Grünwald Beklemmungen in Übergröße

In der Kulisse für "Das Boot" auf dem Bavaria-Gelände kann man klaustrophobische Zustände bekommen. Dabei ist sie geräumiger als ein echtes U-Boot

Von Claudia Wessel, Grünwald

Äußerlich ist es total unscheinbar. 51 Meter lang und komplett verhüllt von einer grauen Plane. Es steht gleich links nach dem Haupteingang, in etwa gegenüber der Kantine. Ein paar Fotos aus dem Film in Großformat stehen vor dem Eingang, ein Stück weiter ein graues verwittertes Teil, das man auf den ersten Blick nicht identifizieren kann. Würde da nicht der Filmausschnitt auf einem kleinen Bildschirm laufen und der Guide durch die Bavaria Filmstadt hier anhalten und zu einer Rede ansetzen, könnte man glatt vorübergehen.

Das sollte man allerdings nicht tun. Denn das, was sich unter dieser Plane verbirgt, ist spektakulär, und niemand, der jemals ins Innere vorgedrungen ist, wird es wohl je vergessen. Das unscheinbare Ding hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur rund 15 Millionen Menschen beeindruckt, die diese Filmkulisse live besichtigt haben. Es hat auch eine Menge Menschen in eine phänomenale Film-Karriere katapultiert. Und es hat die Bavaria Filmstadt von der reinen Produktionsstätte zum Ausflugsziel und Publikumsmagneten gemacht. Es ist: das Boot. Oder eher: eines von fünf Booten. Denn für den gleichnamigen Film und die Fernsehserie wurden nie echte U-Boote verwendet, sondern nur Attrappen in verschiedenen Größen: neben der 51 Meter langen eine elf Meter lange, eine 5,50-Meter- und eine Zwei-Meter-Version. Eine weitere wurde nur für Außenaufnahmen in La Rochelle genutzt.

Für Regisseur Wolfgang Petersen war der Film, der komplett in der Bavaria Filmstadt gedreht wurde und am 17. September 1981 in München Premiere feierte, der Einstieg ins US-Filmgeschäft. Er hat ihm in Hollywood "wichtige Türen geöffnet", wie er selbst im Vorwort des Katalogs zu der großen Ausstellung aus den Jahren 2006 und 2007 im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt sagt. Günter Rohrbach produzierte damit den mit 30 Millionen Mark bis dahin teuersten und erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilm, den das Publikum trotz aller anfänglichen harten Kritiken dazu machte. Die Schauspieler waren vor dem Film fast alle nur Cineasten bekannt, für Jürgen Prochnow etwa war es der Anfang einer Weltkarriere, doch auch die anderen wurden bekannt und erfolgreich.

Das Boot, das man seit 35 Jahren in der Bavaria Filmstadt vorfindet und in allen Umfragen von den Besuchern als das Highlight des Rundgangs bezeichnet wird, wurde in der Filmstadt in der heutigen Halle 4/5 gebaut. Damals gab es in der Bavaria Filmstadt noch alle Gewerke, etwa auch eine eigene Schlosserei. Das Boot ist einem echten U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg der Klasse VII c nachempfunden, so Stefan Bryxi, Leiter Operations in der Bavaria Filmstadt und für die Tour-Guides verantwortlich. Die Filmkulisse ist jedoch, so Bryxi, zehn Prozent größer als das echte U-Boot, damit die Kamera überhaupt hineinpasste. Eine unglaubliche Vorstellung angesichts der auch so sehr engen Verhältnisse. Die übrigens mit Sicherheit zu dem großen Erfolg beitragen. Denn niemand geht die 51 Meter durch diese Kulisse ohne Gefühl. Da gibt es sicher alles, von Beklemmung bis Abenteuerlust; beim Anblick der schmalen Pritschen, beim Durchkriechen durch die Kugelschotten, beim Durchsteigen etwa von der Kommandobrücke in den Torpedoraum. Und solche Gefühle bleiben hängen.

Dafür, dass die Technik im U-Boot so echt wie möglich wirkte, sorgte unter anderem Schlosser Herbert Tisler, heute Betriebsratsvorsitzender in der Bavaria Filmstadt. Er erinnert sich, dass ein Kollege in ein Museum fuhr und das Innere eines Original ablichtete. "Das haben wir dann so gut wie möglich nachgebaut." Man habe geschweißt und Rohre verlegt, natürlich nicht hundertprozentig originalgetreu. "Wo ein Platz war, da haben wir halt noch ein Rohr rein gemacht oder ein Handrad." Die Motoren baute man aus Holz, die Kipphebel vom Dieselmotor ließ man von einer Firma nachgießen, auch die Torpedos ließ man extern anfertigen. Der gesamte Bau habe viele Monate gedauert, erinnert sich Tisler, "vielleicht sogar ein ganzes Jahr".

Dass man für die Dreharbeiten nur für 20 Prozent der Aufnahmen an den Bodensee und nach Südfrankreich ausweichen musste, war dem seinerzeit noch in der Filmstadt vorhandenen "Mini-Atlantik" zu verdanken. In diesem großen Schwimmbecken wurden die Unterwasserszenen gedreht - Dinge, die heute am Computer erledigt werden. Damals aber war man noch auf diesen Trick angewiesen. Der aus heutiger Sicht mitunter amüsante Begleiterscheinungen mit sich brachte, die von den Tour-Guides auch gerne als Anekdoten geschildert werden. So etwa ließen sich in dem Becken gerne Kaulquappen beziehungsweise Frösche nieder. Wenn so ein Frosch sich dann aber vor die Kamera und neben die Zwei-Meter-U-Boot-Attrappe schob, sah die Szene aus wie der Angriff der Riesenfrösche.

80 Prozent des Films, so Bryxi, wurden in der Kulisse gedreht, durch die noch heute täglich die Leute spazieren. Allerdings war diese damals in drei Teile geteilt. Sie wurden auf einer Wippe angebracht, so dass das Schwanken des Boots gut dargestellt werden konnte. "Die Schauspieler wussten dabei auch nie, in welche Richtung sie katapultiert würden", erzählt Bryxi. Sie wurden gleichzeitig mit eiskaltem Wasser aus Schläuchen traktiert. Bei einem solchen wackeligen und nassen Dreh brach sich der Schauspieler Bernd Tauber alias Leutnant Kriechbaum drei Rippen. Um ihn als Verletzten bei den Dreharbeiten weiter mitspielen zu lassen, wurde eine Szene erfunden, die im Buch von Lothar-Günther Buchheim nicht vorkam: ein Angriff auf das Boot bei Gibraltar.

Wer den Film kennt, gar Fan ist, für den ist die Kulisse natürlich etwas ganz Besonderes. Doch auch junge Leute, so Bryxi, werden vom Durchgehen durch das enge Boot in ihren Bann gezogen. "Viele schauen den Film danach erst an", weiß er. Die nach dem Dreh 1981 entstandene Idee, die Kulisse nicht zu verschrotten, sondern sie auf dem Gelände aufzubewahren und dem Publikum zugänglich zu machen, war eben einfach genial. Und die Erfolgsgeschichte des Boots geht immer noch weiter, es stellt nach wie vor alle anderen Kulissen in der Filmstadt in den Schatten. Obwohl es so unscheinbar wirkt.