Haidhausen Gottes Wohnzimmer

Die evangelische Kirche St. Johannes am Preysingplatz wird 100 Jahre alt, ein großes Festprogramm ist geplant. Bei aller Vorfreude beklagt Pfarrer Holger Forssman, dass die Gemeinde kaum mehr karitativ tätig ist und zusehen muss, wie die sozial Schwächeren Haidhausen verlassen

Von Stefan Mühleisen, Haidhausen

Wer die Haidhauser nach einem Gefühl fragt, mit dem sie ihren Stadtteil beschreiben könnten, der wird oft "Geborgenheit" zur Antwort bekommen. Die Atmosphäre in den Straßenzügen rund ums Franzosenviertel ist gemütlich, überschaubar, aber auch städtisch, liberal. Ein urbanes Dorf, unglamourös - aber dennoch ziemlich teuer. Die Gentrifizierung hat hier den Weg hin zu einer idealen Kombination genommen: ein Wohngefühl wie im Städtchen mitten in der Weltstadt.

Immer wieder sind deshalb gerade Familien ziemlich traurig, wenn sie Haidhausen hinter sich lassen müssen. "Sie wollen nicht wegziehen, doch sie können sich mit dem zweiten Kind hier keine größere Wohnung leisten", weiß Holger Forssman. Er ist Pfarrer in jenem Gotteshaus, das viele dieser Familien über Jahre hinweg besuchen; in dem sich seit Generationen die Gläubigen derart wohl fühlen, dass sich der Kosename "Gottes Wohnzimmer" eingebürgert hat. In diesen Tagen wird die evangelische Kirche St. Johannes am Preysingplatz, ein markanter Sakralbau, 100 Jahre alt. Und welche Assoziation hat Holger Forssman beim Anblick seiner Kirche? - "Geborgenheit", sagt er.

Eine liebevolle Umschreibung, bei der aber auch Melancholie mitschwingt. Einerseits ist nach einem Jahrhundert diese Kirche noch heute den 6500 Gläubigen ein lebendiger Hort für ihren Glauben, es gibt ein reges Gemeindeleben. Andererseits: Forssman und seine Pfarrer-Kollegen können ihre Kernaufgabe nicht mehr erfüllen, die sie als Auftrag des Evangeliums verstehen - den sozial Schwachen Geborgenheit bieten. "Die soziale Arbeit verschwindet aus der Gemeinde", beschreibt er die Situation im Stadtteil, der immer mehr zum Wohnsitz für Wohlhabende wird.

In dem Jubiläum der Kirche spiegelt sich damit die Wiederkehr der Wohnungsnot in Haidhausen, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Vor hundert Jahren war dies die Vorstadt der Tagelöhner und Handwerker, geprägt von niedrigen Herbergshäusern und ärmlichen Verhältnissen. Die Häuschen wurden oft in Gruben errichtet, die der Abbau von Lehm für die Ziegel-Produktion hinterlassen hatte. Auch St. Johannes steht auf einer solchen Grube, errichtet mit Haidhauser Ziegeln. Die Gemeinde hatte lange gespart, um die schon vor der Jahrhundertwende erbaute, kleine und schlichte "Nothkirche" durch einen Bau in der Form einer Basilika neuromanischen Stils zu ersetzen. Gemäß einer knappen Chronik, herausgebracht zum 70. Geburtstag der Kirche, zählte die Gemeinde 1910 stolze 13 000 Mitglieder, auf der Vorstandsliste standen berühmte Namen wie Rudolf Diesel und Wilhelm Röntgen. Ein Kirchenrat notierte damals, dass "Seine Majestät unser König Ludwig III." der Kirche zur Einweihung nachmittags um drei Uhr einen Besuch abstattete und 4000 Mark zur Ausschmückung spendete.

Die ist, wie in evangelischen Kirchen üblich, sehr dezent. Auf pointierten Schmuck wurde unter der Ägide des Architekten Albert Schmidt dennoch nicht verzichtet - farblich abgehobene Lisenen betonen die sanft gewölbten Kuppeln, die dem Inneren eine orientalische Anmutung geben. Dazu trägt auch die Konzeption der Apsis bei: Durch Buntglasfenster fällt Licht in einen halbrunden Kreuzgang; an den Kapitellen der Säulen wurden Reliefs von Hostie und Kelch, von Adam und Eva angebracht sowie von stolzen Adlern, dem Signum des Evangelisten Johannes, des Namensgebers der Kirche. Eine stilisierte trauernde Frau hält Wacht vor den eingeritzten Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs.

Diese Statue ist nicht unumstritten. "Viele fragen sich, warum haben wir eine Marien-Statue wie die Katholiken?", erzählt Christel Passow, 82 Jahre alt und lange Jahre im Kirchenvorstand. Überhaupt, die Katholiken. Die Kirche wird oft verwechselt mit dem katholischen Sakralbau St. Johann Baptist am Johannisplatz. Das passiert sogar Würdenträgern. Milde lächelnd erzählt Christel Passow, dass einmal ein Oberkirchenrat die Predigt eines Vikars hören wollte, aber auf der Kirchenbank der anderen Johanneskirche - deren Namenspatron ist Johannes der Täufer - Platz nahm. "Er hat dann dort den Gottesdienst mitgefeiert", erinnert sie sich.

Im Selbstbewusstsein der St.-Johannes-Gemeinde hat von Anfang an die Wohlfahrt für die Armen und Kranken eine große Rolle gespielt. Hier konstituierte sich 1906 der "Protestantische Krankenpflegeverein München Ost"; lange war im Pfarramt eine Diakoniestation eingerichtet. "Doch die Sozialarbeit in der Gemeinde ist fast nicht mehr vorhanden", beklagt Pfarrer Forssman, der die Gemeinde mit seiner Frau Eva und Pfarrer Jürgen Arlt seit neun Jahren leitet. Er bedauert sehr, dass die Gemeinde kaum mehr karitativ tätig sein kann; die Fürsorge wird nur noch vereinzelt gebraucht. Forssman sieht sich zusehends seiner urchristlichen Schuldigkeit der örtlichen Sozialhilfe beraubt - und muss zusehen, wie die sozial Schwächeren aus Haidhausen wegziehen, deren Platz zahlungskräftige Zugezogene einnehmen. Dabei haben auch Organisationen wie das Flüchtlingshilfswerk Refugio oder der Verein Aktiv für interkulturellen Austausch (Aka) im Stadtviertel ihren Sitz. "Die kümmern sich jetzt um Leute, die nicht in Haidhausen wohnen", sagt Holger Forssman.

Doch die Vorfreude auf die Jubiläumsfeier dämpft das nicht. "Wir sind nach wie vor Gottes Wohnzimmer", sagt der Pfarrer, Christel Passow nickt. Beide schwärmen, dass St. Johannes ein Mittelpunkt für Haidhausen ist, ein Anlaufpunkt für Eltern, die oft und gern die Kinder-Gottesdienste besuchen, zum Meditationskreis kommen, sich in der Partnerschaft mit einer Gemeinde in Tansania engagieren. Alle sind sicher, dass sich Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm am Sonntag, 10. April, nicht an den Johannisplatz verirren wird - er ist um 10 Uhr zum Eröffnungsgottesdienst der Feierlichkeiten eingeladen.

Am Freitag, 29. April, hält Stadtdekanin Barbara Kittelberger um 19.30 Uhr einen Vortrag mit dem Titel "Kirche in der Stadtgesellschaft des 21. Jahrhunderts". Im Anschluss wird die Ausstellung "100 Jahre St. Johannes" eröffnet. Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler hält am Sonntag, 22. Mai, um 10 Uhr den Festgottesdienst; ein Gottesdienst mit Sommerfest findet am Sonntag, 24. Juli, um 10 Uhr statt.