Techno und Electro in MünchenDie späte Karriere des Gregor Tresher

Lesezeit: 2 Min.

Gregor Tresher begann als Plattensammler und wurde zum Sound-Innovateur.
Gregor Tresher begann als Plattensammler und wurde zum Sound-Innovateur. (Foto: Bernd Bodtländer)

Auf seinen kommerziellen Durchbruch musste Gregor Tresher lange warten. Als Spezialist für die Grauzone zwischen Techno und Electro zählt der Frankfurter heute zu den gefragtesten Künstlern der elektronischen Musik. Nun ist er im Bahnwärter Thiel zu erleben.

Von Martin Pfnür

Frankfurt am Main und der Techno, das ist eine Liebesgeschichte, die jetzt auch schon gute dreieinhalb Jahrzehnte währt. Sie begann so richtig in den späten Achtzigern als etwas kurioser Rückkopplungseffekt einer deutsch-amerikanischen Freundschaft musikalischer Natur: Waren es nicht zuletzt die Düsseldorfer Electro-Pop-Pioniere Kraftwerk, die mit ihrer robotischen Proto-Maschinenmusik Techno-Urväter aus Detroit wie Derrick May oder Juan Atkins zu ihrem unterkühlt futuristisch gestalteten Detroit-Techno inspirierten, so schwappte ebendieser schließlich auf rührend analoge Weise wieder nach Deutschland zurück.

Über die Plattensammlungen von in Hessen stationierten US-Soldaten mit progressivem Musikgeschmack verbreitet, begann an Orten wie dem legendären Frankfurter Flughafen-Edelclub „Dorian Gray“ oder dem „Omen“ (wo damals ein junger Resident-DJ namens Sven Väth auflegte) eine Musik zu zirkulieren, deren kathartische Energie derart revolutionär ausfiel, dass der Boden für einen in den Neunzigern vielfältig interpretierten „Sound of Frankfurt“ alsbald bereitet war.

Gregor Tresher, Jahrgang 1976, ist damals zwar noch eine gute Ecke zu jung, um dabei eine Rolle in seiner Stadt zu spielen. Als begeisterter Nachwuchsplattensammler und Kinderzimmer-DJ geht der omnipräsente Frankfurter Techno-Hype aber natürlich trotzdem nicht an ihm vorbei. Und so landen neben seinen britischen New-Wave- und Synthie-Pop-Heldinnen und -Helden wie Anne Clark oder The Human League eben bald auch diverse frühe Techno-Tracks auf seinen Plattentellern, bevor er sich von 1993 an mit ersten kleinen Gigs als DJ in den hart umkämpften Frankfurter Clubs die Sporen verdient.

Sein Weg zum Durchbruch ist dann ein vergleichsweise langer, dafür aber umso nachhaltigerer. Bis ins neue Jahrtausend hinein sollte es noch dauern, dass erstmals Musik aus seiner Feder, oder besser: aus seinen Maschinen erscheint. Zu seinem Schaden ist das freilich trotzdem nicht. Denn wer sich durch Treshers frühe Produktionen unter seinem Alias Sniper Mode hört (wie etwa seine Debüt-EP „Big City Lights“ von 2001), bekommt dort eine Form von Electro serviert, die mitunter derart clever vom melodischen Synthie-Pop-Geist seiner frühen New-Wave-Inspirationen durchdrungen ist, dass recht schnell klar wird: Hier hat einer eine Idee erst mal ordentlich reifen lassen, bevor er sie zu Musik gemacht hat.

Sven Väth machte ihm einst ein Remix-Angebot

Die Früchte dieser Geduld lassen denn auch nicht lange auf sich warten. Erst ist es die einst für die Münchner Rave-Szene lange Jahre prägende DJ Monika Kruse, die Tresher in den erlesenen Kreis ihres innovationsbewussten Labels Terminal M aufnimmt, und seinem Sound damit auch einen neuen Spin Richtung Techno verpasst. Und dann wird mit Sven Väth auch noch der Pionier und ewige Superstar der deutschen Techno-Landschaft mit einem Remix-Angebot eines Tracks bei ihm vorstellig, dessen Titel wie ein Lockruf in höhere Sphären wirkt: „Komm“.

Schön doof also, wer da nicht kommen würde. Und so verzwirbelt Tresher diese bratzig gegen den Strich gebürstete Kollaborationsnummer zwischen Väth und dem punkigen Frankfurter Electro-Spezialisten Anthony Rother mit einer ebenso elegant wie kraftstrotzend schnurrenden Verve, auf der er nichts weniger als eine Karriere gründet. Rund 20 Jahre ist das jetzt her. 20 Jahre, in denen sich Gregor Tresher vom Geheimtipp mit außerordentlicher Melodiebegabung zum mehrfach vom Fachmagazin Groove als „Produzent des Jahres“ ausgezeichneten Supertüftler auf der Kante zwischen feinteiligem Electro und wuchtigem Techno gemausert hat.

Sein 2007 über das Münchner Label „Great Stuff“ veröffentlichtes Debütalbum „A Thousand Nights“ samt der hypnotisierend ins Crescendo geschickten Synthiekaskaden des meisterlichen Titeltracks; sein Live-Set beim Riesenfestival „Nature One“, das als anderthalbstündige Idealsymbiose zwischen Techno-Körperlichkeit und erhebender Atmosphärenschichterei auch im Hochkultur-Programm von „Arte Concerts“ zu bestaunen ist; seine erfrischend unkonventionellen Remix-Arbeiten für Gruftiweltbands wie Depeche Mode („Soothe My Soul“) oder The Cure („Endsong“) – all das sind Wegmarken eines Spätdurchstarters, die glorreich unterstreichen, dass gut Ding manchmal eben Weile haben will.

Gregor Tresher, Freitag, 10. Oktober, Bahnwärter Thiel, Tumblingerstraße 45

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Sarah Bosetti über Demokratie
:„Meine Faust besteht aus Nebensätzen“

Die Komikerin und Moderatorin Sarah Bosetti hat ein Buch geschrieben: „Make Democracy Great Again“. Man fragt sich: Wie soll das denn gehen? Ein Gespräch mit einer, die wohl eine Idee hat.

SZ PlusInterview von Thomas Becker

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: