Grenzland-Filmtage Selb:Grenzgänger, Geisterfänger

Zwei ist eine gute Zahl

Hinter der schönen Fassade liegt das Unheimliche: Philip Dechamps, Sonka Vogt und Tim Borys im Psychothriller "Zwei ist eine gute Zahl".

(Foto: Holger Borggrefe)

Filmtage Selb zeigen online Produktionen aus Osteuropa und Bayern. Darunter ist ganz schön harte Kost.

Von Josef Grübl, Selb

Ein bisschen Spaß muss sein, findet Mayas Discobekannter und bietet der 16-Jährigen seine Spaßmacher an: "Gras, Pillen, Koks - brauchst du was?" Doch Maya will etwas ganz anderes, traut es sich aber noch nicht zu sagen. Maya ist die traurige Heldin des deutschen Spielfilms "Nothing More Perfect", einem der Programmhighlights der diesjährigen Grenzland Filmtage in Selb. Das seit 1977 stattfindende Festival in der oberfränkischen Porzellanstadt ist eines der ältesten der Republik, vergangenes Jahr musste es ausfallen, dieses Jahr findet es online statt. Das ist aus Sicherheitsgründen wie aus Sichtbarkeitsgründen zu begrüßen: Denn damit stehen die Filmtage auch jenen offen, die nicht nach Selb kommen können. Oder wie es Kerstin Fröber, eine der Organisatorinnen, umschreibt: "Getreu unseres Mottos eines grenzüberschreitenden Festivals waren wir gezwungen, eine weitere Grenze zu überschreiten."

Auch inhaltliche Grenzüberschreitungen gehören dazu, noch bis Mittwoch, 21. April, stehen 96 Produktionen aus 40 Ländern auf der Website der Filmtage zum Streamen bereit. Es sind viele Kurzfilme dabei, aber auch Spiel-, Dokumentar- und Kinderfilme. Das Festival legt seit jeher einen Schwerpunkt auf osteuropäisches Kino, dieses Jahr wurden Filme aus Russland, Rumänien, Litauen oder der Ukraine eingeladen. Auch Produktionen aus dem ausgefallenen Festivaljahrgang 2020 werden nachgeholt.

Trotzdem ist es eine Umstellung, lebt doch dieses Festival von seinem ganz eigenen Charme und den Begegnungen zwischen Branche und Publikum. Neben den osteuropäischen Filmen gibt es viele deutsche Produktionen zu sehen, das eingangs erwähnte Spielfilmdebüt von Teresa Fritzi Hoerl etwa: Das traurige Teenager-Mädchen Maya hegt in "Nothing More Perfect" Selbstmordgedanken, ein schwieriges Thema, das die Regisseurin und Drehbuchautorin recht sensibel aufgreift. Ihr von der HFF München koproduzierte Film ist ein echter Festivalliebling, er war letztes Jahr auch bei einigen anderen Festivals zu sehen. Noch recht neu ist "Zwei ist eine gute Zahl", das Psychodrama der Münchner Regisseure Holger Borggrefe und Stefan Hering feierte im März Online-Premiere beim Snowdance Film Festival. Es geht um einen Mann im Rollstuhl (Philip Dechamps), der alleine in einer Hütte am See lebt und mit den Geistern seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Gedreht wurde am Kirchsee bei Bad Tölz, am Ammersee und in Vilgertshofen. "Es gab keine Förderung, keine Redaktion, keinen Verleih", sagt Hering, der lange Zeit als Autor für die Bayern-Soap "Dahoam is dahoam" arbeitete und hier die Unabhängigkeit des Low-Budget-Filmemachens erkundete.

Zu den Grenzland Filmtagen gehören auch grenzüberschreitende Dokumentarfilme, die Kurzdokus "Die letzte erste Tanke" etwa (über Tanktourismus im deutsch-tschechischen Grenzgebiet) oder "Schichteln" (über die Arbeit in einer Glashütte in der Region). Am Ende des Festivals werden auch die Preise verliehen, in einer Art virtuellen Kneipe sollen sich Macher, Organisatorinnen und Publikum austauschen. Fast so wie im Kinofoyer nach dem Ende einer Vorstellung.

44. Grenzland Filmtage Selb, noch bis Mittwoch, 21. April, www.grenzlandfilmtage-selb.de

© SZ vom 13.04.2021/van
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