Die Weihnachtszeit bringt das Beste in uns zum Vorschein: Gemeinschaftssinn, die Bereitschaft, Gutes zu tun, um die glücklich zu sehen, die sonst wenig Glück haben. Und doch will man auch sehen, wie eine leichtgläubige Seniorin von Minderjährigen bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zur Weihnachtszeit hat Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ Hochkonjunktur. Die Saison in München prägen dieses Jahr gleich drei Produktionen. Eine alte, eine, die älter ist, als sie aussieht, und eine ganz neue. Welche hat die scheußlichste Hexe? Welche die goldigsten Engel? Und welche vermittelt Kindern am besten den Zauber, der von einer Opernbühne ausgehen kann?

Dass diese Bezauberung ein Leben lang halten kann, wird im Gärtnerplatztheater spürbar. Manche der Großeltern, die heute ihre Enkel begleiten, könnten in der Premiere gesessen haben. Seit 1974 entführt die Inszenierung des damaligen Chefdramaturgen Peter Kertz in ein klingendes Märchenbuch. Der Wald wird zum Hintergrund einer nostalgischen Bilderwelt mit funkelnden Glühwürmchen, einem appetitlichen Lebkuchenhaus und Engeln, die vom Isenheimer Altar gepurzelt sein könnten. Visuelle Opulenz zuhauf also, dazu Effekte, die in Zeiten kalter, KI-geschaffener Welten berühren, etwa wenn das Taumännchen sich physisch über die Bühne fliegend verabschiedet.
Auch die Knusperhexe wirkt in ihrer überzeichneten Garstigkeit wie eine Buch-Illustration, Hakennase, Buckel und Warze inklusive. Sie wird, dank eines so energiegeladenen Darstellers wie Juan Carlos Falcón, am Ende leidenschaftlich ausgebuht. Genauso wie das starke Ensemble gefeiert wird. Ganz zurecht auch Eduardo Browne, der mit vitalem, diszipliniertem Dirigat das Orchester in Bewegung hält. Dass am Gärtnerplatz dieselbe Schau seit über fünfzig Jahren gezeigt wird, hat seine Berechtigung. Old but gold.
Wenn das hungrige Geschwisterpaar schläft, servieren ihm im Nationaltheater dreizehn Köche und ein Fisch ein Festmahl.
Aber man kann ja auch einen Schritt zurückgehen und versuchen, einmal zu analysieren, was tatsächlich im Grimm’schen Märchen und im Opern-Libretto vor sich geht: ziemlich viel Gewalt, Armut, Hunger. So mochte Richard Jones gedacht haben, als er 1998 in Cardiff seine Sicht auf „Hänsel und Gretel“ präsentierte, die bis heute in der Bayerischen Staatsoper unheimliche Faszination auslöst.
Oder auch Ekel. Denn wer einmal das Vergnügen hat, in einer Schulvorstellung des Stücks zu landen, wird erleben, wie 2000 Kinder unisono „Ih!“ schreien, wenn sich einer der blutroten Vorhänge mit aufgemaltem Monster-Mund senkt. Jones’ Version kennt zwei Pole: Einerseits den traurigen Realismus, der das karge Häuschen der Besenbinder kennzeichnet und der sich auch in der Gestaltung der desolaten Familienverhältnisse spiegelt – die Mutter der Familie ist gewalttätig, tablettenabhängig und entgeht in einer Szene nur knapp dem Selbstmord.
Andererseits produziert Jones’ Traumlogik Bilder seltener Poesie. Wenn das hungrige Geschwisterpaar schläft, servieren ihm dreizehn großköpfige Köche und ein Fisch in Oberkellner-Livree ein Festmahl. Das sind Bilder, die im Gedächtnis bleiben. Als Begleitperson jüngerer Zuschauer muss man sich dann allerdings mutig der Frage stellen, was das eigentlich bedeuten sollte. Die Inszenierung der Staatsoper ist zudem die einzige, die die brutale Frauenverachtung der Hexen-Figur etwas infrage stellt. Eine Frau im besten Alter ist sie, in einer Art Großküche vor sich hin werkelnd und mit Verve verkörpert von Ya-Chung Huang.
Musikalisch ist das beeindruckend, nicht nur, weil das große Haus eine Weltklasse-Sängerin wie Juliane Banse als Mutter auf die Bühne stellen kann. Sondern auch, weil Vladimir Jurowski sich nicht scheut, den wagnerischen Ton der Partitur umzusetzen, in gemessenen Tempi und vielfarbigen Klangflächen. Was viele nicht wissen: Jurowski hat eine spezielle Beziehung zu genau dieser Inszenierung. Vor siebenundzwanzig Jahren hat er die Premiere an der Welsh National Opera dirigiert. Das Stück ist für diese Spielzeit an der Staatsoper leider schon abgespielt, aber es ist nicht davon auszugehen, dass es nach inzwischen 12 erfolgreichen Jahren in München in der nächsten Saison verschwindet.
In der Version der Kammeroper imponiert Luca Festner als Hexe mit trompetenhellem Tenor.

Einen langen Lauf wünscht man auch der Version, mit der die Kammeroper München dieses Jahr brilliert. Das freie Ensemble übertrifft sich seit Jahren regelmäßig selbst mit seinen umsichtig eingerichteten Fassungen der Klassiker. So hat der Musikalische Leiter Aris Alexander Blettenberg Humperdincks dichte, mit Polyphonie prunkende Partitur für ein dreizehnköpfiges Orchester angepasst. Das macht hörbar, wie viel auf den Seiten musikalisch eigentlich passiert. Und dass der ohnehin nur die letzten fünf Minuten singende Kinderchor es hier nicht auf die Bühne des Cuvilliéstheaters schafft, ist zu verschmerzen.
Auf der ist so schon genug los. Mit der dynamischen Truppe, die mit begrenztem Budget, aber entfesselter Theater-Leidenschaft eine zeitgemäße Märchenwelt zaubert. Dabei helfen intelligente Projektionen, die mal ein Lebkuchenhaus, mal den Sternenhimmel, mal den hinter der fliegenden Hexe vorbeirauschenden Wald bedeuten. Dazu tänzeln kuriose Kreaturen wie ein liebenswert mutiertes Eichhörnchen und eine dicke Katze durch die Szenerie. Die ist ansonsten recht schlicht ausgestattet und lässt dem Premieren-Ensemble Raum, seine sängerische Souveränität zu zeigen. Luca Festner imponiert als Hexe mit trompetenhellem Tenor, wenn auch die Figur mit roter Haartolle und dicker Brille mehr zum Schmunzeln als zum Gruseln anregt.
„Mein lieber Freund, Du bist ein großer Meister, der den lieben Deutschen ein Werk beschert, das sie … hoffentlich recht bald in seiner ganzen Bedeutung zu würdigen wissen werden“, schrieb Richard Strauss, Dirigent der Uraufführung, 1893 an Humperdinck. Die Bedeutung des Stücks kann in den drei Versionen erfahren werden. Denn Humperdincks Oper ist alles zugleich: ein Märchen, ein Blick in die Dunkelheiten des Familienlebens, ein musikalisch überwältigendes Spektakel.
Strauss kann beruhigt sein. Das Publikum weiß das Stück zu würdigen, der Beifall nach jeder Vorstellung ist frenetisch. Und voller Dankbarkeit für die Erinnerung daran, welche Magie auf Opernbühnen entstehen kann.
Informationen zu weiteren Terminen dieser Spielzeit unter www.gaertnerplatztheater.de und www.kammeroper-muenchen.com

