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Große Probleme lösen:Studieren und mitregieren

Die Studentin Clara Nitsche hat es auf der Liste der Grünen in den Stadtrat geschafft.

(Foto: oh)

Mit 22 Jahren ist die Grüne Clara Nitsche die jüngste Politikerin im neuen Gremium

Von Anna Hoben

Man erreicht Clara Nitsche am Donnerstagmittag auf dem Weg zu ihren Eltern im Allgäu. Auf einem Berg steigt sie aus dem Auto, mit dem sie vom Zug abgeholt worden ist - dort sei der Empfang gut, sagt sie; doch dafür bläst ein ordentlicher Wind. Home-Office machen kann man natürlich auch im Allgäu, vor allem kann man dort sehr gut Abstand zu anderen halten. Grüne Wiesen, so weit das Auge reicht, "lonely Höfe" und kaum ein Mensch unterwegs, so beschreibt Clara Nitsche, 22, ihre Heimat, die irgendwo zwischen Wangen und Isny liegt. Sie schreibt gerade ihre Bachelorarbeit in Sozialer Arbeit über Mehrgenerationenprojekte. Im kommenden Semester wird sie mit dem Studium fertig sein. Ob sie danach weiter studiert, weiß sie noch nicht. Genug zu tun haben wird sie aber so oder so - denn Clara Nitsche ist am Sonntag für die Grünen in den Stadtrat gewählt worden.

Auf Platz neun war sie angetreten, als Spitzenkandidatin der Grünen Jugend. Am Ende hat sie durch Häufeln sogar noch einen Platz gut gemacht. Künftig wird sie also die jüngste Stadträtin sein - sieben Jahre liegen zwischen ihr und Fraktionsvize Dominik Krause, der bislang das jüngste Stadtratsmitglied war. Den Wahlabend hat sie mit einem Freund aus dem Wahlkampfteam verbracht, zusammen haben sie die Wahlberichterstattung im Fernsehen verfolgt. Es sei schon "bedrückend, dass man sich jetzt nicht persönlich treffen und gemeinsam feiern kann", sagt Clara Nitsche. Am Mittwoch hat die neue Fraktion eine Videokonferenz abgehalten, eine Kollegin hat Fotos gepostet, Stadträtinnen und Stadträte vor ihren Webcams, ein Sektglas. Fraktionssitzung in Zeiten der Corona-Krise, virtuelles Zuprosten inklusive. "Es ist schon eine sehr besondere Situation", sagt Nitsche, "aber die Freude überwiegt." Sie klingt selbstbewusst und spricht etwa beim Thema Wohnen über städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen, Erbbaurecht und sozialgerechte Bodennutzung, als würde sie sich seit Jahren damit beschäftigen. Wie jung sie ist, hört man allenfalls ab und zu an einem "krass", oder wenn sie sagt, dass sie "geflasht" sei - von ihrer eigenen Wahl und davon, dass ihre Fraktion nun die stärkste sei und somit viele Themen setzen könne.

2017 ist Clara Nitsche in die Grüne Jugend eingetreten. Die Klimakrise, Umweltthemen, das alles sei ihr schon immer wichtig gewesen. Nach der Bundestagswahl in jenem Jahr begann sie, Veranstaltungen der Grünen zu besuchen. Für ihr Studienfach Soziale Arbeit hatte sie sich nach dem Abitur entschieden, "um die Welt zu einem besseren Ort zu machen und Menschen zu befähigen, sich selbst zu helfen". Während verschiedener Praktika habe sie allerdings gemerkt, wie frustrierend die "individuelle Einzelfallarbeit" sein kann, und dass sich "die großen gesellschaftlichen Probleme so nicht lösen lassen". Deshalb entschied sie, politisch aktiv zu werden. Trotzdem macht ihr die Arbeit mit sozial schwächeren oder kranken Menschen Spaß: Sie arbeitet in einem Netzwerk für suchtkranke Mütter und engagiert sich ehrenamtlich in einer Beratungsstelle für psychisch Erkrankte.

Vor ihrer Bewerbung als Kandidatin war sie ein paarmal im Stadtrat dabei, Parteikolleginnen haben sie in Ausschüsse mitgenommen. Das sei beim ersten Mal ganz schön verwirrend gewesen, "aber wenn man bei den Vorbesprechungen dabei ist, hilft es". Gleichaltrige in ihrer "Bubble", sagt sie, finden es toll, dass sie sich politisch engagiert - viele Freunde hat sie natürlich gerade über die Grüne Jugend gefunden. Auch von ihren Eltern erfahre sie viel Unterstützung. Ein paar Tage bleibt sie nun bei ihnen im Allgäu. Zum Aufwachsen war es toll dort, sagt sie, in der Pubertät dann eher ätzend, einmal am Tag fuhr ein Bus, und am Sonntag gar nichts. Nach dem Abitur plötzlich in der Großstadt, "das war eine andere Welt, eine, die mir sehr gut gefällt". Am Sonntag kommt sie zurück - Nachtdienst. Wenn es dann los geht im Stadtrat, darauf freut sich Clara Nitsche schon.

© SZ vom 20.03.2020
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