Bevor Haile Gebrselassie über sein Land, seine unternehmerischen Erfolge und all die sportlichen Höchstleistungen seines Lebens reden kann, muss er erstmal diese Fangfrage möglichst diplomatisch umschiffen: Ob es ihm denn nun in München oder Berlin besser gefalle? Tja, was sagt man da, wenn man in der Dallmayr Academy mitten in München steht, in Berlin aber ein paar sporthistorische Erfolge gefeiert hat? Der nur 164 Zentimeter hohe Lauf-Riese antwortet: „Ich habe viermal den Berlin-Marathon gewonnen, bin zweimal Weltrekord gelaufen – aber München ist auch schön.“ Gut gegeben! Schließlich soll sein erster Wettkampf in München erst am Tag darauf anstehen: der Firmenlauf im Olympiapark, mit dem erfolgreichsten aller Läufer im Team von „Menschen für Menschen“, jener einst von Karlheinz Böhm gegründeten Hilfsorganisation, die in Äthiopien langfristige Projekte nach dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe initiiert.
Vor allen derentwegen ist Gebrselassie aus Addis Abeba eingeflogen, für ein paar Besprechungen mit Vorstandssprecher Sebastian Brandis über die nächsten gemeinsamen Projekte, für einen Kurzbesuch in der Staatskanzlei und für die Talkrunde im Hause Dallmayr, wo sie seit vielen Jahren Kaffee made in Äthiopien verkaufen. Der langjährige Gesellschafter Wolfgang Wille, seit vergangenem Sommer im Ruhestand und von der Abendzeitung mal als „Münchens Kaffee-König“ tituliert, hatte die Bohnen aus dem ostafrikanischen Hochland sozusagen entdeckt. Heute sei Dallmayr der weltweit größte Käufer von äthiopischem Kaffee, noch vor Starbucks und Konsorten, erklärt Willes Nachfolger und Schwiegersohn Johannes Dengler. Der Top-Seller „Prodomo“ bestehe zu 50 Prozent aus äthiopischen Kaffeebohnen. Dengler weist nicht nur auf die langjährige Partnerschaft mit „Menschen für Menschen“ hin und preist deren „holistischen Zugang“ („Schule, Wasser und Kaffeeplantagen“), sondern dankt auch Gebrselassie: „Du warst für so viele von uns eine Inspiration“ – und meint damit den Läufer Gebrselassie, der auch Dengler ein Mal einen Marathon bestreiten ließ.
Doch so gern der charismatische Ausnahmeathlet mit dem Gewinner-Lächeln auch über den Sport und die Parallelen zum Wirtschaftsleben spricht („Du musst immer die Nummer eins sein! Platz zwei, drei und vier kommen von alleine“), so sehr sei es ihm ein Bedürfnis, „Danke“ zu sagen: an die Stiftung für die vergangenen 40 Jahre, auch an Dallmayr – apropos: „Habt ihr meinen Kaffee schon?“ Noch nicht, meint Dengler, komme aber bald. Seit Gebrselassie vor zehn Jahren seine einmalige Karriere (Doppel-Olympiasieger, vierfacher Weltmeister, 27 Weltrekorde) beendet hat, ist der 52-Jährige als Geschäftsmann aktiv. Außer Kaffeeplantagen hat er zehn Hotels gebaut, vier weitere sind im Bau, er vertreibt E-Autos, verkauft Honig, investiert in erneuerbare Energien, hat schon 5000 Menschen Arbeit gegeben. Seit 2012 ist er Botschafter von „Menschen für Menschen“, deren Gründer Karlheinz Böhm er vor dessen Tod mehrmals in Äthiopien getroffen hatte und mit ihm die Prinzipien seiner Entwicklungshilfe teilt: „Menschen für Menschen gibt dir nicht einfach Essen, sondern sagt: ‚Ändere dein Leben! Schick deine Kinder zur Schule!‘ Wir müssen uns selbst helfen. Menschen leben von Hoffnung, nicht nur von Essen und Trinken.“ Oft zitiert: das Beispiel mit dem Fisch, auch von Gebrselassie: „Gib dem Menschen nicht den Fisch, sondern zeige ihm, wie man Fische fängt.“ Bildung sei die wichtigste Aufgabe: „Gebildete Leute können das Land verändern.“

Jetzt aber doch kurz zum Sport: Wie oft kommt er als viel beschäftigter Geschäftsmann noch zum Laufen? „Nur noch ein Mal am Tag. Sieben, acht Kilometer, meist auf dem Laufband.“ Die zehn Kilometer renne er schon noch unter 35 Minuten, aber: „Das hier ist mein Problem“, sagt er und zeigt auf seine Körpermitte. Verglichen zum einstigen Wettkampfgewicht von 56 Kilo habe er sieben, acht Kilo mehr auf den Rippen. Zu einem weiteren Weltrekord in der Ü40-Wertung hat es unlängst dennoch gelangt – einmal Renner, immer Renner. Als Kind ist er morgens zehn Kilometer zur Schule und zurück gelaufen: „Die Rechnung war ganz einfach: Wer um acht da sein muss und nicht so früh aufstehen will, der muss halt rennen statt gehen.“ Und das barfuß, die ersten Laufschuhe bekam er erst mit zwölf. Heute federt die Welt-Elite auf Carbon-Schuhen durch die Wettkämpfe – Gebrselassie winkt ab: „Es ist viel zu viel Technologie in unserem Leben. Mit diesen Schuhen wäre ich leicht unter zwei Stunden geblieben.“ Er meint: beim Marathon. 42 Kilometer in zwei Stunden? „Schaff‘ ich nicht mal mit Rad“, meint der SZ-Fotograf. Muss er ja auch nicht.
Und wie schnell war der Über-Läufer nun beim Firmenlauf? Haile Gebrselassie, der ewige Wettkämpfer, hat nicht auf die Uhr geschaut, ist einfach so mitgelaufen. Aber mit der adäquaten Startnummer: der 1.

