"Hallo Nachbar" im Volkstheater "Zentrum ist München. Eh klar"

Das Duo Rausch und Schneider startet die Reihe "Hallo Nachbar" im Volkstheater. Im ersten Teil wird "Wiener Blut" unter die Leselupe genommen.

Von Nina Berendonk

Es sind nur zwei Bücher, die auf dem Tisch eines netten Cafés in der Klenzestraße nebeneinanderliegen - doch sie erzählen eine ganze Menge über die beiden Menschen, die auf der Bank am Fenster sitzen. Das eine hat Tina Rausch für ihren Freund und Kollegen Bernhard Schneider zum vormittäglichen Arbeitstreffen mitgebracht. Mit kleinen gelben Post-its hat sich die 38-Jährige überaus ordentlich die Textstelle markiert, die sie ihm für einen wissenschaftlichen Artikel über - jawohl - Eier geben will.

Rauch und Schneider bleiben mit ihrer Lesereihe erstmal im Foyer des Theaters. Da, wo es Getränke gibt, und Musik.

(Foto: Foto: S. Ruchlinski)

Schneider, 44, freut sich über das Zitat aus einem Gedicht von Benno Ohnesorg und fischt dann seinerseits ein Taschenbuch aus den Tiefen einer sehr großen Tasche: Eine vergammelte, an den Ecken schwarz verfärbte Ausgabe von Gilbert Keith Chestertons "Ketzer", der etwas hübsch Boshaftes zum Thema Nachbarn geschrieben hat. Rausch entfährt beim Anblick des ramponierten Taschenbuches ein kleiner Schrei: "Wie lange hast du das schon?" Schneider hat es erst vor wenigen Wochen gekauft.

Es könnte genau dieser Unterschied nicht nur im Umgang mit Büchern sein, die das eingespielte Duo Rausch/Schneider so erfolgreich macht. Fünf Jahre lang standen die beiden nebenberuflichen Kulturveranstalter hinter der Lesereihe "Geschichten aus der großen Stadt" im Kilombo. Als Wirt Christian Blau den Laden in der Senftlstraße aufgab, ließen Rausch und Schneider auch die längst zum Kult avancierte Reihe nach ihrer 23. Ausgabe im Januar 2007 auslaufen. "Wir wollten das Pferd nicht totreiten", sagt Schneider heute und hat sichtlich Spaß an dieser Metapher, die ihm gerade in den Kopf gekommen ist. "Zumal die ganze Sache stark an den Ort und den Charme des Wirtes gebunden waren."

Unheimlicher Erfolg

"Das war uns selbst schon ein bisschen unheimlich, wie lange wir Erfolg mit dieser Sache hatten", ergänzt Rausch eine Spur nüchterner. Nun aber, nach zwei Jahren und nicht wenigen Angeboten, die "Geschichten aus der großen Stadt" an anderen Veranstaltungsorten fortzuschreiben, steht ein leicht modifiziertes Konzept: Am Donnerstag Abend startet die neue, zunächst dreiteilige Reihe "Hallo Nachbar" im Münchner Volkstheater. Der erste Akt des "Dramas der deutschen Sprache in deutschen Sprachen" (Pressemitteilung) widmet sich unter dem Titel "Wiener Blut" junger österreichischer Literatur aus der Hauptstadt und Umgebung; es folgen "Zürich & Co. Ltd." am 12. Februar und "Berliner Schnauze" am 18. März.

Gäste des ersten Leseabends sind neben Multitalent Franzobel die Autoren Thomas Ballhausen, Angelika Reitzer und Michael Stavaric, die übrigens, ähnlich wie Franzobel, nicht nur Literatur machen. "Das gehört zu unserem Konzept", erklärt Schneider. "Wir haben uns bewusst Leute ausgesucht, die sich auch in benachbarten Sparten wie der Kunst bewegen. Auch darauf verweist der Namen der Reihe." Womit genau sich die Eingeladenen neben dem Schreiben noch befassen, darüber wird sich Georg M.Oswald mit ihnen unterhalten, der ja bereits die "Geschichten aus der großen Stadt" moderierte. Damit es neben dem Wiedererkennungs- auch einen Überraschungseffekt gibt, führt Oswald an jedem der drei Abende im Volkstheater mit einem eigens dafür verfassten Prolog in das jeweilige Städte-Thema ein.

Mit dem Veranstaltungsort der Lesereihe zeigen sich Rausch und Schneider überaus zufrieden. "Wir haben uns gefreut, nach dem Aus des Kilombos so viele Anrufe zu bekommen", sagt Rausch. "Aber die waren alle schon mit eigenen Veranstaltungen behaftet" - ihre Finger haken bei diesem Wort Anführungszeichen in die Luft. "Wir wollten etwas für uns erobern." Das Volkstheater ist der "starke Partner", nach dem man gesucht habe, ergänzt Schneider. "Wir haben uns gefragt, wer analog zu uns sein könnte in Sachen Anspruch, Frechheit, Traditionsbewusstsein oder Anpassung." Wobei es ihm wichtig ist zu erwähnen, dass man jetzt "nicht total abgehoben" das Theater bespiele, sondern mit "Hallo Nachbar" im Foyer des Hauses bleibe, da, wo es Getränke gibt, und Musik.

Leipziger Allerlei und Lokalkolorit

Auch in dieser Hinsicht sind sich die beiden also treu geblieben: Rausch und Schneider bieten ihrem Publikum bei ihren Veranstaltungen immer das ganze Paket, einfach, weil sie Spaß an solchen Details haben. Stand bei den "Geschichten aus der großen Stadt" Literatur aus Leipzig auf dem Programm, dann gab es im Kilombo selbstverständlich Leipziger Allerlei - feine gemischte Gemüse: Morcheln, Spargel, Zuckerschoten, Karotten; geht die literarische Reise nun nach Wien, heißt es auf dem Flyer natürlich "15. Jänner 2009". Lokalkolorit - womöglich ein weiteres Erfolgsgeheimnis.

Geheimnis Nummer drei ist die offenbar unerschöpfliche kreative Energie der beiden Münchner. Die neue Reihe im Volkstheater läuft vorerst nur bis in den Frühling - "dann kommt der Sommer, wo man die Bücher lieber wieder selbst an der Isar oder im Hirschgarten liest", meint Schneider. Ein Problem wäre eine Fortsetzung aber sicherlich nicht, vorausgesetzt natürlich, der neue Gastgeber möchte das auch. Schneider grinst vergnügt: "Man kann ja auch ein ,Hallo Pasing machen. Thema kann alles sein, was über uns hinausgeht. Zentrum ist natürlich immer München." Eh klar.

"Hallo Nachbar", morgen, 15. Januar, Brienner Straße 50. Einlass um 19.30, Beginn der Veranstaltung um 20.30 Uhr. Mehr Informationen zur Reihe unter www.hallo-nachbar-muenchen.de.