Haidhausen:Komplizierte Konstellation

Die Stadtgestaltungskommission befasst sich mit zwei Bauvorhaben an Kirchen- und Orleansstraße. Der Denkmalschutz macht Umplanungen notwendig

Von Sebastian Krass, Haidhausen

Zwei benachbarte Grundstücke, zwei Eigentümer mit ihren jeweiligen Bauvorhaben, zwei beteiligte Architekturbüros - und das an einem prominenten Ort im Stadtraum, der sich in den nächsten zehn Jahren ohnehin enorm verändern wird: Es ist eine komplizierte Konstellation am Haidenauplatz in Haidhausen, mit der sich die Stadtgestaltungskommission am Dienstagabend beschäftigt hat. Auf der Tagesordnung stand zum einen die geplante Sanierung und Aufstockung eines Bestandsgebäudes an der Kirchenstraße 96/Ecke Orleansstraße (im Erdgeschoss ist derzeit ein thailändisches Restaurant). Zum anderen ging es um den geplanten Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses direkt daneben an der Orleansstraße 89, auf einem derzeit nur zu kleinen Teilen von einer Autowerkstatt genutzten Grundstück, das wiederum an einen großen Hotelkomplex der Kette "Motel One" angrenzt.

Haidhausen: Zwei Bauprojekte an der Ecke Orleansstraße/Kirchenstraße, neben dem "Motel One"-Komplex, werden das Gesicht des Haidenauplatzes verändern.

Zwei Bauprojekte an der Ecke Orleansstraße/Kirchenstraße, neben dem "Motel One"-Komplex, werden das Gesicht des Haidenauplatzes verändern.

(Foto: Google)

Was die beiden Projekte aus städtebaulicher Sicht noch einmal bedeutender macht, ist ihre unmittelbare Nachbarschaft zum Großprojekt "Orleanshöfe" auf der anderen Seite der Orleansstraße. Auf dem langen schmalen Streifen zwischen der Straße und den Bahngleisen bis hin zum Ostbahnhof soll bis zum Jahr 2031 ein großes Wohn- und Gewerbequartier entstehen, mit etwa 450 Wohnungen, verteilt auf drei miteinander verwobene Gebäude in der Mitte des Grundstücks. Einen markanten Abschluss soll das Quartier zum Haidenauplatz hin bekommen, mit einem 18 Meter hohen Sockelgebäude, auf dem an der Ecke ein Hochpunkt aufgesetzt wird, der den Komplex an dieser Stelle auf 45 Meter bringt, deutlich höher also als die Sechs-bis Siebengeschosser, um die es in der Stadtgestaltungskommission ging.

Haidhausen: Das Gebäude an der Kirchenstraße 96 darf nicht so hoch werden wie bisher geplant. Simulation: Biersack Brunner Ingenieure

Das Gebäude an der Kirchenstraße 96 darf nicht so hoch werden wie bisher geplant. Simulation: Biersack Brunner Ingenieure

Von diesen zwei Projekten deutlich weiter fortgeschritten und somit detaillierter ist die Planung an der Kirchenstraße 96. Dort wollen die Bauherren Bastian und Peter Heidecker das bisher aus Erdgeschoss plus drei Obergeschossen bestehende Gebäude um zwei Stockwerke plus einem Dachaufbau aufstocken. "Wir wollen möglichst viele Bestandsmaterialien erhalten, auch um möglichst ökologisch zu bauen", sagt Christian Brunner vom Büro Biersack Brunner Ingenieure aus Erding, der das Projekt in der Kommission vorstellte. Das senke auch die Baukosten, erklärte Brunner tags darauf auf Nachfrage, somit könnten die Wohnungen im Anschluss günstiger vermietet werden. Denn die Eigentümer wollten das Gebäude nicht profitmaximiert verkaufen, sondern zur Vermietung im Bestand halten.

Haidhausen: Ein Computermodell zeigt das bisher geplante Bauvolumen. Simulation: Hilmer Sattler Architekten Ahlers Albrecht

Ein Computermodell zeigt das bisher geplante Bauvolumen. Simulation: Hilmer Sattler Architekten Ahlers Albrecht

Rein planungsrechtlich wäre die Aufstockung nach Einschätzung der Lokalbaukommission (LBK) wohl zu genehmigen. Aus denkmalrechtlicher Sicht aber hält die LBK das Vorhaben für "nicht vertretbar". Denn das Gebäude würde nach der Aufstockung das benachbarte denkmalgeschützte Gebäude an der Kirchenstraße 94 sowie die gegenüberliegenden Denkmäler Kirchenstraße 97 und Haidenauplatz 2 deutlich überragen. Dieser Kritik schloss sich die Kommission an. Mathias Pfeil, Chef des Landesamts für Denkmalpflege, betonte, das Haus aus dem 19. Jahrhundert liege "am historischen Stadteingang nach Haidhausen von Osten her", dieser Charakter müsse erhalten bleiben und dürfe nicht "überformt" werden. Der Münchner Architekt Manfred Kovatsch würdigte, "dass viel von der Bausubstanz erhalten bleibt", plädierte aber dafür, "um ein Geschoss runterzugehen". Sein Berliner Kollege Matthias Sauerbruch schlug eine andere Variante vor: dass das Gebäude zunächst die Trauflinie vom Nachbarn an der Kirchenstraße aufnimmt und man dann zwei zurückgesetzte Geschosse oben draufsetzt. Es seien Anregungen und Kritikpunkte gewesen, mit denen man gut weiterarbeiten könne, sagte Ingenieur Brunner, "wir sind da sehr kompromissbereit".

Wie die künftige Bebauung auf dem Nachbargrundstück einmal aussehen soll, das ist noch offen. Man sei "in der Konzeptphase", noch nicht bei der eigentlichen Architektur, sagte Rita Ahlers vom Münchner Büro Hilmer Sattler Architekten Ahlers Albrecht. Einige Eckdaten stehen aber schon: 23 Wohnungen sollen in einem Vorder- und einem Rückgebäude entstehen, dazu in den Erdgeschossen Gewerbeflächen, etwa im Hof für Ateliers, nach vorn ein Café oder eine Apotheke. Als Bauherrin firmiert Karin Rathgeber, gemeinsam mit ihren Cousins Georg und Maximilian Obermaier. Das Grundstück, auf dem früher Stallungen gewesen seien, befinde sich seit 140 Jahren in Familienbesitz, erläuterte Architektin Ahlers. Auch bei ihrem Projekt ging es um die Höhe, um den eher unproblematischen Anschluss ans Motel One, aber auch an das Bauprojekt nebenan, das ja wiederum Rücksicht auf den Denkmalschutz nehmen soll.

Kurzzeitig kam in der Kommission der Gedanke auf, ob es nicht einfacher wäre, beide Vorhaben zu einem gemeinsamen zusammenzuführen. Aber das ist nicht nur unrealistisch, es sei auch gar nicht nötig, so der Tenor am Ende. LBK-Chef Cornelius Mager formulierte in seiner Zusammenfassung: "Die Zwei-Häuser-Theorie ist die richtige." Die Kommissionsvorsitzende, Grünen-Stadträtin Anna Hanusch, gab den Planungsbüros aber zur Aufgabe, noch einmal über die Höhenentwicklung ihrer Projekte nachzudenken - was sie ausdrücklich auch gemeinsam tun sollen. Und dann sollen sie ihre Projekte noch einmal der Kommission vorstellen.

© SZ vom 23.09.2021
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