Europawahl Grüne mobilisieren Nichtwähler

So sieht Siegerlaune aus: Im Bild die grüne Spitzenkandidatin Henrike Hahn.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die hohe Wahlbeteiligung hat die politischen Kräfteverhältnisse in der Stadt verändert. Genau hierin liegt die Ursache dafür, dass die Grünen diese Wahl gewonnen haben.

Von Kassian Stroh

Eigentlich haben CSU und FDP am Sonntag einen spektakulären Erfolg erzielt, nur mitbekommen hat den kaum einer. Bei der Europawahl stimmten 163 000 Münchner für die Christsozialen, das waren ziemlich genau 50 000, also fast die Hälfte mehr als bei der Wahl 2014. Nur: Das Ergebnis in Prozent - und auf das achten die allermeisten - blieb exakt gleich. 26,9 Prozent. So wie bei der FDP, die wieder bei 5,3 Prozent landete, wiewohl sie 10 000 Stimmen mehr holte als vor fünf Jahren.

Das hat natürlich einen simplen Grund: Diesmal füllten insgesamt deutlich mehr Münchner einen Stimmzettel aus als 2014, die Wahlbeteiligung stieg von 45,8 Prozent auf 65,4 Prozent und war damit in München so hoch wie noch nie bei einer Europawahl, wie die Stadt mitteilte. Und das ist weit mehr als nur irgendein Zahlenspiel, das verändert die politischen Verhältnisse in der Landeshauptstadt drastisch.

Die Stimmen für die Grünen nach Stimmbezirken.

(Foto: SZ-Grafik; Quelle: Kreisverwaltungsreferat München)

Denn genau hierin liegt die Ursache dafür, dass die Grünen diese Wahl gewonnen haben. Keine andere Partei hat es geschafft, so viele Wähler für sich zu gewinnen, die vor fünf Jahren zu Hause geblieben waren. Etwa 115 000 waren es, wie aus einer Wählerwanderungsanalyse hervorgeht, die die Stadt am Montag veröffentlichte. Sie waren maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Grünen um etwa 109 000 Stimmen und fast zwölf Prozentpunkte besser abschnitten als 2014. Nur der CSU gelang es ansonsten, in nennenswertem Umfang frühere Nichtwähler zu mobilisieren, den anderen Parteien nicht.

Einschränkend muss gesagt werden, dass diese Zahlen Schätzungen sind. Anders als bei Analysen von Wahlforschungsinstituten, die Wähler befragen, beruhen die Zahlen der Stadt nur auf mathematischen Berechnungen. Sie sagen also nichts aus über Motive, Alter oder sonstige Eigenschaften von (Nicht-)Wählern. Sie liefern aber interessante Hinweise.

Auch die Grünen haben zum Beispiel Wählerinnen und Wähler verloren: im Saldo fast 20 000, davon ein Gutteil an kleine Parteien, darunter vermutlich nicht zuletzt die neue proeuropäische Partei Volt, die in München überdurchschnittliche 2,2 Prozent der Stimmen holte - nicht zuletzt in traditionellen Grünen-Hochburgen wie Isar- und Ludwigsvorstadt. Die SPD hingegen verlor fast die Hälfte ihrer Wähler von 2014 - allerdings nicht an die Linke, wie man vermuten könnte, sondern an CSU, Grüne, FDP, ÖDP und vor allem die kleinen Parteien. Im Gegenzug aber gewannen die Sozialdemokraten in keinem Lager nennenswert dazu.

Interessant ist an der Analyse der Stadt auch, wie flexibel generell die Wählerschaft ist. Nur ein Drittel derer, die am Sonntag ihr Kreuz bei den Grünen machten, schätzen die Statistiker der Stadt als grüne Stammwähler ein. Ganz anders bei CSU und FDP, deren Klientel offenbar die treueste ist: Beide hielten 90 respektive 80 Prozent ihrer Wähler von 2014 auch diesmal bei der Stange.

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