Grundschulen in München:Sanfter Zwang zum Ganztag

Grundschulen in München: Die Grundschule an der Klenzestraße gilt wegen ihres modernen Konzepts als eine der besten Schulen Bayerns.

Die Grundschule an der Klenzestraße gilt wegen ihres modernen Konzepts als eine der besten Schulen Bayerns.

(Foto: Catherina Hess)
  • An 51 der 132 öffentlichen Grundschulen in München gibt es heute insgesamt 162 Ganztagsklassen.
  • Die Stadt und der Freistaat treiben den Ausbau weiter massiv voran. Entsprechend viele Fördergelder stecken sie in die Schulen.
  • Das aber hat eine negative Folge: Wer zusätzliche Mittel für seine Schulentwicklung will, wird zwangsweise Ganztagsklassen einrichten müssen.

Von Melanie Staudinger

Martin Schmid hat den Schritt in diesem Schuljahr gewagt. Mit seinen Kollegen hat der Rektor der Klenze-Grundschule die erste Ganztagsklasse eröffnet. Das hatte nicht nur den Grund, dass die Eltern sich eine sinnvolle Betreuung bis in den Nachmittag hinein wünschen, dass sie abends die Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen, ohne noch Hausaufgaben zu erledigen.

Vielmehr profitiere die gesamte Schule davon, sagt Schmid: "Eine gute Schulentwicklung funktioniert im Ganztag viel besser." Lehrer lernten ihre Schüler intensiver kennen, wenn sie mehr Zeit mit ihnen verbrächten; sie könnten gezielter auf Stärken und Schwächen eingehen. Auch die vorgesehene Zusammenarbeit mit Experten von außerhalb der Schule gebe neue Impulse.

Schulen, die innovative Konzepte umsetzen wollen, setzen zunehmend auf Ganztagsklassen. Das liegt nicht nur am pädagogischen Mehrwert, der sich bietet, sondern auch an den Annehmlichkeiten, die der Ganztag mit sich bringt und auf den reine Halbtagsschulen verzichten müssen: Die Einrichtungen bekommen mehr Geld und Eigenverantwortung - und damit eine größere Freiheit zu entscheiden, welche Projekte sie angehen wollen.

Das ist politisch so gewollt. Geht es nach Stadtschulrat Rainer Schweppe (SPD), ist die Halbtagsschule ein Auslaufmodell. Die Chancen sieht er in der Ganztagsbildung: Wenn die Schule nicht nur Wissen vermittelt, sondern zu einem Ort wird, an dem die Kinder gerne ihre Zeit verbringen, wenn sie im Kontakt mit anderen soziale Kompetenzen erwerben, wenn der Unterricht aktuellen Herausforderungen angepasst wird. Mehr Doppelstunden schweben dem Stadtschulrat vor, mehr fächerübergreifender Unterricht, mehr Projektarbeit.

29 Prozent aller Grundschüler werden nachmittags in einem Hort betreut

Das schlägt sich in den Statistiken nieder: An 51 der 132 öffentlichen Grundschulen Münchens gibt es insgesamt 162 Klassen mit Unterrichts- und Entspannungsphasen am Vormittag und am Nachmittag. 3484 Mädchen und Buben besuchen inzwischen diesen gebundenen Ganztag - das sind neun Prozent der Münchner Grundschüler; noch vor sieben Jahren war das eine verschwindend kleine Minderheit. Die große Mehrheit freilich ist nach wie vor an einer klassischen Halbtagsschule angemeldet. 27 Prozent der Kinder gehen nach dem Unterricht nach Hause, knapp ein Viertel bevorzugt eine Mittagsbetreuung, neun Prozent ein Tagesheim. Am beliebtesten sind die Horte, in denen 29 Prozent aller Grundschüler betreut werden.

Schulen, die auf Ganztag umstellen, müssen umdenken. Sie dürfen ihren Stundenplan nicht mehr im Halbtagsmodus gestalten, sondern Fächer wie Mathematik oder Heimat- und Sachunterricht ebenso wie Sport oder Kunst auf den ganzen Tag verteilen. Sie müssen sich Partner von außerhalb der Schule suchen, die die Stunden auffüllen, die nicht von den Lehrern gegeben werden. Damit verändert sich die Zusammensetzung im Kollegium. Sozialpädagogen, Erzieher und auch Ehrenamtliche ergänzen die Belegschaft, die früher eine Enklave der Lehrer war.

