Bistro Ticaret im SchlachthofviertelMitten in Sendling fühlt man sich wie in Marseille oder Genua

Lesezeit: 4 Min.

So schaut's aus: Ticaret-Mitbetreiber Sven Christ zeigt Gästen, was sie erwartet.
So schaut's aus: Ticaret-Mitbetreiber Sven Christ zeigt Gästen, was sie erwartet.
Foto: Stephan Rumpf

Das neue Fischlokal „Ticaret“ beim Großmarkt hat zwei Gesichter: lockere Kantine am Mittag, gehobene Küche am Abend. Immer sitzt man eng, und trotzdem bereut man nie, hergekommen zu sein.

Von Karl-Heinz Peffekoven

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Es ist einer dieser besonderen Orte, an denen man statt in München auch in Genua oder Marseille sein könnte, mit einer Mischung aus robustem Vorstadtflair und mediterraner Küche. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang war hier, im Schlachthofviertel, im Ladenlokal neben dem Großmarkt, ein einfaches Fischgeschäft; bis 2025, als das Ticaret einzog. Aber das Nette dabei: Noch immer ist die große Kühlvitrine da, aus der man weiterhin tagsüber Dorade, Thunfisch oder Oktopus kaufen kann. Nur dient sie neuerdings auch dazu, die Gäste des Lokals zu versorgen. Das Lokal, das Birhan Babayigit und sein neuer Businesspartner Sven „Katmando“ Christ – bekannt von Josef Bierbichlers „Fischmeister“ am Starnberger See –  betreiben, ist weiß gekachelt, hübsch minimalistisch eingerichtet und vermeidet jeden Nippes, es sei denn, man betrachtet ein altes Bud-Spencer-Filmposter („Buddy fängt nur große Fische“) fälschlich als solchen.

Mittags ist das ein sehr entspannter Ort, an dem sich Büromenschen der Umgebung und Arbeiter aus den nahen Großmarkthallen eine Fischsemmel aussuchen. Es gibt sie mit Matjes oder Bismarckhering, Backfisch oder Räucherlachs, alle schön dick, mit Salat und mit kräftig Zwiebeln belegt (4 bis 7,50 Euro). Vorsicht also, sollte danach ein Meeting im kleinen Konferenzraum anstehen ...

Peffekovens Highlight im Mittagsangebot war das Balik Ekmek (9,50 Euro), das berühmte türkische Streetfood, das sonst in München nicht so leicht zu bekommen ist. Es ähnelt dem Döner, ist aber, subjektiv, viel delikater: In den Teigfladen werden gebratene Makrele, Zwiebeln, Salat, Dill, Petersilie, kleine Tomaten, Zitronensaft und Gewürzmarinade wie Sumach kunstvoll verstaut – ein Genuss. Und als Mittagessen völlig ausreichend.

Dazu gibt es zum Lunch eine kleine Auswahl an Tagesgerichten. Peffekoven wählte eine sehr würzige, Bouillabaisse-artige Fischsuppe (16,50 Euro), bereichert um Fenchel- und Karottenwürfel. Das Lachsfilet (17,50) war eine stattliche, eher leicht durchgebratene und daher zarte Portion und hatte eine kräftige Kruste, gereicht wurde es mit Gurkensalat und knusprigen Bratkartoffeln, einer altmodischen, aber zu Unrecht selten gewordenen Kombination für ein kräftiges Mittagessen. Einziger Nachteil: Man verspürte danach eine gewisse Sehnsucht nach einem Nickerchen.

Die eigentliche Show aber bietet das Ticaret am Abend, mit einem völlig anderen Angebot: frischem Fisch aufs Feinste zubereitet. Vorsicht übrigens, das Lokal ist nicht groß, und die handfesten, aber herzlichen Servierer setzen so viel Gäste hinein, wie eben hineinpassen. „Community table“, Gemeinschaftstisch, laute das Konzept, erläuterte eine Kellnerin einem Paar, das gern für sich sitzen wollte (aber trotzdem gern blieb).

