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Gut ausgedacht: SZ-Serie, Folge 7:Glücklich auf der Baustelle

Rita Modl hat vor vier Jahren damit begonnen, Spiele berufsmäßig zu entwickeln. Inzwischen hat sich die gelernte Bankkauffrau in der Branche einen Namen gemacht

Von Anita Naujokat

Nein, diese Partie war nicht zu gewinnen. Erst fällt einem der Ziegelstein von der Schulter des Bauarbeiters, dann schlittert auch noch der ganze Mann das Gerüst herunter. Womit das erste von drei Sicherheitszertifikaten schon mal in den Sand gesetzt ist. Noch weniger Chance, Rita Modl, die Erfinderin des Spiels "Men at Work", auch noch mit gewagten Konstruktionen auf der Baustelle beeindrucken zu wollen. Dabei hat sie extra leichte Aufgaben herausgesucht.

Das Treffen mit der Wahl-Pasingerin findet im "Funtainment" statt, das jedem der bei Schach, Mensch ärgere Dich nicht oder Uno stehen geblieben ist, eine völlig neue Welt der Spiele offenbart. Sammelkarten-, Brett-, Rollen-, Tabletop-Spiele aller Art säumen die Regale nebst Spielezubehör. Vor der Tür warten meist junge Menschen in einer Schlange, die zu einem der Spiel-Turniere wollen.

Rita Modl hat in einem der Areas eine noch ruhige Ecke aufgetan, nur ab und zu schaut ihr Testspieler Rainer Grundhuber vorbei, während Mitarbeiter nebenan die Tische fürs Turnier vorbereiten und desinfizieren. Die 37-Jährige stammt aus der Nähe von Weilheim, hat zunächst eine klassische Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht und im kaufmännischen Bereich gearbeitet. In München hat sie an der Berufsoberschule ihr Abitur nachgeholt und Fotodesign an der Fachhochschule, der heutigen Hochschule, studiert. Seit zehn Jahren ist sie selbständige Foto-Designerin, vor vier Jahren hat sie als zweites Standbein begonnen, Spiele zu erfinden. Im Moment könne sie davon leben, sagt sie.

Nur nicht wackeln: Erfinderin Rita Modl

(Foto: Robert Haas)

Ihr Weg führte nicht vom Spielen zum Erfinden, sondern umgekehrt vom Erfinden wieder zum Spielen. "Ich hatte lange nicht mehr gespielt und bin da am Anfang etwas blauäugig rangegangen", sagt sie. Ihr erstes Werk, ein klassisches Laufspiel mit Figuren, Würfel und Karten, lehnte ein Verlag als veraltet ab. Daraufhin habe sie sich erst umgesehen, was eigentlich so alles aktuell und auf dem Markt sei. "Mir sind schier die Augen rausgefallen über diese Entwicklung."

Doch wie wird man Spieleerfinderin? "Man hat eine Idee, bastelt einen Prototypen, spielt mit sich selbst, simuliert das Spiel, und wenn es etwas sein könnte, lässt man es von anderen testen." An Ideen hapere es am wenigsten, sagt Modl, das Mühselige sei das Wieder-und-Wieder-Testenlassen und das ständige Überarbeiten. Und das mit wechselnder Spielstärke und Spielertypen, sagt Modl, die im Schnitt an fünf Spielen gleichzeitig arbeitet. Vor Corona habe es noch Messetermine gegeben, vier im Jahr seien relevant, zwei nur für Erfinder, wo sich Verlage und Redakteure die Spiele ansähen und Feedback gäben.

Ein ruhiges Händchen braucht auch die Erfinderin, um ihre "Men at Work" auf der Baustelle nicht zum Absturz zu bringen.

(Foto: Robert Haas)

Auf die Idee, Spiele zu erfinden, war sie nach einem Kindergeburtstag gekommen. Nicht, weil die Spiele dort schlecht gewesen seien, vielmehr hatte die Feier etwas in ihr ausgelöst. "Ich hatte danach das Bedürfnis, ein thematisches Spiel für Buben und Mädchen zu machen. Danach habe ich mich hingesetzt und mir etwas ausgedacht." Modl selbst hat keine Kinder. Mit Kindern wäre der Job für sie nicht zu bewältigen, sagt sie. Wegen der Messen sei man oft lange weg, die Spieletreffs fänden meist abends statt. Hinzu komme, dass man als kreativ Selbständige zeitlich lange in Vorleistung gehen müsse, ohne zu wissen, ob letztlich finanziell etwas herausspringt. In der Branche kennt sie persönlich nur zehn Erfinderinnen, bei den männlichen Kollegen sind es fünfmal so viel.

"Men at Work" war Rita Modls erstes Spiel, das 2018 zunächst in einer englischen, 2019 in der deutschen Version herauskam. Ihr erster Prototyp für die umgekehrte Mikado-Version seien Seiltänzer gewesen. Der Verlag Pretzel Games hatte dann Bauarbeiter vorgeschlagen, was ihr auch entgegengekommen sei. Bislang seien knapp 25 000 Spiele verkauft worden.

Vom ersten Test bis zur angestrebten Marktreife des Produkts könne sich an jedem eingereichten Spiel bis hin zur Spielregel immer noch etwas ändern, sagt Modl. "Hat man ein Spiel mit einem Piratenthema vorgelegt, kann am Ende etwas mit Tieren herauskommen." Sie sehe das locker. Auch mit der Sicherung ihrer Einfälle macht sie sich nicht verrückt: Da laufe viel auf Vertrauensbasis, sagt Rita Modl. Die Branche sei sehr klein, und wer in der Szene sei, kenne sich. "Wenn einem da jemand eine Idee klaut, wissen es alle." Am Anfang habe sie sich ihre Ideen noch im Internet sichern lassen, mittlerweile setze sie auf Vertrauen. Bei Verlagen bleibe ihr das Urheberrecht. Einen Hausverlag habe sie nicht. Sie mache nur einen Vertrag von Spiel zu Spiel. Positiv daran sei, dass man in der spezialisierten Branche dafür in allen Richtungen offen bleibe.

"Hoppytop", ein Mensch-"Ärgerspiel" für Kinder mit Schafen.

(Foto: Robert Haas)

Das Spieleerfinden ist für die einstige Bankkauffrau, die gerne und oft lacht, zur Leidenschaft geworden. "Ohne sie braucht man es nicht zu machen", sagt sei. Denn man bekomme auch viele Absagen, was sehr frustrierend sei. Etabliert sei sie mittlerweile insofern, dass sie bei Verlagen leichter Termine bekomme. "Was aber nicht heißt, dass man danach auch einen Vertrag hat."

Auf "Men at Work" folgte 2019 "Hoppytop", ein Mensch-"Ärgerspiel" für Kinder mit schwarzen und weißen Schafen, bei dem die schwarzen ausnahmsweise mal die Guten sind. "King of 12", ein Spiel mit Karten und einem zwölfseitigen Würfel, existiert bislang als Prototyp. Das Charmante an Modls erstem Spiel ist, dass es drei Arten von Gewinnchancen geben kann: als bester Bauarbeiter, als Vorsichtigster sowie bei einem Baustopp, wenn all die Stützen, Ziegelsteine und Balken verbraucht sind. Doch das Beste bei allem Frust für den Ungeschickten ist: Setzt er alles in Trümmer, muss der nachfolgende Spieler aufräumen.

Die Serie wird in loser Folge fortgesetzt.

© SZ vom 16.09.2020

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