Geht es um die Auswirkungen der Pandemie auf die Mode, ist meist von der Jogginghose als neuem Arbeitsoutfit oder der Misere des Einzelhandels die Rede. Mirjam Smend, die Veranstalterin von "Greenstyle", einer Messe für nachhaltige Mode, sieht aber auch positive Auswirkungen: Die Pandemie habe das Thema Nachhaltigkeit beflügelt, sagt sie. Ein Gespräch über unterbrochene Lieferketten und den Wert von Mode.
SZ: Corona hat Themen wie Klimawandel und Umweltschutz in den Hintergrund gedrängt. Dennoch sagen Sie, die Pandemie bringe die nachhaltige Mode voran. Wie passt das zusammen ?
Mirjam Smend: Mit Corona fehlten auf einmal die Meinungsbildner: Greta Thunberg war von der Bildfläche verschwunden, Fridays for Future fand digital statt. Dinge wie Demonstrationen, die ein Wir-Gefühl schaffen, sind gerade nicht möglich. In den Köpfen aber lebten die Ideen weiter. Und als die Leute dann erstmals im Lockdown zu Hause saßen, haben sie versucht, es sich schöner zu machen. Da war ein Wunsch nach Bereinigung spürbar: Es wurde wahnsinnig viel ausgemistet, die Textilsammelstellen quellen über. Und vor allem Fast Fashion wurde aussortiert. Man hat sich von dem billigen Kram getrennt.
Secondhand-Mode boomt dagegen ...
Secondhand-Mode war schon vor Corona ein Trend. Aber die Akzeptanz ist eine andere. Secondhand gilt nicht mehr als muffig, sondern ist in der High Fashion angekommen. Auch die großen Firmen richten sich plötzlich Plattformen ein. Das Kaufen und Verkaufen soll den Leuten so leicht wie möglich gemacht werden.
Als 2012 Die Kleiderei in Hamburg gegründet wurde, galt sie als Pionier. Inzwischen setzen sich Kleiderleihsysteme immer mehr durch. Was tut sich da in München?
Mit dem Leihen haben es einige versucht: Bei Tchibo Share konnte man Kinderkleidung mieten, ich fand die Idee großartig, es hat aber nicht funktioniert. Vielleicht waren sie zu früh dran. Denn Sharing ist ein großes Thema. In München entstehen gerade Plattformen zum Tauschen und Leihen von Kleidern wie etwa "Clothesfriends", wo Privatpersonen ihre Sachen einstellen können. Dazu richten sie in der Stadt Übergabeorte ein: Vera bringt ein Kleid an den Ort XY, damit Susanne es auf einer Hochzeit anziehen kann.
München gilt als hartes Pflaster für kleine Labels und Modeläden, die unter den hohen Mieten ächzen. Wie kommen die durch die Krise?
Erst waren natürlich alle vor den Kopf gestoßen. Viele haben dann angefangen, Stoffmasken zu produzieren, was sich ja mittlerweile auch erledigt hat. Es gibt aber auch einige, die die Zeit genutzt haben, um sich online besser aufzustellen. Andere machen mit Kreativität auf sich aufmerksam: In der Herzogstraße stellen die Inhaber eines Ladens ihre Puppen in immer anderen Outfits auf die Straße und machen Fotos.
Wie haben sich die Maßnahmen gegen das Coronavirus auf diejenigen Menschen ausgewirkt, die einen großen Teil unserer Kleidung fertigen - die Textilarbeiter in Asien?
Als im Lockdown die Geschäfte schließen mussten, war die Ware bereits in Produktion oder fertig produziert. Viele große, namhafte Firmen haben den Textilfabriken in Bangladesch und Co. die bestellten Sachen aber nicht abgenommen. Die allerdings hatten etwa ihre Baumwolle schon eingekauft. Die Unterbrechung der Lieferkette war eine Katastrophe, humanitäre Krisen brachen aus, es kam zum Aufschrei und zu Kampagnen wie #PayUp oder #PayYourWorkers. Durch diesen Druck hat es das Thema auf die öffentliche Agenda geschafft. In der Pandemie ist uns bewusster geworden, was wir mit unserem Konsum auf der anderen Seite der Welt verursachen.
Was halten Sie von den Forderungen, die Textilproduktion nach Europa zurückzuholen?
Wie soll das gehen, nachdem wir so lange in Asien haben produzieren lassen? Die Änderungsschneiderei an der Ecke kann das nicht leisten. Ich bin der Meinung, es muss weiter produziert werden, und es muss auch weiter dort produziert werden. Aber es geht um die Bedingungen: Wir müssen weniger mit besserer Qualität herstellen und die Leute fair bezahlen. Nicht die nachhaltige Mode ist zu teuer, sondern die konventionelle Mode ist zu billig. Ein T-Shirt kann einfach nicht zehn Euro kosten.
Dazu müssten die Leute aber zunächst den Wert von Mode verstehen, oder?
Total. Das Problem ist, dass sich der Konsument an das Billige gewöhnt hat. Früher haben die Leute sich einen Mantel maßfertigen lassen, auf den sie lange gespart, den sie geehrt, geschätzt und gepflegt haben. Durch die Fast Fashion ist Mode zu einem Wegwerfprodukt geworden. Und davon müssen wir wegkommen.
Was also tun?
Entweder kauft man nichts - oder man kauft das andere. Aber wir müssen aufhören, zu viel von den falschen Sachen zu kaufen.
Die Messe für nachhaltige Mode "Greenstyle" wird dieses Jahr als digitale Konferenz abgehalten. Das Digitalformat kann man kostenlos im Internet verfolgen an diesem Donnerstag von 16 bis 20.45 Uhr und an diesem Freitag von 16 bis 20.30 Uhr. Mehr Informationen und Online-Registrierung unter www.greenstyle-muc.com.
