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Hadern:"Es ist nicht mehr auszuhalten"

Lärm, Dreck, Unfälle, der Aufzug kaputt, das Abluftrohr im Kindergarten-Grün, der Spielplatz verschwunden: Eine Baustelle am Stiftsbogen in Hadern raubt den Anwohnern den letzten Nerv

Von Berthold Neff, Hadern

Es ist eine Baustelle, die die Anwohner an den Rand der Verzweiflung treibt - und die vor einem halben Jahr einen Zimmermann das Leben kostete, als er, unzureichend gesichert, vom Dach in die Tiefe stürzte. Als kurz darauf ein Kran mit seiner Last ein Metallgitter am Dach beschädigte, stürzten schwere Teile auf die Gehwege. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Auch am Montagabend sorgte die Baustelle am Stiftsbogen, wo durch Aufstockung und Neubau 32 Wohnungen und ein Haus für Kinder entstehen, für reichlich Gesprächsstoff in der Sitzung des Bezirksausschusses (BA) Hadern.

Aus der Lücke im Vordergrund wächst ein Hochhaus.

(Foto: Robert Haas)

Birgit König, die als Sprecherin der Mietergemeinschaft Stiftsbogen 152-166 immer wieder die Zustände auf der Baustelle anprangert, schilderte erneut beredt, wie sehr die Mieter unter den Bauarbeiten leiden. Außerdem haben die Kinder, die in diesen Mietshäusern wohnen, ihren Spielplatz verloren - und es ist nicht ersichtlich, wann oder wo ihnen die Investoren diese gesetzlich vorgeschriebene Spielfläche sichern werden.

Angesichts dieser Situation herrschte auch im Bezirksausschuss erst einmal Ratlosigkeit, die dann aber auch einer gehörigen Portion Wut wich. "Wir sind ein Gremium, auf das man hören muss", kritisierte Isabella Fiorentino (SPD) das nur halbherzige Vorgehen der städtischen Behörden und die mangelnde Kooperation der Bauherren. Ihre Fraktionskollegin Irmgard Hofmann bestätigte, dass die Spielfläche für die Kinder der Mieter fehle. Außerdem sei mittlerweile klar, dass mitten in dem für den Kindergarten vorgesehenen Spielplatz das Abluftrohr der Tiefgarage platziert sei. Auch da müsse man nachhaken, ob das für die Kinder verträglich sei. Auch sie kritisierte in heftigen Worten, dass die Stadt die Fragen aus dem Bezirksausschuss spät bis gar nicht beantworte: "Das ist ein Unding."

Keine Bäume mehr: Bis Januar 2018 blickten die Mieter am Stiftsbogen auf viel Grün. Jetzt hat man ihnen einen Kindergarten vor die Nase gesetzt.

(Foto: Google Earth)

Auf Anregung der SPD wurde mit großer Mehrheit beschlossen, sich nicht länger hinhalten zu lassen und in dieser Sache nun direkt Stadtbaurätin Elisabeth Merk sowie Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) einzuschalten. Bei der Abstimmung enthielten sich der BA-Vorsitzende Johann Stadler und sein Sohn Matthias, weil Familienangehörige von ihnen an diesem Bauprojekt beteiligt sind. Johann Stadlers Frau Marianne gehört über die F. M. S. Immobilienbeteiligungsgesellschaft mbH Co. Grundbesitz KG ein Viertel der Mietwohnungsanlage; Stadlers Bruder Christian Stadler hat als Architekt die Aufstockung und die Neubauten geplant. Weil Stadler diese persönliche Verwicklung zunächst nicht öffentlich gemacht hatte, forderte die SPD im Sommer 2018 seinen Rücktritt, was Stadler aber ablehnte.

Am Dienstag, also einen Tag nach der BA-Sitzung, mussten die Mieter mitansehen, wie der erste Baum gefällt wurde, der dem Spielplatz für den Kindergarten im Wege stand. Vor 15 Monaten, im Januar 2018, war der Kahlschlag noch weit größer, 40 hohe Linden und Robinien fielen dem Bauprojekt zum Opfer. Inzwischen ist auch für jedermann zu sehen, wie sehr diese Nachverdichtung das Gesicht der gesamten Anlage und die Lebensqualität der Bewohner verändert. Die Wohnungen, vor denen die Kindertagesstätte gebaut wurde samt der Einfahrt zur Tiefgarage, bekommen zumindest in den unteren Stockwerken kaum noch Sonne. Das Punkthochhaus, das zwischen zwei bestehende Gebäude gezwängt wurde, wirkt angesichts seiner Dimensionen wie ein Fremdkörper. Zwischen den Gebäuden sind nur noch schmale, zugige Durchgänge geblieben. Die Bewohner müssen sich damit abfinden, dass oft der Strom ausfällt, dass sie - zum Beispiel im Haus Nr. 164 - seit einem halben Jahr ohne Aufzug auskommen müssen und dass sie von Kernbohrungen schon in aller Früh aus dem Schlaf gerissen werden. "Ein unendlich höllischer Lärm und Dreck. Es ist nicht mehr auszuhalten", schrieb Birgit König in ihrem jüngsten Rundbrief an die Mietergemeinschaft.

© SZ vom 10.04.2019

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