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Haidhausen:Wider die Gentrifizierung

Anwohner protestieren gegen einen Neubau im Innenhof, Lokalpolitiker sehen Nachverdichtung im Viertel generell kritisch

Von Patrik Stäbler, Haidhausen

Im Streit um den geplanten Neubau eines Rückgebäudes in einem Hinterhof an der Breisacher Straße haben etwa 50 Nachbarn und Unterstützer auf dem Bordeauxplatz gegen die drohende Fällung dreier mehr als hundert Jahre alter Bäume protestiert. Die von der ÖDP organisierte Demonstration trug das Motto "Schützt unsere Innenhöfe in Haidhausen" und richtete sich gegen den "Nachverdichtungswahn" - ein Thema, das wenige Tage zuvor schon den Bezirksausschuss (BA) Au-Haidhausen beschäftigt hatte.

Anlass hierfür war ein Antrag für den Bau eines Aufzugs und die Erneuerung der Balkone in einem Haus an der Ohlmüllerstraße 3, zu dem das Gremium Stellung nehmen sollte. Die Errichtung des Aufzugs lehnte der BA einmütig ab. Zudem sprachen sich mehrere Mitglieder auch gegen größere Balkone aus. Sie wurden aber mit einer 14:12-Mehrheit überstimmt, sodass der BA diesen Teil des Antrags nicht ablehnte, sondern bloß zur Kenntnis nahm. Zuvor hatte sich Heinz-Peter Meyer (SPD) in einem längeren Vortrag das Thema Nachverdichtung prinzipiell vorgenommen. Er verwies darauf, dass München die höchste Bevölkerungsdichte in Deutschland aufweise, und in der Landeshauptstadt wiederum der Stadtbezirk Au-Haidhausen hinter Schwabing-West auf Platz zwei liege. Daher plädiere er dafür "dass wir versuchen, die Nachverdichtung etwas zu hemmen". Zudem verwies er auf die stetig steigenden Mietpreise; auch hier sei München landesweit Spitze. Daher solle der Bezirksausschuss Baumaßnahmen ablehnen, die oftmals zu Mietsteigerungen führten - etwa Aufzüge oder Balkone. "Wir müssen da eine Linie reinbekommen", forderte Meyer.

Dem pflichtete auch Franz Klug (Grüne) bei, der von einer "ganz wichtigen Debatte" sprach. "Wir sollten uns nächstes Jahr im Plenum einmal Zeit nehmen und das Punkt für Punkt durchdiskutieren." Auch Nikolaus Haeusgen (CSU) betonte, "dass niemand von uns der Meinung ist, dass alle Balkonvergrößerungen toll sind". Allerdings müsse man stets den Einzelfall betrachten, fand Haeusgen. "Wenn ein winziger Balkon etwas vergrößert wird, droht nicht gleich die Gentrifizierung."

Zu selbiger würde freilich das geplante Rückgebäude in der Breisacher Straße beitragen, das der BA einstimmig abgelehnt hat - da diese "massive Nachverdichtung im Innenhof" nicht wünschenswert sei. Trotz dieses Vetos und trotz aller Proteste der Nachbarn wird die Lokalbaukommission (LBK) dem Bauantrag sowie den damit einhergehenden Baumfällungen voraussichtlich zustimmen. "Die Chancen stehen gut, dass das genehmigt wird", teilt ein Sprecher des Referats für Stadtplanung und Bauordnung dazu mit. Aktuell jedoch prüfe die LBK noch den Antrag, auch unter Einbeziehung der Unteren Naturschutzbehörde.

© SZ vom 15.12.2020
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