Grundsteinlegung für das Philologicum Bücherwelten

Bei den Slavisten sitzt die Aufsicht in der leeren Bibliothek, bei den Germanisten stehen schon Regale leer - noch führen die verschiedenen Einrichtungen ein Eigenleben, doch die Vorbereitungen für den Umzug laufen

Von Christina Hertel

Zufällig findet man Andreas Alexandrous Arbeitsplatz nicht, man muss schon wissen, wo es lang geht. Durch eine Tür zwischen weißen Säulen, hoch in den dritten Stock, unters Dach der Ludwig-Maximilians-Universität. Poster hängen an den Wänden. "Ein Jahr in Tschechien", "Lernen Sie Russisch", "Balkan verstehen". Rote Schrift, kyrillisch und deutsch. Hier ist das Zuhause der Slavistik an der LMU. Hinter einer der schweren Eisentüren befindet sich die Bibliothek des Instituts. Und da sitzt Andreas Alexandrou.

Er ist Student, arbeitet ein paar Mal in der Woche hier als Aufsicht. Auf seinem Tisch steht ein Becher Tee, daneben liegt eine russische Fellmütze. Sonst ist niemand da. Niemand raschelt, niemand flüstert. Nur Alexandrou tippt an seinem Computer. Zwei Jahre etwa wird das noch so bleiben. Dann zieht die Bibliothek um, dann ist es wohl auch vorbei mit der Einsamkeit. Mehr als zehn verschiedene Institutsbibliotheken der Sprach- und Literaturwissenschaften, die auf verschiedene Gebäude verteilt sind, werden an der LMU vereint zu einer neuen, großen Bibliothek - dem Philologicum.

Noch führen die verschiedenen Einrichtungen ein Eigenleben, doch die Vorbereitungen für den Umzug laufen.

(Foto: Robert Haas)

Schon seit einem Jahr gibt es an der Ecke Ludwig-/Schellingstraße eine große Baustelle. Doch bis jetzt wurde nur abgerissen und noch nichts aufgebaut. Mittlerweile steht nur noch die historische Fassade. Am Donnerstag wird der Grundstein für das neue Gebäude gelegt, Ende 2018 soll es fertig sein.

"Ich bin da jetzt nicht emotional, aber ein bisschen schade ist es schon", sagt Alexandrou. "Ich mag unsere Bibliothek. Man hat seine Ruhe." Er studiert Geschichte, Französisch und Russisch. Aus Liebe zu dem Land, den Leuten, der Kultur, wie er sagt. Alexandrou gefällt vor allem eine Maßnahme bei dem Umzug nicht: Manche Bücher, die es mehrmals in verschiedenen Bibliotheken gibt, kommen jetzt schon weg - ins Magazin. Die Studenten können sie noch bestellen und ausleihen, aber sie stehen eben nicht mehr im Regal, man kann nicht mehr schnell etwas nachschlagen. "Da gab es bei uns richtige Diskussionen - auf Russisch und Deutsch." Alexandrou stand dazwischen und übersetzte.

Im Gebäude gegenüber hat Cornelia Hofmann ihr Büro. Es ist warm, auf einem Regal steht eine Schüssel voller kleiner Schokoriegel, es riecht nach Kaffee. Hofmann ist die Art Frau, mit der man gerne mal ein Stück Torte essen würde. Weiße Haare, klein, gemütlich. Aber für so etwas hat sie gerade gar keine Zeit. Sie ist die Geschäftsführerin des zukünftigen Philologicums und kümmert sich um die Koordination. "Ich weiß, viele lieben ihre kleinen schnuckeligen Institutsbibliotheken. Aber wenn man mit den Leuten spricht, verstehen sie schon, dass es besser wird als jetzt." Längere Öffnungszeiten, alles unter einem Dach, schöner, moderner, heller. Um das Philologicum optimal zu planen, ist Hoffmann nach Berlin gereist, hat sich dort große Bibliotheken angeschaut. Auch die Angestellten durften Ideen einbringen. "Uns ist am wichtigsten, dass die Atmosphäre angenehm ist." Dass es Gruppenräume gibt, aber auch Ecken, in denen absolute Stille herrscht.

