Grundwasser-Notstand in Schwabing:"Zwei Jahre in einem feuchten Haus"

Lesezeit: 3 min

Grundwasser-Notstand in Schwabing: Ortstermin am überfluteten Pool (von links): Eric Beißwenger, Robert Brannekämper, Franziska von Gagern, Rechtsanwalt Benno Ziegler, Alexander Flierl.

Ortstermin am überfluteten Pool (von links): Eric Beißwenger, Robert Brannekämper, Franziska von Gagern, Rechtsanwalt Benno Ziegler, Alexander Flierl.

(Foto: Florian Peljak)

Wütende Anwohner, verärgerte Landtagsabgeordnete: Bei einem Ortstermin an der Genter Straße sollen Behördenvertreter der Stadt München konstruktiv Rede und Antwort stehen - doch die Fronten bleiben verhärtet.

Von Nicole Graner

Am Dienstag sind sie alle da. Bis auf Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Alle sind an die Genter Straße 13a gekommen, deren Keller und Garage seit zweieinhalb Jahren unter Wasser stehen. Vertreter der Regierung von Oberbayern, der Stadt München, des Wasserwirtschaftsamtes, des Referats für Klima- und Umweltschutz (RKU) und des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Und viele Nachbarn, deren Häuser ebenfalls verheerende Wasserschäden haben und die ihrem Ärger Luft machen wollen.

Der Ortstermin, initiiert vom Umweltausschuss des Bayerischen Landtags, sollte ein offener Austausch zwischen allen Parteien sein, die um Gutachten streiten, nach Ursachen suchen und um Hilfe für die Bewohner der mittlerweile 40 betroffenen Häuser kämpfen. Er sollte helfen, "die konfrontative Situation aufzulösen", wie der Rechtsanwalt der Interessengemeinschaft (IG) Grundwasser, Benno Ziegler, gehofft hatte. Doch es wurde ein harter Schlagabtausch mit den städtischen Behörden, die kaum Empathie für die Anwohner zeigten.

Immer wieder die gleichen Ursachen

Die Vertreter der Stadt München und ihrer Behörden wollten keine Auskunft geben, wie den Menschen nun schnell geholfen werden könnte. "Geht heim", rief eine Anwohnerin erbost. "Hört auf, uns immer den gleichen Käse zu erzählen", eine andere. "Wohnen Sie mal zwei Jahre in einem feuchten Haus", schimpfte Wolfgang Dirrigl, 53, aus der Osterwaldstraße.

Eine Ursache für das gestiegene Grundwasser: der Regenauslasskanal (RAK), der unter dem Karl-Arnold-Weg verläuft. Das Gebäude an der Genter Straße 13a wurde 1972 gebaut, der Kanal, fast in U-Bahn-Schacht-Größe, 1987. Also nachträglich. Mit zwei Dükern und Drainagen. "Das Grundwasser südlich des Kanals ist", erklärt Benno Ziegler, "bis 2015 gleich geblieben, dann um 60 Zentimeter angestiegen." Im nördlichen Teil nur um zehn Zentimeter. "Unter den Mauern kann kein Wasser durchfließen", sagt IG-Sprecherin Franziska von Gagern. Die zwei Düker hätten es vielleicht anfangs geschafft, das Wasser abzuleiten. Jetzt nicht mehr. Ihrer Meinung nach bräuchte es mehr Düker und längere Drainagen.

Der Pumpversuch wird nicht so schnell stattfinden

In einem noch laufenden Mediationsverfahren - auf das auch Georg Krafft, Rechtsvertreter der Stadt, am Dienstag mehrfach hinwies und deswegen "keine Aussagen" machen wollte - war vereinbart worden, einen Pumpversuch zu prüfen, der das angestaute Grundwasser über die Düker abpumpt. Eine große Hoffnung der Anwohner. Doch das wird nicht so schnell geschehen. Denn Stadtdirektor Christian Heindl vom Referat für Klima- und Umweltschutz verwies auf Altlasten im Grundwasser, die bei einem Pumpversuch hochgespült werden könnten. Auch bestehe die Möglichkeit, dass die Keller der nördlichen Seite des Kanals dann "vernässt" werden könnten.

Das müssten Fachplaner nun weiter prüfen. "Ah", sagt eine Anwohnerin laut, "endlich wieder prüfen. Das ist doch ein Witz." "Und wieso kommt es, dass eine Nachbarin ein Jahr lang das Grundwasser, das nachweislich keine Schadstoffe enthielt, abpumpen durfte?", fragte Franziska von Gagern. "Da wurde es erlaubt, und hier am RAK geht das nicht?" Eine klare Antwort gab es darauf nicht. Nur den Hinweis laut Krafft, dass dafür eine Rechtsgrundlage fehle.

Dabei gebe es 100 Möglichkeiten, eine sogenannte Verschlenkung der Schadstoffe zu ermöglichen, erklärte Geologe Otto Heimbucher. Ein Überpumpen der Düker sei "sicherlich" möglich. Und auch wichtig, um den natürlichen Grundwasserspiegel wieder herzustellen. Die technische Möglichkeit bestehe, bestätigte ein Sprecher des Wasserwirtschaftsamts dann doch, "aber mit einem riesigen Aufwand".

Grundwasser-Notstand in Schwabing: Das Wasser steht überall.

Das Wasser steht überall.

(Foto: Florian Peljak)
Grundwasser-Notstand in Schwabing: In der überfluteten Tiefgarage fällt der Gully nicht mehr trocken.

In der überfluteten Tiefgarage fällt der Gully nicht mehr trocken.

(Foto: Florian Peljak)

Ursache zwei, die die Stadt laut Benno Ziegler immer wieder ins Gespräch gebracht habe: Die Anwohner hätten falsch gebaut und seien selbst schuld am Wasser in den Kellern. Das glaubte der Anwalt am Dienstag sofort entkräften zu können: Das denkmalgeschützte Otto-Steidle-Haus an der Genter Straße 13a liege nach Angaben eines Vermessungsbüros 25 Zentimeter höher als das Gebäude auf der nördlichen Seite. Doch auf dem nördlichen Grundstück ist die Garage, wie sich alle beim Ortstermin überzeugen konnten, trocken.

"Die Behörden spielen auf Zeit", sagt Alexander Flierl

Deutliche Fragen stellte Alexander Flierl (CSU) vom Umweltausschuss des Bayerischen Landtags an die Stadt: "Sie verstehen schon, dass es Beschlüsse gibt?" Und meinte die Zustimmung des Landtags und des Stadtrats, den Anwohnern schnell zu helfen. Er kreidete den Behörden an, auf "Zeit zu spielen". Auch Robert Brannekämper (CSU) sprach von "Verschleppungstaktik". Dagegen verwehrten sich Krafft wie auch Klima- und Umweltschutzreferentin Christine Kugler. Sie wies diese Vorwürfe entschieden zurück. Die städtischen Behörden trügen die bisherige städtische Linie "ausdrücklich mit".

Unbeantwortet blieb auch die Frage von Christian Hierneis, Fraktionssprecher der Grünen für Umweltschutz und Tierschutz, nach einem Zeitplan. Als Christian Heindl als mögliche Ursache ein Leck im Kleinhesseloher See erwähnte -eine Ursache, die Gutachter schon vor Monaten ausgeschlossen hatten -, sagte der Vorsitzende des Bezirksausschusses Schwabing-Freimann, Patric Wolf (CSU): "Ich schäme mich für sie. Ich schäme mich für ihr Amt."

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