Süddeutsche Zeitung

Haidhausen:"Schickeria-Planung"

Gasteig-Sanierung beschäftigt die Bürgerversammlung

Zum Rekord, den Stadträtin Evelyne Menges (CSU) zu Beginn der Haidhauser Bürgerversammlung ausgerufen hatte, reichte es dann doch nicht. Der, so erzählte sie, sei für sie einst in Hadern aufgestellt worden, als die Versammlung schon um 20.15 Uhr zu Ende war. Trotzdem war über den letzten Antrag des Abends ungewöhnlich früh entschieden, nur eine halbe Stunde nach den Rekordhaltern strömten die gut 150 Haidhauser aus dem Hofbräukeller in den kalten Abend. Gehetzt hatten sie sich zuvor aber nicht, es gab schlicht für Haidhauser Verhältnisse mit zehn Wortmeldungen recht wenig Gesprächsbedarf. Was nicht heißt, dass es an wichtigen Themen mangelte. Die anstehende Gasteig-Sanierung und der Verkehr beschäftigt die Haidhauser. Außerdem wollen sie eine Kampagne gegen Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus sowie Trans-und Homophobie in ihrem Viertel.

"Als tolerante Stadtgesellschaft dürfen wir uns das nicht bieten lassen", sagte Carmen Wegge, die sich auch im Landesverband der Jungsozialisten engagiert. Sie bezog sich auf Angriffe aus dem rechten Spektrum, die sich im vergangenen Jahr in Haidhausen häuften. Bei einem israelischen Restaurant wurden im November Scheiben eingeworfen, nur wenige Tage später wurde eine Gruppe aus der Trans-Community in der Nähe des Weißenburger Platzes angepöbelt. Bereits im Februar kam es an der Tramhaltestelle Max-Weber-Platz zu rassistischen Beleidigungen und einer Körperverletzung von einem Münchner aus Bosnien. Zudem seien derzeit "Wahlplakate fast aller Parteien mit Hakenkreuzen" bemalt, hat Wegge beobachtet. Deswegen soll die Fachstelle für Demokratie nun eine Kampagne im Viertel gegen diese Art von Gewalt starten. Wegge bekam für ihre Initiative viel Applaus, einstimmig verabschiedeten die Haidhauser ihren Antrag aber nicht.

Wie bei nahezu jeder Bürgerversammlung nahm der Verkehr auch diesmal wieder eine zentrale Rolle ein. So forderte eine große Mehrheit Tempo 30 entlang der Ismaninger Straße im Bereich des Klinikums. Einen Senior stört, dass er mit seiner Isarcard 65 seine Enkelkinder nicht in den Öffentlichen mitnehmen darf, sondern stempeln müsse. Das solle sich ändern, forderte eine große Mehrheit im Hofbräukeller. Inge Glanz will ein "schnellstmögliches Ende der Verkehrskrise", zum Beispiel durch einen engeren S-Bahn-Takt. Auch die zweite Stammstrecke interessiert die Haidhauser nach wie vor. So erkundigen sich die Haidhauser, warum entlang der zweiten Stammstrecke kein Halt am Rosenheimer Platz vorgesehen sei, obwohl dort doch der Gasteig sei.

Die Sanierung des Gasteigs soll im Herbst 2021 beginnen, schon heute löst das Projekt bei den Haidhausern kontroverse Diskussionen aus. Der Entwurf des Münchner Architekten Gunter Henn sieht einen gläsernen Anbau in Richtung Rosenheimer Straße vor. Eine Haidhauserin wollte das verhindern. "Brauchen wir wirklich so eine Schickeria-Planung?", fragte sie. Michael Amtmann, Pressesprecher des Gasteigs, versuchte im Anschluss zu beruhigen. "Es geht nicht um einen Eventpalast." Der Anbau aus Glas solle den heute recht abgeschlossenen Gasteig nach außen hin öffnen. Gleiches erhofft er sich von einem Aussichtspunkt im obersten Stockwerk, der nach der Sanierung allen kostenfrei zugänglich sein soll. Von dort habe man "einen der schönsten Blicke auf die Stadt". Das überzeugte die Haidhauser, sie lehnten den gestellten Antrag auf eine "bescheidene Sanierung" knapp ab.

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SZ vom 25.01.2020
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