Süddeutsche Zeitung

Haidhausen:Blauer Tupfennebel

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Simona Petrauskaite zeigt im Üblacker-Häusl Lichtobjekte - und verwandelt die Realität in Magie

Von Nicole Graner

Lauter kleine leuchtende Tropfen. Unzählige auf Glas getupft. Es werden immer mehr, denn sie sind auf verschiedenen Glasebenen aufgetragen, vervielfältigen sich ins Tausendfache durch die Brechung des Lichts. So als ob man dem Himmel ganz nah wäre, durch einen Durchschlupf hindurchschauen würde in eine andere Dimension. Und je länger man durch diesen Lichttunnel blickt, sich selbst am Ende in einem Spiegel erblickt, umso mehr wird man von "Nebula Lux" hinausgetragen ins Irgendwohin. Von der Realität hinausgetragen ins Unwirkliche, vom Jetzt in die Ferne.

Ein magischer Blick ist das. Ein magisches Betrachten. Die litauische, schon lange in München lebende Künstlerin Simona Petrauskaite weiß um die Kraft des Lichts. Um den Dialog zwischen Farbe, Glas und Licht. Zig LED-Lämpchen, die sie in ihre Glasobjekte einbaut, platziert sie so, dass sich Pünktchen oder Linien nicht gänzlich im Hellen oder nur im Dunklen verlieren. Das Spiel mit dem Licht ist für die 1971 im litauischen Šiauliai geborene Künstlerin das "Kreieren von Illusionen". Schon immer habe sie sich, erzählt die 49-Jährige im klitzekleinen Hinterhof des ÜblackerHäusls, mit der Frage beschäftigt, was überhaupt real ist, was den Menschen letztlich umgebe und was das Leben ausmache. "Das muss jeder natürlich für sich entdecken, aber für mich ist es stets die Einheit von Licht und Geist." Eine Art der Meditation, wenn man will, oder auch eine Form der Religiosität.

Petrauskaite betet. Auf ihre Weise. Manchmal vor dem Schlafen, wie sie sagt. Und dann sind es die Zeilen eines Textes, den sie im Geiste vor sich sieht: "Ich bin Geist, ich bin Licht, ich bin Liebe." Dieses Abtauchen ist es, das ihr innere Ruhe schenkt, neue Wege aufzeigt und auch ein neues Bewusstsein formt. "Ändert sich das Bewusstsein, ändert sich die Wahrnehmung", sagt sie. Dass der Titel ihrer Ausstellung "Ich bin Licht" heißt, ist also die klare Benennung ihres eigenen, momentanen Gefühls, ihrer eigenen Visionen.

Wie aber gelingt es, Linien, Tupfer und Kreise in eine so lichtmagische Form zu bringen? "Das ist mein Geheimnis", sagt Petrauskaite und lächelt. "Das wollen alle wissen, wenn sie meine Objekte sehen." Und sie verrät nur so viel, wie der Betrachter selbst auch schon ahnt: Es ist eine Frage der Anordnung der Glas- oder Plexiglasscheiben, der Spiegel und des Lichts. Oft bemalt sie mit einer speziellen Farbmischung die Platten ganz ohne Lichteinwirkung, also im klassischen Sinne. Und lässt sich später überraschen, wenn sie mit den LED-Lämpchen spielt, die Farbe durchscheinend werden lässt. Es sei spannend zu sehen, so sagt sie, wie alles zusammenwirkt. Erst später justiere sie nach. Denn es müsse bei allen ihrer Lichtkästchen die Tiefe stimmen, die Reflexionen. Blau, türkis und dunkelblau - alle Facetten von blau liebt die Künstlerin. Schon ein Leben lang sei das ihre Farbe.

Simona Petrauskaite sitzt ganz ruhig und entspannt im "Garten" des Üblacker-Häusls in der Sonne. Ihre grau-weißen, vollen Haare glitzern - fast wie die weißen Tupfen in einem ihrer Objekte. Sie spricht über ihre Kunst nicht als eine, die mit ihrem Tun überzeugen möchte, die dem Betrachter eine Botschaft aufzwängen will. Ihr Arbeiten sind Gefühlsmomente, sind die Verarbeitung ihrer Visionen. Die Menschen einen Augenblick aus der Realität herauszuholen, ist ein Wunsch der Künstlerin. Und dass der Alltag für kurze Zeit ausgeblendet werden könne.

Mit 23 Jahren verlässt Simona Petrauskaite ihre Heimat Litauen. Nicht weil sie nicht alles dort lieben würde. Vor allem ihre Familie. Aber die Kunstschule und später das Studium für angewandte Kunst im Fach Metallkunst und Schmuck reichen ihr nicht. Sie will sich künstlerisch weiterbilden. "In Litauen, damals noch nicht in der EU, gab es zu wenig Möglichkeiten", sagt sie. Sie studiert in Wismar und München. Wird Kommunikations-Designerin und Illustratorin. Und probiert sich aus, experimentiert. Sie habe selbst "wachsen" müssen, sagt sie, und schließt für einen Moment die Augen, als wolle sie ihrem Lebensweg kurz noch einmal nachspüren. Vielleicht auch, weil sie gerade drei Monate in Litauen war. Bei ihrer Familie.

Das Licht ist jetzt ihr künstlerischer Mittelpunkt - und soll es auch eine Weile noch bleiben. Viele Ideen hätte sie, denn in der Technik für ihre Objekte stecke noch so viel Potenzial. Welche Ideen? Verraten will sie es nicht. Sie lächelt geheimnisvoll. Wie schon einmal zuvor.

"Ich bin Licht": Lichtobjekte von Simona Petrauskaite. Zu sehen bis 11. Oktober, Üblacker-Häusl, Preysingstraße 58. Öffnungszeiten: Mittwoch und Donnerstag, 17 bis 19 Uhr, Freitag und Sonntag, 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei.

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Quelle:
SZ vom 18.09.2020
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