Daraus ergeben sich Vorteile für die Schule. Wer Ganztagsklassen anbietet, braucht mehr Platz. Eineinhalb Räume statt einem Klassenzimmer sind mindestens erforderlich, um die Schüler auch einmal in Gruppen einzuteilen. Die Schule benötigt Ruhezonen, Areale zum Toben und eine Mensa. Es kann bei der Stadt dauern, bis diese Wünsche erfüllt werden. Wenn die Schule aber signalisiert, dass sie einen Ganztagszug anbieten will, so berichten viele Rektoren, geht es schneller voran.

Warum Stadt und Freistaat vor allem in Ganztagsklassen investieren

Von baulichen Verbesserungen profitieren auch die Halbtagsschüler. Von anderen Bonusgaben allerdings haben sie nichts. Schulen mit Ganztagsklassen bekommen mehr Geld zur eigenen Verfügung - vom Freistaat wie von der Stadt. Laut Bildungsreferat fließen freiwillig 5,5 Millionen Euro im Jahr an die staatlichen Grund- und Mittelschulen sowie Förderzentren.

Das Geld solle Impulse setzen bei pädagogischen Entwicklungen, sagt eine Sprecherin. Zudem fördert die Stadt Projekte im Ganztag und bezuschusst die Ferienbetreuung. Halbtagsschulen hingegen werden nur allgemein durch das Münchner Konzept zur Schulentwicklung gefördert. Das Jahresbudget hier: 305 000 Euro. Für alle Schulen in der Stadt.

Auch der Freistaat investiert in die gebundene Ganztagsbildung. Pro Klasse gibt es zwölf Lehrerstunden pro Woche extra und einen Betrag zwischen 6100 und 10 600 Euro. Damit wird der zusätzliche Personalaufwand finanziert: Die Schulleiter können eigene Mitarbeiter einstellen oder mit Kooperationspartnern zusammenarbeiten. Manche bieten Schach an, andere Trommeln oder Taekwondo. Die Klenzeschule etwa hat das Projekt "Iss dich clever" über richtige Ernährung und Bewegung.

Halbtagsklassen bleibt dieser Weg bisher verschlossen - selbst wenn sie Sponsoren finden, die Zusatzangebote bezahlen wollen. Zwar sei eine Öffnung der Schule nach außen gesetzlich vorgesehen und somit eine Mitwirkung externer Partner zu begrüßen, sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums. Es sei aber problematisch, wenn die Schulen selbst Geld sammelten und damit eine Art "Lehrersponsoring" betrieben. Der Freistaat sieht demnach ein großes Risiko: Es sei fraglich, ob die Kosten für das Personal dauerhaft von den Schulen getragen werden können. Zudem entstünden unterschiedliche Verhältnisse an den Grundschulen. Eltern könnten sich wegen der Sprengelpflicht die Einrichtungen aber nicht aussuchen.

Grundschulen in München: Klicken Sie auf die Grafik, um sie komplett zu sehen.

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(Foto: SZ)

Wer also zusätzliche Mittel für seine Schulentwicklung will, wird zwangsweise Ganztagsklassen einrichten müssen. Das Interesse daran ist offenbar groß. Mehr als 1000 Teilnehmer haben sich für den vierten Münchner Ganztagskongress angemeldet, der an diesem Dienstag beginnt. Unter dem Motto "Ganztagsbildung gemeinsam gestalten" will die Stadt positive Beispiele zeigen. Erstmals vergibt sie den Münchner Schulpreis für vorbildliche Schulen. Sieben sind nominiert, alle haben Ganztagsklassen. Das war Voraussetzung.

Die Klenzeschule hat sich nicht beworben. Allerdings kann auch Rektor Schmid Erfolge vorweisen. In diesem Schuljahr haben Experten sein Haus routinemäßig evaluiert. Dabei kam es unter die vier Prozent besten Schulen bayernweit. "Das hat uns natürlich sehr gefreut", sagt er. Und es sei ein Ansporn, weiterzuarbeiten - im Halbtag und im Ganztag.

© SZ vom 09.03.2015/tba
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