Rassismus So rassistisch waren die Völkerschauen in München

Vor 125 Jahren starb die 17-jährige "Amazone" Cula. Als sie auf dem Alten Südfriedhof beigesetzt wurde, kamen mehrere Tausend Menschen, warfen als "wilde Horde" Grabsteine um und legten sich mit der Polizei an.

Von Marco Wedig

Die Liste der berühmten Persönlichkeiten, die auf dem Alten Südfriedhof begraben wurden, zählt 54 Namen. Der überwiegende Teil davon sind weiße Männer. Doch es war eine afrikanische Frau, die bei einer der spektakulärsten Beerdigungen, die die Stadt München je gesehen hat, im Mittelpunkt stand. Vor genau 125 Jahren ist sie gestorben. Ihr Name war Cula. Im Alter von 17 Jahren erlag sie einer Lungenentzündung. Der raue Norden habe das "Kind des ewigen Sonnenscheins" zerstört, hieß es damals in den Münchner Neuesten Nachrichten. Selbst als sie tot war, drückte man ihr noch einen exotischen Stempel auf.

Cula war Teil einer Völkerschaugruppe, die Ende 1892 in München gastierte: "Die Amazonen von Dahomey, 40 Personen, aus dem Lande der Menschenopfer und Sklaverei" - so wurde die Gruppe in der Presse beworben. Das Königreich Dahomey, heute Benin, befand sich damals im Krieg mit den Franzosen - perfekte Kolonialpropaganda also. Für einige Wochen scheinen "die Amazonen" das Stadtgespräch gewesen zu sein. 12 000 Besucher pro Woche zählte der Veranstalter. Teilweise mussten die Kassen wegen des großen Andrangs vorzeitig geschlossen werden. Selbst der Prinzregent ließ sich die Show nicht entgehen.

Achtmal am Tag traten die sogenannten Amazonen auf die Bühne: "Voran die gelbe mit drei Totenköpfen gezeichnete Fahne und zwei Weiber, die auf seltsam geformten flaschenartigen Holzinstrumenten trommelten", hieß es in einem Zeitungsartikel. "Eine jede Amazone trug ein Gewehr auf der rechten Schulter und einen Säbel in den linken Hand. Die Kleidung bestand aus kurzen bis zum Knie reichenden rot und gelb gestreiften Röcken, eine miederartige Weste umschloß den Oberleib." Der überwiegende Teil der Gruppe war weiblich. Sie sangen und tanzten für die Zuschauer. Eine der Frauen - die "Oberkriegerin Gumma" - soll zudem Bilder von sich selbst verkauft haben, auf denen sie halbnackt zu sehen war.

Heute werden die Völkerschauen, die im 19. Jahrhundert so populär wurden, als Menschenzoos verurteilt. In der Tat: Der Hamburger Tierparkbesitzer Carl Hagenbeck, der auch die "Amazonen" nach Deutschland lotste, schickte seine Völkerschaugruppen oft auf eine europaweite Tour durch zoologische Gärten. In München traten die "Amazonen" allerdings in den Central-Sälen und im Gärtnerplatztheater auf. Der Tierpark Hellabrunn öffnete erst 1911.

Die Gruppe der "Amazonen" wurde im Laufe der Tournee aufgestockt. Auch Cula stieß erst später hinzu. Wie sie angeworben wurde, wie man sie behandelte und ob sie wusste, was sie in Europa erwarten würde, ist nicht belegt. Es existieren keine Selbstzeugnisse dieser Völkerschaugruppe. In anderen Fällen gibt es Belege für Misshandlungen und Darsteller, die über Zuschauermassen klagten. Andererseits gab es auch Gruppen, für die die Show ein gutes Geschäft darstellte.

Die Darsteller wurden fotografiert und begutachtet

Das war es natürlich auch für Hagenbeck - und für die Wissenschaft oder das, was damals darunter verstanden wurde. Nach München kamen die "Amazonen" wohl auf Einladung der Münchner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Wie rassistisch geprägt die damalige Denkweise war, zeigen die Worte des Vorsitzenden Johannes Ranke: "Während man annahm, daß die Neger im Allgemeinen hinsichtlich ihrer geistigen Entwicklung zwischen Mensch und Affe stehen, zeigen die Dahomey-Neger eine gewisse Intelligenz."

Die Völkerschaudarsteller wurden fotografiert und begutachtet. Der Fall Cula lieferte den Anthropologen noch weiteres Material. "Als sie ins Krankenhaus geschafft wurde, sagte sie beim Abschied zu ihrem Direktor, wenn sie von den 'Weißen' behandelt werden würde, dann käme sie gewiß nicht wieder zu ihm zurück", hieß es in der Presse. Vier Tage lag die junge Frau im Krankenhaus, hatte Angst, dort vergiftet zu werden.

Untypische Kritik an den Schauen

Nach ihrem Tod wurden ihrem Leichnam die Geschlechtsorgane entnommen. Auch der Schädel wurde wohl geöffnet. Erst dann wurde sie in ein buntes Kriegskostüm gekleidet und in einen gelben Sarg gebettet. Einer der Organisatoren der Show, John Hood, legte die Beerdigung wohl absichtlich in die Mittagspause und kündigte sie medienwirksam an, mit Erfolg: Später war die Rede von einer "vieltausendköpfigen Zuschauermenge, die wie eine wilde Horde die Spalierbildung durchbrach, die Gendarmerie zurückdrängte, Grabsteine und Kreuze umwarf und Anlagen zerstampfte".

Vollkommen untypisch für die damalige Zeit wurden die Völkerschauen in einem Artikel der Münchner Post anlässlich Culas Tod als "Geldmacherei" kritisiert. Die "Amazonen" seien "in der rücksichtslosesten Weise von Halbstunde zu Halbstunde" zu Auftritten gezwungen worden. Auch in der Deutschen Kolonialzeitung wurde noch Jahre später Kritik geübt. Allerdings nur, weil es sich gar nicht um "Amazonen aus Dahomey" gehandelt haben soll. Vielmehr seien es Leute gewesen, die in ihrer Heimat Togo, damals unter deutscher Kolonialherrschaft, vom Schiffeentladen gelebt hätten. "Mit welchem Hohn mögen sie später an ihrer Küste von diesen Vorstellungen erzählt haben", so der Autor.

Cula kehrte nicht zurück. Ihr Grab wurde 1921 aufgelöst. Die Gebeine bekam die Anthropologisch-Prähistorische Sammlung. Dort wurden sie im Zweiten Weltkrieg zerstört.

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