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Handwerk:Do-it-yourself-Werkstatt hat finanzielle Probleme

So geht's: Wer sich etwas Neues bauen oder Kaputtes reparieren will, findet im Hei die richtigen Geräte und Ansprechpartner.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Haus der Eigenarbeit in Haidhausen bietet Handwerkskurse und Arbeitsplätze für alle. Nun bekommt es weniger Förderung - und muss aber mehr Miete zahlen.

Von Johannes Korsche

In einem Hinterhof an der Wörthstraße liegt die eigene kleine Welt des Hauses der Eigenarbeit (Hei). Es ist eine Welt der offenen Werkstätten für Schreiner, Schweißer, Schneider, Töpfer, kurz eine Welt der Selbermacher. Seit mehr als 30 Jahren.

Es ist die Welt von Veronika Stegmann, der Leiterin des Hei. Hier lernen Besucher, wie sie ihr Fahrrad selbst reparieren, zum Beispiel bei den Repair-Cafés, zu denen das Hei mehrmals im Jahr einlädt. Doch wie sie die Probleme des Hei reparieren kann, das weiß Stegmann gerade noch nicht. Sie, die mit dem Hei fast für alle Reparaturen eine Lösung weiß, steht vor einem "Finanzloch", das "schon existenzielle" Auswirkungen haben kann.

Da sind die Mietsteigerungen, die auf das Haus zukommen. Da ist die sinkende Förderung durch das Referat für Arbeit und Wirtschaft, das jetzt schon eine Arbeitsstelle nicht mehr bezuschusst. Und da ist eine ohnehin schon auf Kante genähte Personalsituation, man bräuchte mehr und nicht weniger Mitarbeiter. Die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben wird daher "von Jahr zu Jahr größer", sie könnte gar zum Abgrund werden, der das Hei verschluckt.

Das Hei bietet Räume und Geräte für jene an, die Sachen selbst herstellen oder alte Gegenstände reparieren wollen. Und es bietet Kurse an, die in die Welt des Handwerks einführen, 320 im vorigen Jahr. Die Grundidee sei immer, "das Selbermachen zu ermöglichen und dafür Ressourcen und Know-How zur Verfügung zu stellen", erklärt Stegmann. Etwa 2 500 Besucher zählte die Do-it-yourself-Werkstatt im vergangenen Jahr.

Doch obwohl das Hei sehr gut läuft, erwirtschaftet es lediglich etwas über die Hälfte seiner Ausgaben selbst. Finanzielle Unterstützung ist daher notwendig, wenn das Haus überleben will. Jährlich schießt das Kulturreferat 22 000 Euro zu. Das Referat für Arbeit und Wirtschaft förderte bisher mit 84 000 Euro jährlich sieben Arbeitsstellen. Dieses Geld finanzierte Jobs für Langzeitarbeitslose, die über das "Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm" an den sogenannten ersten Arbeitsmarkt herangeführt werden sollen.

Seit Anfang des Jahres allerdings bezuschusst das Referat eine Stelle nicht mehr, obwohl es diese weiterhin gibt. Derzeit prüft das Referat für Arbeit und Wirtschaft, ob eine Verlängerung möglich ist. Überwiesen wurden für dieses Jahr trotzdem erst einmal nur 68 400 Euro. Von kommenden Jahr an könnte der Betrag sogar wegen eines neuen Berechnungsschlüssels noch einmal um 20 000 Euro sinken, befürchtet Stegmann.

Während also absehbar weniger Geld in die Kasse kommt, wird die Miete in den kommenden vier Jahren stetig steigen. Bis 2021 werden etwa 41 000 Euro mehr pro Jahr fällig, das Hei zahlt dann 75 Prozent mehr im Vergleich zu der bisher jahrelang konstant günstig gebliebenen Miete. Auch nach der Mietsteigerung ist das "kein Wucher oder so", sagt Stegmann. Bedenkt man die sehr gute Lage und die Fläche, ist die Mietanpassung "schon nachvollziehbar". Eine Belastung, die das "Finanzloch" vergrößert, ist es trotzdem. Derzeit kompensieren die Mitarbeiter diesen chronischen Geld- und Personalmangel mit "ehrenamtlichem Engagement der Hauptamtlichen", sagt Stegmann.