Die Bibliothek der Slavisten ist gelegentlich verwaist.

(Foto: Robert Haas)

Gerade ist Hofmann damit beschäftigt, in allen Bibliotheken ein einheitliches Signatursystem einzuführen. Das heißt: sie muss dafür sorgen, dass die Mitarbeiter neue Schilder auf alte Bücher kleben. Und sie überwacht die "Bereinigung der Bestände", wie sie sagt. Von welchen Büchern gibt es mehrere Exemplare, von denen einige ins Magazin kommen? Welche sind veraltet und können an Antiquariate verkauften werden? Und welche Bücher sind wertvoll und müssen geschützt werden? In großen Excel-Tabellen hat Hofmann das alles aufgelistet. Aber letztlich nützen diese Zahlen alleine wenig: "Wir müssen das alles ausmessen. Bücher sind eben unterschiedlich dick."

Am anderen Ende des Gangs sieht man schon den Erfolg von Hofmanns Arbeit. Dort ist die Bibliothek der Germanisten. Ganz hinten stehen schon ein paar Regale leer. Trotzdem ist es nicht allen aufgefallen, dass sich hier langsam etwas verändert. Daniela Maier sitzt auf dem Boden, über ein großes, dickes Buch gebeugt. Sie studiert im siebten Semester Deutsch auf Lehramt. Wenn es irgendwie geht, vermeidet sie es, in die Bibliothek zu gehen. Sie schreibt ihre Arbeiten lieber zu Hause. Dort ist es gemütlicher, ruhiger. Deshalb hat sie es gar nicht mitbekommen, dass ihre Fakultät eine neue Bibliothek bekommt. Grundsätzlich findet sie das aber gut. "Wenn alles an einem Ort ist, wird es leichter. Jetzt weiß man ja gar nicht, wo überall Bücher stehen."

Bei den Germanisten geht es deutlich lebhafter zu.

(Foto: Robert Haas)

Die Bibliothek für Germanistik ist die größte der Bibliotheken, die ins Philologicum umziehen: 130 000 Bücher. Die Regale reichen bis zur Decke, damit man überhaupt an alles rankommt, gibt es Leitern. Auf einer steht Mario Grizelj. Schwarzes Sakko, rotes Shirt, Dreitagebart, eigentlich schwarz, aber inzwischen schon etwas grau. Er ist Professor für deutsche Philologie. Normalerweise bringt ihm seine Assistentin die Bücher ins Büro. Gerade hat sie keine Zeit, also muss er selber suchen. Einzelne Bibliotheken, so sieht er das, haben durchaus ihren Charme. "Die hier ist aber schon ein bisschen verstaubt." Das trifft es ziemlich gut. Es riecht nach Heizungsmief und altem Teppich. Es ist stickig und dunkel. PCs, an denen die Studenten arbeiten könnten, gibt es kaum.

In der Bibliothek für Amerikanistik, eigentlich im gleichen Haus, aber auf der anderen Seite, sieht es nicht viel besser aus. Gelbe, schwere Vorhänge hängen vor den Fenstern. An den Tischen sitzen ein paar Studenten vor ihren Laptops, Kopfhörer im Ohr. Keiner will hier gestört werden. Auch Julian Blaesner hat eigentlich nicht viel Zeit, seine Bachelorarbeit muss fertig werden. Trotzdem will er etwas loswerden: "Bedenklich finde ich, dass es dann wahrscheinlich nicht mehr so viele Arbeitsplätze gibt wie jetzt. Wie soll das alles in ein Haus passen?" Und wenn alles chic und modern ist, so glaubt er, kommen auch Studenten anderer Fakultäten, die mit Sprachen nichts zu tun haben und bloß einen angenehmen Arbeitsplatz suchen. "Außerdem wurde in unsere Bibliothek schon lange nichts mehr investiert, weil man sich dachte, das lohnt sich eh nicht mehr." Die Fenster sind nicht mehr dicht, die Lüftung ist zu laut. Aber jetzt muss er weitermachen. In ein paar Wochen ist Abgabe, die Seiten müssen bis dahin voll werden. Und dann wird er sich wohl so schnell nicht mehr hier reinsetzen, um zu arbeiten.