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Haidhausen:Das Murmeln der Steine

Martin Jonas hat das Performance-Festival "Isarsprudel" erfunden. In einer Stadt ohne Fluss zu leben, kann sich der Volkskundler und Kulturarbeiter nicht vorstellen.

Von Jutta Czeguhn, Haidhausen

Martin Jonas kommt mit dem Radl über die Corneliusbrücke gefahren. Auf dem Gepäckträger klemmt ein zusammengerolltes, hellblaues Badetuch. Seine Lieblingsstelle an der Isar lässt sich vom Brückenbalkon aus gut betrachten. Man teilt den Blick mit Ludwig II., dessen Büste selbstvergessen auf einer Stele hockt. Stünde dort auch ein Panoramafernrohr, könnte die Linse den Bereich heranzoomen, wo "die Isar so schön wegarmt", wie Martin Jonas es beschreibt. Wo es breite Kiesbänke und verbuschte kleine Inseln gibt. Irgendwie theatralisch ist dieser Abschnitt zwischen Cornelius- und Reichenbachbrücke. Kein Wunder, dass der 37-Jährige die Sphäre für sein "Isarsprudel"-Festival ausgewählt hat. Das Leben sprudelt hier nur so, nicht nur das Wasser.

Wir verlassen die Corneliusbrücke. Es geht hinunter zum östlichen Isarufer, wir steigen quasi hinein in das Panoramabild, das sich eben eröffnet hat: Eine Kindergartengruppe macht sich gerade strandbadfertig. Ledernackengebräunte Frührentner haben sich riviera-mäßig bereits die besten Plätze auf dem Kiesbett gesichert. Eine Büro-Gemeinschaft ist mit Pizza-Kartons eingetroffen. Ein Typ genießt die Aufmerksamkeit; gleich lässt er sein Spielzeug, eine Drohne mit Kamera, in die Luft steigen. Im Gebüsch auf der kleinen Insel knackt ein Ast. "Man weiß nicht, was dahinter ist. Sitzt da der Biber oder sind da zwei, die sich gerade intensiv lieb haben?", sagt Martin Jonas.

Für den studierten Volkskundler und Kulturwissenschaftler ist dieser Isar-Abschnitt "pseudowild, undurchsichtig". Er kann inbrünstig schwärmen von dem Ort, der sich stetig verändert durch die Menschen und ihre unterschiedlichen Privatkulturen. "Es gibt Leute, die schlafen oder kochen hier, weil sie nicht wissen, wo sie sonst hin sollen, andere entspannen oder halten das Ufer sauber", erzählt er. Der Isar sei an dieser Stelle exemplarisch dafür, "wie Räume in der Stadt München ausgehandelt werden".

Aushandeln - ein seltsam nüchternes Wort, wenn man den Mörderton im Ohr hat, der mitunter zwischen Isarufer-Nutzern, Anwohnern und Stadtverantwortlichen angeschlagen wird. Das Isarsprudel-Festival, das Martin Jonas 2012 mit eigenem Geld ("Ich war größenwahnsinnig!") zum Leben erweckt hat, will sich in diesen Handel einmischen. Performance-Künstler aus München, Berlin, Hamburg und Zürich werden heuer am 21. und 22. August "Kunst im Fluss" präsentieren. Sie werden Dynamiken aufgreifen, die sie am Isarufer zwischen der Weideninsel und dem Deutschen Museum finden, und etwas daraus machen, kündigt Martin Jonas an. Für ihn ist Kunst nur relevant, wenn sie sich in soziale, politische oder ökonomische Prozesse einmischt.

Stromern am Wasser

Performance in der urbanen Flusslandschaft, das bietet das Festival "Isarsprudel" heuer in seiner vierten Ausgabe. Künstler aus Zürich, Berlin, Hamburg und München entdecken am 21. und 22. August die Bereiche zwischen Weideninsel und dem Deutschen Museum als Kunstraum. Mit Ungewohntem, Irritierendem, Provozierendem oder Komischem ist dort an diesen Tagen zu rechen. Performt wird in der Zeit zwischen 15 und 21 Uhr. Bei freiem Eintritt.