Hier trifft sich ein Querschnitt der Münchner Bevölkerung

Nun wäre eine Möglichkeit, die Lücke zwischen Ein- und Ausgaben über erhöhte Gebühren an die Besucher des Hei weiterzugeben. Doch das will Stegmann weitestgehend vermeiden. Schließlich sollen sich alle Münchner einen Arbeitsplatz in den offenen Werkstätten leisten können. Die Einrichtung ist "keine Bastelwerkstatt für Besserverdienende, die sich mal ihren Stuhl selbst bauen wollen", versichert Stegmann.

Im Hei treffe sich "ein Querschnitt der gesamten Münchner Bevölkerung". Der BMW-Ingenieur werkelt an einem Solarpanel neben dem Arbeitssuchenden, der sein Fahrrad herrichtet, während sich eine 70-jährige Rentnerin einen Traum erfüllt und den Schweißkurs besucht. Gerade auf dieses Miteinander ist Stegmann stolz, das soll sich auch nicht ändern. Das Hei sei ein Ort, an dem Vorurteile und Berührungsängste abgebaut werden. "Diese Offenheit wollen wir auf gar keinen Fall verlieren." So kostet die Werkstattbenutzung mit Fachberatung pro Stunde 8,80 Euro, ohne Beratung 6,40 Euro. Schüler, Studenten, Auszubildende, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger zahlen die Hälfte.

Außerdem glaubt Stegmann, dass dieses Selbermachen, dieses "Ins-Tun-Kommen", wie sie es nennt, weit über die bloße Tätigkeit hinaus wirkt. Von dem Konsumzwang, der heutzutage herrsche, sei jeder in die Passivität des ewigen Kaufens und Wegwerfens gedrängt, findet sie. Mit dem Selbermachen und Reparieren im Hei könne man diesen Kreislauf durchbrechen.

Bei den Jugendlichen, die in einem Schulprojekt das Hei besuchen, fällt ihr auf, dass der Gedanke, etwas auszubessern, nicht mehr selbstverständlich ist. Auf die Frage, wer denn schon einmal etwas instandgesetzt habe, folgt dann oft Schweigen. "Die Jugendlichen kennen das eben nicht mehr."

Sie wolle mit dem Hei "verklickern, dass sich das Reparieren lohnt". Für jeden Einzelnen, der durch das Werkeln Erfolgserlebnisse bekomme. Aber auch allgemein, im Sinne eines nachhaltigen Wirtschaftens. So entstehe bei den Besuchern ein Bewusstsein, das sie letztlich zu aktiven Mitgliedern in der Gesellschaft werden lässt. Dazu beizutragen, ist Stegmann sehr wichtig: "Eine Stadt braucht eine aktive Bürgerschaft - und die braucht einen aktiven Ort in der Stadt."

Weil dieser Ort nun gefährdet ist, will Stegmann auf allen möglichen Wegen zusätzliche Mittel anzapfen. Fundraising, Wettbewerbsgelder und zusätzliche Förderung durch die Stadt. "Wir möchten mit der Stadt in einen Dialog kommen, um uns auch inhaltlich besser zu erklären und zu zeigen, was das Hei für die Stadt eigentlich bedeutet." Zwar ist sie dankbar für die Unterstützung als sozialer Betrieb, mit dem sie Langzeitarbeitslosen den Weg in eine dauerhafte Beschäftigung erleichtern kann. Doch eigentlich hoffe sie auf eine zusätzliche Förderung "aus einem geeigneten Topf". Am besten eine Förderung "für das Hei an sich", das ja mehr als ein sozialer Betrieb sei.

Der Haidhauser Bezirksausschuss will diesen Dialog auch voranbringen. Auf einen SPD-Antrag hin forderten die Stadtteilpolitiker einstimmig, "die ungekürzte Fortsetzung der Förderung" durch das Referat für Arbeit und Wirtschaft sowie "die Anpassung der Förderung der städtischen Förderung an die gestiegenen Kosten und Bedarfe" der Einrichtung.

Stegmann hofft da zum Beispiel auf das Sozialreferat. Doch weil dort noch kein konkreter Antrag vorliegt, ist es "schwierig, seriös einzuschätzen", ob eine Förderung möglich sei, sagt Referatssprecherin Hedwig Thomalla. Nur so viel: Auf den ersten Blick sei das Hei keine Einrichtung, die "klassisch beim Sozialreferat verortet ist". Allerdings sei das Angebot in ihrem Referat nicht im vollen Umfang bekannt, eine Unterstützung daher nicht ausgeschlossen. Stegmann wird es versuchen. Im Hei wurden schließlich schon ganz andere Sachen repariert.

© SZ vom 24.05.2018/axi
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