HaidhausenNeubeginn am Ort des Abschieds

Lesezeit: 3 Min.

Der Zaun am Ostbahnhof, wo Mitglieder der "Weißen Rose" 1942 auf einen Zug an die Front warteten, weicht einem Bauprojekt. Die Metallsegmente sollen in der Erinnerungsarbeit eingesetzt werden, eines davon an historischer Stelle

Von Patrik Stäbler, Haidhausen

Die Fotos zeigen eine junge Frau, die an einem Metallzaun lehnt. Vor ihr stehen mehrere Studenten in Uniform beisammen, die an jenem 23. Juli 1942 vor dem Münchner Ostbahnhof auf ihren Abtransport an die Ostfront warten. Dort sollen sie fürs Deutsche Reich kämpfen. Und da unter den Soldaten nicht nur Freunde sind, sondern auch ihr Bruder, nimmt die 21-Jährige an diesem Tag Abschied von den jungen Männern. Szenen wie diese haben sich seinerzeit wohl oft an der Orleansstraße abgespielt. Und doch sind die Fotos der jungen Frau - ihre Handtasche hängt vor ihr am Metallzaun - ein Stück deutsche Geschichte. Denn sieben Monate später wird die 21-Jährige wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und mit der Guillotine enthauptet, ebenso wie ihr Bruder. Die Namen der beiden Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose: Sophie und Hans Scholl.

Die Fotos am Metallzaun - aufgenommen vom Medizinstudenten Jürgen Wittenstein - sind "ikonografisch für die ,Weiße Rose' geworden", so formuliert es Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung. Daher soll an dem Ort, wo Sophie Scholl und Christoph Probst 1942 die anderen Weiße-Rose-Mitglieder Hans Scholl, Willi Graf und Alexander Schmorell verabschiedet haben, der Widerstandsgruppe gedacht werden. Die Immobilienfirma GVG, die dort entlang der Bahngleise eine Neubebauung unter dem Namen Orleanshöfe angeht, hat bereits zugesichert, dass an dem historischen Schauplatz ein Denkmal entstehen wird. Dieses soll eines der Zaunteile enthalten. Und geht es nach dem Bezirksausschuss (BA) Au-Haidhausen, dann werden die weiteren Elemente des Metallzauns, der 2023 abgebaut wird, an Schulen und andere Institutionen verteilt. Diese könnten damit Erinnerungsorte oder Projekte zur "Weißen Rose" gestalten, so der Plan.

Erinnerung an den Widerstand gegen das Nazi-Regime: der Zaun am Ostbahnhof mit der neuen Gedenktafel, dahinter das Baugebiet Orleanshöfe.
Erinnerung an den Widerstand gegen das Nazi-Regime: der Zaun am Ostbahnhof mit der neuen Gedenktafel, dahinter das Baugebiet Orleanshöfe. (Foto: Florian Peljak)

Im Jahr 2013 hatte der BA bereits veranlasst, dass eine zwei mal einen Meter große Gedenktafel an dem Zaun angebracht wird - gegenüber der Orleansstraße 63, am Ort der historischen Verabschiedung. Im Sommer 2017 musste die Tafel jedoch abgehängt werden, da sie marode war und es einen Anschlag gegeben habe, erinnert sich BA-Mitglied Herbert Liebhart (CSU). "Damals hat irgendjemand Säure drüber geschüttet." Inzwischen hängt seit Kurzem wieder eine neue, etwas kleinere Tafel am Zaun - initiiert vom Bezirksausschuss und gestaltet vom Fotografen Herbert Liebhart und dem Haidhauser Heimatforscher Hermann Wilhelm (SPD). Die zwei Lokalpolitiker haben überdies schon einen Entwurf entwickelt, wie ein Gedenkort dereinst aussehen könnte - mit einem Zaunelement, an dem eine Aktentasche, Rosen und Flugblätter aus Metall hängen.

Hierbei handelt es sich freilich bloß um eine erste Idee. Für die konkrete Ausgestaltung des Gedenkorts will der Bezirksausschuss mehrere Parteien mit ins Boot holen. Mitte April werde man Hildegard Kronawitter sowie Vertreter der GVG, des städtischen Kulturreferats und des Stadtmuseums zu einem runden Tisch einladen, kündigt der BA-Vorsitzende Jörg Spengler (Grüne) an. "Da werden wir auch darüber sprechen, wie das abläuft mit der Vergabe der Zaunteile." Seit die Orleanshöfe im Februar dem Stadtrat vorgestellt wurden und in der Folge mehrere Medien über die Pläne für ein Denkmal berichteten, hätten sich Dutzende Interessenten beim Bürgergremium und bei der Weiße-Rose-Stiftung gemeldet, berichtet Spengler. "Das hat große Kreise gezogen. Die Anfragen kamen aus ganz Deutschland."

Schon zuvor hatte Thomas Schmid, der Geschäftsführer der GVG, mehrfach versichert, dass seine Firma im Zuge der Bauarbeiten sämtliche Zaunteile aufheben und einlagern werde. Mit einigen Elementen sei dies schon geschehen, sagt Spengler, da sie für die Baustelle der zweiten Stammstrecke abgebaut worden seien. Der restliche Zaun werde voraussichtlich 2023 weichen müssen. Gegen diese Pläne macht nun aber die Linken-Fraktion im Stadtrat mobil. Sie hat einen Antrag eingereicht, wonach der komplette Zaun erhalten und "als Erinnerungsschauplatz zu einer dauerhaften Gedenkstätte" umfunktioniert werden soll. Im BA dagegen plant man mit der deutlich kleineren Variante. Sobald der Abbau des Zauns beginne, werde das Stadtmuseum zwei Elemente abholen, sagt Herbert Liebhart. Eines solle im Museum bleiben, das andere für das Denkmal verwendet werden. Bei dessen Planung müsse der BA eine federführende Rolle einnehmen, fordert Franz Klug (Grüne). "Wir sollten maßgeblich an der Gestaltung beteiligt sein. Denn das ist ja unser Ort, wir leben dort an dieser Stelle." Derweil sieht BA-Chef Jörg Spengler den Bezirksausschuss als "Moderator und Zusammenführer". Und er betont: "Ich habe das Gefühl, dass da alle zusammen an einem Strang ziehen."

Lange bevor es an die Gestaltung des Gedenkorts und die Verteilung der Zaunteile geht, steht indes ein anderes Datum im Terminkalender der Lokalpolitiker - der 9. Mai 2021. An diesem Tag jährt sich der Geburtstag von Sophie Scholl zum 100. Mal, was der Bezirksausschuss mit einer Gedenkveranstaltung würdigen will. Geplant ist eine kurze Lesung, womöglich aus den Flugblättern der "Weißen Rose", die laut Hermann Wilhelm "auch aus literarischer Sicht große Kunst darstellen". Stattfinden soll die Veranstaltung an der Gedenktafel in der Orleansstraße - dort also, wo Sophie Scholl vor fast 80 Jahren Abschied genommen hat von ihrem Bruder.

© SZ vom 06.04.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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