Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Bühne? Frei!:Sorgen teilen

Kultur-Lockdown, Tag 136: Dem Musiker und Veranstalter hilft das Gemeinschaftsgefühl

Gastbeitrag von Günter Wimmer

Normalerweise bin umgeben von vielen Menschen, denn ich veranstalte und plane Events und Konzerte. Kleine und große, laute und leise. Am Ende trägt der Veranstalter das Risiko, auch für sieben Minijobber in Teilzeit. Jedes Wochenende konnte ich dazu zwischen zehn und 100 freie Subunternehmer in der Kulturszene beschäftigen und auch bezahlen. Zudem spiele ich gerne und viel live mit der Guten A-Band. Es ist schön, dieses Springen zwischen den Welten. Je größer der Sprung, desto besser. Je wilder es zur Sache geht, desto schöner. Ich glaube, dass Musikevents den Besuchern ein Ventil im Alltag geben. Kultur und Musik sind Futter für die Seele, sonst verkümmern wir. Mir macht es Freude, Menschen allen Alters vom Sofa zu einer Veranstaltung zu locken, das reizt auch.

Doch von einem Tag auf den anderen war es still. März 2020. Erst staunte ich ungläubig, aber dann monatelang nur Absagen und Verschiebungen, alle bereits gedruckten Werbematerialien landeten im Altpapiercontainer. Das tat nicht nur finanziell weh. Ständig von negativen Botschaften umgeben zu sein, lässt einen schon einsam zurück. Die schöne und hart erkämpfte Selbstständigkeit, die vielen Menschen bei den Events, die feinen Konzerte, das wunderbare "Drumrum" - alles Geschichte?! Wegen eines Virus aus China?! Aber doch war es so. Totaler Stillstand. Monatelang Berufsverbot. Eine ganze Branche steht still, damit andere Branchen arbeiten können. Aber die Opferrolle ist so gar nicht meine. Da helfen auch die gut gemeint naiven Kommentare von Zufallsbegegnungen beim Einkaufen nicht, ganz im Gegenteil. Von "... geht gar nix mehr?" bis zu "... von was lebst du jetzt?" war alles dabei. Täglich. Als Person des öffentlichen Lebens scheint man hier gnadenlos ausgeliefert.

Aber der Alltag ist ja auch gnadenlos: Vormittags Grundschul-Homeschooling, abends im Studio und das A-Band-Album machen, trotz Berufsverbot und Jobstillstand intern dranbleiben und investieren, war die Devise. 2020, beruflich ein dunkles Jahr, aber auch mit Chancen. Neue Sichtweisen mussten her.

Anfang des Jahres hat sich irgendwie der Schalter wieder umgelegt. Still und heimlich. Kontakte zu früheren Wegbegleitern und anderen Musikern werden aufgefrischt. Der Zusammenhalt ist wieder da. Gemeinsam da rauskommen, Zusammenhalten. Die Kunst- und Kulturszene unterstützt sich gegenseitig nun mehr denn je, finde ich. Jeder kennt die Sorgen des anderen. Und ja, unsere Berufswahl ist exotisch für Außenstehende, aber ohne uns ist es still und auch langweilig. Für mich findet sich die Szene wieder, die Wertschätzung gegenseitig ist zurück. Das macht Mut. Hoffentlich kommen die Leute zu den Events und sehen alle Kulturschaffenden auf und neben der Bühne in einem neuen Licht. Das wäre doch schon mal was.

Aktuell plane ich wieder, Events querbeet. Allerdings freue ich mich wieder aufs Springen durch die Welten. Schau mer, was kommt. Frei nach Nils Frevert: "Seltsam öffne mich".

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Quelle:
SZ vom 17.03.2021
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