Kein Schnickschnack und klare Linien: Das Innere des Bistros Ticaret, mit der traditionsreichen Fisch-Vitrine.
Kein Schnickschnack und klare Linien: Das Innere des Bistros Ticaret, mit der traditionsreichen Fisch-Vitrine.
Foto: Stephan Rumpf

Die Abendkarte, geschrieben mit Kreide auf eine große Tafel, ist nicht groß, aber fein. Man sollte keineswegs auf die Vorspeisen verzichten, die das allgemeine Entzücken der Peffekoveschen Tafelrunde fanden. Frisch und schön zart, großherzig mit Pfeffer und Petersilie angerichtet war das Thunfischcarpaccio (20 Euro), so appetitlich angerichtet, dass man beinahe gezögert hätte, davon zu essen. Aber nur beinahe. Als sehr überzeugend empfanden die Tester auch das Ceviche (16 Euro). Dieses fantastische Rezept verwendet rohen Fisch, es gehört zu den Nationalgerichten Perus und hält immer mehr Einzug in die deutsche Gastronomie. Die Variationen erscheinen schier unendlich, hier kam es mit Dorade und Avocado. Und nur Gutes wusste die Runde auch zum gebratenen Oktopus zusagen, der auf flüssigem Humus mit Kirschtomaten gebettet war, mit tollen Röstaromen (18 Euro). Eine klassische, aber sehr lohnende Vorspeise gab es ebenfalls: Alici, kleine, in Zitronenöl eingelegte Sardellen (9 Euro).

Klassiker in Zitronenöl: Feine Alici (dahinter Fischcreme Taramas) im Bistro Ticaret.
Klassiker in Zitronenöl: Feine Alici (dahinter Fischcreme Taramas) im Bistro Ticaret.
Foto: Stephan Rumpf

Wer sich um die Linie sorgt, kann hier guten Gewissens einkehren: Die Abendküche verzichtet meist auf Kohlehydrate und hochkalorische Beilagen, sieht man vom großzügig gereichten türkischen Weißbrot ab. Bei den Hauptspeisen überzeugte eine ganze Forelle, aufgeklappt und das Innere belegt mit Apfel und Fenchelsalat (25 Euro). Nicht ganz so begeisternd fanden die Tester das zwar durchaus kräftige Seeteufelfilet mit Lauchpuree und Pak-Choi – das Ganze erschien jedoch ein wenig lahm und ungewürzt (28 Euro), vielleicht fehlten auch nur ausreichend Salz und Pfeffer. Herausragend war dagegen, wenn auch nicht low carb, die Linguine mit Shrimps, zubereitet in Hummerbutter, die dem Ganzen nicht nur eine faszinierende orange Farbe gab, sondern auch einen wunderbaren Geschmack (19 Euro).

Später am Abend war die Vitrine fast leer. Die (einzige) Nachspeise des Abends erscheint gewagt, aber nur auf den ersten Blick. Ein süß-salziges kleines Abenteuer: karamelisierte Sardellenstückchen auf einer herrlichen Creme aus Griespudding und Crème-brûlée-Schaum. Köstlich. Weine gibt es im offenen Ausschank, wenige nur, aber gut ausgewählt wie den knochentrockenen, erdigen Silvaner vom renommierten Weingut Schaeffer aus Franken (0,1 für 8 Euro, es gibt aber auch preiswertere Weine wie den Grauburgunder von der Nahe, vom alten Familienbetrieb Sinß). Empfehlenswert war auch der leicht perlende Rosé aus der Emilia Romagna, das ideale Sommergetränk nach Meinung einer, in diesen Dingen anspruchsvollen Begleiterin. Rotwein gab es auf Anfrage nicht, aber zum Fisch passt Weißwein ohnehin viel besser.

Fazit: Birhan Babayigit und Sven Christ haben alles richtig gemacht – ein feines Fischlokal geschaffen, ohne den rustikalen Charme des Ortes zu verändern. Preislich ist es durchaus etwas gehoben, aber nicht überteuert. Die Kundschaft weiß das zu schätzen: Weil das Ticaret am Abend oft auf Tage hinaus ausgebucht ist, empfiehlt Peffekoven eine sehr zeitige Reservierung. Und auch ein Hinweis für den Mittag: Bei Hochbetrieb kann das Bestellsystem am Tresen Unkundige leicht verwirren. Daher kontraintuitiv rechts anstellen und Order platzieren, dann links bezahlen. Sonst steht man in der falschen Schlange, und am Ende ist der letzte Balik Ekmek gerade verkauft worden. Und das wäre doch wirklich schade.

Ticaret Bistro, Thalkircher Str. 126, 80337 München, Telefon: 089/76 77 46 48. Internet: www.ticaret-munich.com. Öffnungszeiten Fischverkauf: Montag bis Freitag 10.30 bis 18 Uhr, Samstag 9.30 bis 18 Uhr. Öffnungszeiten Bistro: Mittwoch bis Samstag 11.30 bis 14 Uhr und 18 bis 22.30 Uhr. 

Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit vielen Jahren auch online. Mehr als ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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