wahrscheinlichkeit dafür war nicht gering. Sie suchten schließlich nach mir, meine Kollegin hatten sie bereits tödlich erwischt.

Der Straßenseitenwechsel kann in seiner Wirkkraft auch entlarvend sein. Deswegen hatte ich mich vor meiner letztlich nicht mehr vermeidbaren Flucht - in der Resthoffnung auf Besserung - noch sieben Monate lang als Frau verkleidet. Unter Tags verließ ich das Haus ausschließlich mit einer Burka getarnt. Das alles endete mit dem Tod meiner Kollegin - und meiner Flucht nach Deutschland.

Es war damals kein ironischer - sondern echter Horror. Vielleicht trägt das zur Erklärung bei, warum ich mich mit Halloween lange sehr schwer tat und bis heute nicht restlos beschwerdefrei damit umgehe. Aber: Ich nähere mich an, versuche zu verstehen statt zu verurteilen, das hilft nicht selten im Leben. Im Vorjahr malte ich auf die Gesichter der Kinder Spinnen und die Zähne von Vampiren. Inzwischen gelingt es mir in solchen Momenten, die Bilder aus Syrien weitestgehend zu verdrängen. Raketenangriff, 20 tote Kinder, ihre blutigen, entstellten Gesichter. Die Erinnerungen bleiben, aber sie schieben sich nicht mehr so stark in den Vordergrund.

Wenn die ersten Nebelschwaden des Herbstes die Isar entlang kriechen und der Wald beginnt, modrig zu riechen, dann bereite ich mich auf das schaurige Fest vor. Ich werde mich heuer böse verkleiden, nicht wegen mir selbst, sondern um die Schüler in meiner Schule glücklich zu machen.

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