Ein Holzweg umsäumt die Bühne des Schwere Reiter. Auf ihm gehen sieben Tänzer sehr langsam an den Konterfeis von fünf Philosophen vorbei. Walter Benjamin, Theodor W. Adorno ... Mit Ágnes Heller ist auch eine Frau unter ihnen, aber noch bevor man die Bilder genauer betrachten kann, reißen die Tänzer klaffende Löcher in ihre Denker-Stirnen und -Wangen. In den Spiegeln, die sich dahinter versteckt haben, sehen sie dann vor allem sich selbst.
Schon der Beginn dieser „choreografischen Jam Session“ ist ganz Micha Purucker. Statt einem mit philosophischen Exkursen zu kommen, die er dann tänzerisch illustriert oder widerlegt, reißt der Münchner Choreograf das Feld der Bedeutungen und möglichen Interpretationen ganz weit auf. Schon der Titel seiner jüngsten Arbeit tut das: „Habermas Disco“: Was soll das sein? Abhotten als Form der politischen Öffentlichkeit? Ja, irgendwie schon. Aber es geht auch um die Rückbesinnung auf zwei Phänomene der Siebziger- und frühen Achtzigerjahre, als Jürgen Habermas in Starnberg an seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ arbeitete und München mal kurz so etwas wie der popkulturelle Nabel der Welt war.
In Giorgio Moroders Musicland Studios im Arabellapark entstanden die Sounds der Zukunft. Und auch gesellschaftlich schien vieles möglich, unter der Voraussetzung, dass Individuen gleichberechtigt und auf der Basis rationaler Argumente miteinander kommunizieren. Sich auf dem Dancefloor um den Verstand tanzen und trotzdem der Ratio vertrauen: was für Zeiten! Davon kann man heute, wo der zügelloseste Narzissmus die Weltpolitik bestimmt, nur träumen.
Und Purucker (Jahrgang 1958) träumt auch, träumt sich zurück, aber ohne Illusionen. Schon die beschriebene Eingangsszene kann man so lesen: Die Erinnerung an die Gedankenriesen der Vergangenheit wird weggewischt. Zur Orientierung taugt nur noch das eigene Ego. Doch auch dem trauen Purucker und seine fabelhaften Tänzerinnen und Tänzer nicht.

Aurora Bonetti, Clara Cafiero, Michal Heriban, Marcos Nacar, Hikaru Osakabe, Anise Smith und Polina Sonis lassen sich nur selten von den Melodien und Rhythmen tragen, die Robert Merdžo direkt aus der Disco-Hochzeit auf die offene Tanzfläche spült (und auch selbst instrumental unterstützt). Sie widerstehen sogar dem sich langsam aufbauenden Sog von Supermax’ funky „Love Machine“ und der Schwerelosigkeit von Donna Summers „I feel love“, die auch heute noch sofort in Kopf und Glieder fahren.
Dancefloor-übliche Moves gibt es hier allenfalls als Durchgangsstadium. Mal stehen alle wie festgetackert an ihrem Platz und lassen nur die Arme „Disco“ zitieren, mal sacken einzelne mitten in der Bewegung butterweich zusammen. Komplexe Rück-Vorwärtsbewegungs-Mosaike dominieren, aber mitunter wird auch ein Gruppengefühl angerufen. Heriban macht wieder diese Dinge, die nach Extremstretching in ungünstigsten Positionen aussehen und Nacar gleitet wie auf Kufen blitzschnell durch den Raum. Mit Props wie Einkaufswagen und Videos von chinesischen Militäraufmärschen kommen Themen wie Konsum und Uniformität ins Spiel, die die Kostüme in unzähligen Blau- und Beige-Tönen spielerisch aufnehmen und unterlaufen.
So wie Purucker die Tänzer mitten unter den Zuschauern freilässt, macht er es auch mit unserer Assoziationskraft. Auch wenn der Rückgriff auf Habermas andere Erwartungen geweckt haben mag: Text gibt es nur in einer Szene, auf Schrifttafeln, die die Performer in die Höhe halten. „We’re on the wrong track“ oder „what shall we do“ steht auf ihnen. Ratlosigkeit rules. Wer kann es ihnen verdenken?