"Kunst im Fluss" ist das Motto in diesem Jahr. Eingeladen haben Festivalleiter Martin Jonas und sein Team beispielsweise Livia Krummenacher und Frederike Dengler aus Zürich mit ihrer "Zmiz drin". Die beiden Künstlerinnen werden Stühle in den Fluss stellen, mitten hinein - eben zmiz drin. Luis von Schwadron & das Team vom Purgatorium werden die Besucher zu jeder vollen Stunde auf ihre "Supercargo River-tours" mitnehmen, zu Orten wie dem ersten "Münchner Naked@Monuments - Selfieplace". Die "Kulturkonsorten" wollen eine Trafostation am Isarufer errichten und, einem Umspannwerk vergleichbar, den digitalen mit dem analogen Raum verbinden. In der Performance "TOYs" lässt sich mittels Videogläsern und kabelloser Überwachungskamera eine Schauspielerin fernsteuern. Die Künstlergruppe "foolpool" schickt eine Herde " Maschinenwesen" stampfend, mampfend, dampfend das Flussufer entlang. Der Walkact an der Schnittstelle zu Bildender Kunst und Performance soll den Reiz der Langsamkeit vor Augen führen. Eher wild geht es zu mit der Blaskapelle Štós aus der Ostslowakei, die sonst bei Hochzeiten aufspielt. Das Künstlerische Bedarfsbüro (KBB) schließlich wird beim Isarsprudel 2015 als Informationszentrum umherirrendes Publikum und Künstler einfangen und ihm den Weg weisen.

Weitere Infos unter www.isarsprudel.wordpress.com. czg

Er selbst pendelt zwischen aktiver Kulturarbeit und volkskundlicher Wissenschaft. Ein paar Jahre lang hat er für das Theater im Fraunhofer gearbeitet, derzeit begleitet er das Programm im "Herzkasperlzelt" auf der Oid'n Wiesn. Parallel schreibt er an seiner Doktorarbeit, in der es auch um die anarchische Kasperl-Figur geht, allerdings - höchst zeitgemäß - in digitalen Räumen.

Die Isar ist für Martin Jonas ein realer, sinnlicher Ort, an dem er seine Batterien aufladen kann. Dann taucht er, fühlt sich leichter. "Man hört die Steine der Isar murmeln, und alles ist gleich nicht mehr so schlimm", sagt er. In einer Stadt zu leben, die keinen Fluss oder See hat, kann sich der gebürtige Münchner nicht vorstellen. Da müsse die Stadt schon sehr schön sein. "Wasser macht etwas mit einer Stadt und mit den Menschen", glaubt er. Aufgewachsen ist Martin Jonas in Pasing, wo es immerhin die Würm gibt, die damals dreckiger war als heute. Das Badeverbot? Jonas grinst. "Wir sind oft mit Blutegeln nach Hause gekommen." Während des Studiums hat er ein paar Jahre in Wien gelebt. An der schönen, blauen . . .? "Die Donau ist sehr verbaut, das kann man mit der Isar nicht vergleichen, die ist viel sauberer, frischer", sagt er.

Martin Jonas freut sich auf den Isarsprudel, den vorerst letzten, denn er will eine Pause einlegen. 2017 soll es dann in neuer Form weitergehen. Auf der Corneliusbrücke, beim Kopf von König Ludwig, wird am 21. und 22. August, der Infopoint für die Festival-Besucher eingerichtet sein. Von dort sollen sie sich erst einmal den Fluss anschauen und sich dann treiben lassen. Für Martin Jonas ist es jedes Mal wieder ein Wunder, wie sich die Isar und das Leben an ihrem Ufer selbst inszenieren: "Die meisten Leute sehen viel mehr, als wir überhaupt anbieten."

Isarsprudel

Zu rechnen ist mit ausgefallenen und höchst unterschiedlichen Darbietungen, die einen fließenden Bezug zum Sujet haben.

(Foto: Stephan Rumpf)
© SZ vom 17.08.2015
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